Hotel Mama

Wer wen nicht akzeptiert oder warum es am besten ist, Kirstens Mutter zu hassen.

Sohn: Morgen! Habt ihr schon gefrühstückt?
Mutter: Morgen ist gut. Es ist halb drei.
Sohn: Na und? Heute ist Sonntag.
Vater: Gibt’s einen Wochentag, an dem du morgens aufstehst?
Sohn: Bitte! Ich bin 21! Ich bin ein erwachsener Mensch. Ich kann selber entscheiden, wann ich aufstehe. Ist noch Kaffee da?
Vater: Es ist halb drei.
Sohn: Um die Zeit hat es in ordentlichen Familien gerade Mittagessen gegeben, und es wird Kaffee getrunken.
Mutter: Kann sein. Bei uns nicht.
Sohn: Willst du mich jetzt bestrafen oder was?
Mutter: ???
Sohn: Ich kriege kein Frühstück, nur weil ich nicht um acht aus dem Bett springe wie ein Gestörter? Das ist doch kindisch.
Mutter: Du bist 21.
Sohn: Ja, und?
Mutter: Man sollte annehmen, dass du dir selber was zum Essen nehmen kannst.
Sohn: Natürlich kann ich. Es geht ja nicht darum, dass das eine Hexerei ist. Ich hab nur geglaubt, du willst vielleicht einmal nett zu mir sein.
Mutter: Gleich bricht mir das Herz.
Sohn: Nein, im Ernst. So was gehört zum Familienleben. Woanders.
Vater: Wenn du so wild bist auf Familienleben, warum frühstückst du dann nicht mit uns?
Sohn: Wollt ihr mich erpressen?
Vater: Vielleicht solltest du einmal das Wort Erpressung nachschlagen.
Sohn: Sollte ich nicht. Ich weiß schon, was ich sage. Du willst, dass ich so lebe, wie du es für richtig hältst. Weil du ein Frühaufsteher bist, muss ich auch früh aufstehen.
Vater: Ich bin überhaupt kein Frühaufsteher.
Sohn: Nach deiner Definition vielleicht nicht. Aber deine Definitionen gelten nicht für alle anderen. Kannst du mich nicht so akzeptieren, wie ich bin? Übrigens wart ihr furchtbar laut.
Mutter: ???
Sohn: Wenn ihr durchs Haus geht, zittert der Boden.
Mutter: Warum akzeptierst du uns nicht, wie wir sind?
Sohn: Ha, ha. Tu ich doch. Ich verlange nicht, dass ihr eure Wertvorstellungen ändert oder so was. Ich finde nur, ihr könntet ein bisschen Rücksicht nehmen.
Mutter: So wie du?
Sohn: Zum Beispiel. Ich war den ganzen Vormittag leise.
Vater: Nachdem du dich beim Heimkommen verausgabt hast. Da hast du nämlich mit den Türen geknallt.
Sohn: Soll ich sie offen stehen lassen?
Mutter: Nein, nur leise zumachen.
Sohn: Wenn die Schlösser geölt wären, würden sie besser schließen.
Vater: Bravo! Wenn du das so logisch erkennst, warum ölst du sie nicht?
Sohn: Nicht böse sein, aber bin ich hier der Hausmeister?
Mutter: Sind wir’s?
Sohn: Nein, aber es ist euer Haus. Gott, haben wir keinen anderen Käse daheim? Wieso gibt’s bei uns immer nur die grauslichsten Käsesorten?
Mutter: Wieso kaufst du nicht selber ein?
Sohn: Entschuldige – was soll ich noch alles machen? Schlösser ölen, einkaufen … Darf ich euch daran erinnern, dass ihr die Eltern seid, nicht ich?
Vater: Du bist 21. Du bist ein erwachsener Mensch.
Sohn: Das heißt aber nicht, dass sich die Rollen umkehren. Sind meine Jeans gewaschen?
Mutter: Du bist alt genug, um zu machen, was du willst, aber zu klein, um eine Waschmaschine zu bedienen?
Sohn: Zu klein! Merkst du nicht, wie lächerlich das klingt?
Mutter: Richtig. Es ist lächerlich.
Sohn: Bitte! Ich verlange ja nicht, dass du extra was für mich tust, aber du wäscht doch sowieso! Kochst du heut Abend?
Vater: Wir sind eingeladen.
Sohn: Na gut, kochen wir halt selber. Sind noch Hühnerfilets im Tiefkühler?
Mutter: Ihr kocht?
Sohn: Kirsten kommt her.
Mutter: Könnt ihr vielleicht ausnahmsweise die Küche nicht versauen? Oder aufräumen, nachdem ihr sie versaut habt?
Sohn: Mama, kannst du bitte aufhören, dich in mein Leben zu mischen? Du willst alles klinisch sauber. Ich nicht.
Vater: Und wie nennst du das, was du mit unserem Leben machst?
Sohn: Ich mache gar nichts damit. Ich sage ja nicht, dass hier alles keimfrei sein muss.
Mutter: Wieso bestimmst du, wie es hier sein muss oder nicht sein muss?
Sohn: Ich hab geglaubt, solange ich hier wohne, ist das auch mein Haus. War nur so eine Annahme. Hab gedacht, hier herrscht so was wie Demokratie.
Vater: Na ja, du bist 21. Du könntest auch ausziehen.
Sohn: Gern. Zahlt ihr mir eine Wohnung?
Vater: Als wir ausgezogen sind von daheim, haben wir uns selber eine Wohnung gezahlt.
Sohn: Und Peter Rosegger war ein Waldbauernbub.
Mutter: Was soll das wieder heißen?
Sohn: Die Zeiten haben sich geändert. Übrigens finde ich es nicht in Ordnung, dass du Kirsten mies machst.
Mutter: ???
Sohn: Wieso soll sie deine Küche aufräumen?
Mutter: Nicht sie. Ihr. Wenn ihr darin kocht.
Sohn: Wir kochen nur, weil du uns nichts kochst. Ihre Mutter kocht für uns, wenn wir dort sind. (Sohn ab).
Vater: Manchmal habe ich den Eindruck, wir reden Chinesisch mit ihm.
Mutter: Ich hasse Kirstens Mutter!!!
Vater: Warum?
Mutter: Irgendwen muss ich hassen dürfen.