Hotel Mama II

Von falschen Erinnerungen, darbenden Enkelkindern und schwer schuftenden Brüdern.

Großmutter: Wie geht’s meinem Enkel? Was macht er?
Mutter: Ist mit Freunden unterwegs. In der Stadt.
Großmutter: In der Stadt? Wo?
Mutter: Keine Ahnung.
Großmutter: Du weißt nicht, wo dein Kind ist???
Mutter: Das Kind ist 21!
Großmutter: Ja, und? Ich hab immer gewusst, wo du bist.
Mutter: Leider.
Großmutter: Hast du vorgekocht? Damit er sich wenigstens etwas wärmen kann, wenn er vor dir heimkommt?
Mutter: Bei uns gibt es doch nie was anderes als Wasser und Brot. Und ich glaube nicht, dass er warmes Wasser mag.
Großmutter: Du musst nicht gleich ausfallend werden. Er braucht ordentliche Mahlzeiten. Er ist viel zu dünn.
Mutter: Gemessen an Bud Spencer: ja.
Großmutter: Er ist im Wachsen. Wenn er nicht ordentlich isst, wird er tuberkulos.
Mutter: Mama! Soll ich ihm einen Cholesterinspiegel von 350 anzüchten?
Großmutter: Papperlapapp! Die ganze Hysterie mit dem Cholesterin ist Unfug, das weiß man inzwischen.
Mutter: Weil wir bei den Leiden sind: Wenn ich weiter meine Zähne so zusammenbeiße, werd ich ein Fall für die Kieferorthopädie.
Großmutter: Du bist für seine Gesundheit verantwortlich. Er arbeitet schwer. Er studiert den ganzen Tag.
Mutter: Ich arbeite schwer. Sein Eifer beim Studieren hält sich in engen Grenzen.
Großmutter: Ach, was. Du warst genau so.
Mutter: Hör einmal, ich hab in Windeseile studiert!
Großmutter: Ja, weil ich dich zum Lernen angehalten habe.
Mutter: Du meinst, mit mir hat das nichts zu tun gehabt?
Großmutter: Aber du bist ja viel zu wenig daheim, um ihn zum Lernen anzuhalten.
Mutter: Du weißt schon, dass ich mich nicht zum Zweck des Orgienfeierns außer Haus begebe, oder?
Großmutter: Darum geht es nicht. Es geht um Ursache und Wirkung. Denkst du vielleicht, ich war gern daheim?
Mutter: Warst du nicht?
Großmutter: Warum sollte ich? Glaubst du, ich habe mich beim Staubwischen selbst verwirklicht?
Mutter: Ach, das alte Lied. Du hast dich geopfert.
Großmutter: Richtig. Das Los der Mütter.
Mutter: Vor allem, wenn sie es an ihre Töchter weitergeben.
Großmutter: Ich möchte nur, dass es meinem Enkel gut geht.
Mutter: Es geht ihm doch gut. Warum zweifelst du daran?
Großmutter: Weil du dich nicht genug um ihn kümmerst.
Mutter: Meinst du wirklich, dass ein erwachsener junger Mensch verhungert, wenn seine Mutter ihm nicht den ganzen Tag Häppchen in den Schnabel stopft?
Großmutter: Er ist nicht erwachsen.
Mutter: Komisch, als ich in seinem Alter war, hast du das anders gesehen.
Großmutter: Und – hat’s was genützt?
Mutter: Ich hab gejobbt neben dem Studium! Ich war in Windeseile fertig und danach bin ich ausgezogen!
Großmutter: Und deine Wäsche habe ich gewaschen. Noch Jahre danach.
Mutter: Ja, weil du das unbedingt wolltest.
Großmutter: Ich nicht. Du.
Mutter: Warum hast du dich dann nicht gewehrt?
Großmutter: Hab ich. Du hast es nicht ernst genommen.
Mutter: Also, du tust ja so, als wäre ich ein verzogenes, parasitäres Balg gewesen.
Großmutter: Du warst sehr verwöhnt, ja.
Mutter: Bitte! Dazu warst du viel zu streng.
Großmutter: Ich? Streng? Dass ich nicht lache!
Mutter: Manchmal denke ich, wir haben nie zusammengelebt. Sonst müssten sich doch unsere Erinnerungen decken.
Großmutter: Ich mache mir einfach Sorgen um den Buben. Ständig nörgelst du an ihm herum. Das ist nicht gut.
Mutter: Während du mich unterstützt und bestätigst.
Großmutter: Du redest nur von dir. Von mir hast du das nicht.
Mutter: Nein, Mama, du bist eine selbstlose Frohnatur.
Großmutter: Bin ich auch. Verlange ich was von dir? Nein. Tante Trudes Tochter geht jeden Tag für sie einkaufen.
Mutter: Wer jeden Tag einkaufen geht, ist ein Organisationstrottel.
Großmutter: Es geht um die Geste.
Mutter: Wann soll ich deiner Meinung nach das Geld verdienen, von dem dein Enkel und ich leben?
Großmutter: Geld ist nicht alles. Man kann sparen. Ich musste immer sparen.
Mutter: Okay, Mama, dein Leben war beschissen. Ändert sich was dran, wenn meins ebenfalls beschissen ist?
Großmutter: Wie kommst du dazu, so was zu sagen? Mein Leben war nicht beschissen.
Mutter: Ich denke, du hast dich geopfert?
Großmutter: Ich habe es gern getan.
Mutter: Du hast dich gern geopfert?
Großmutter: Wenn man seine Kinder liebt, ist es kein Opfer.
Mutter: Apropos deine Kinder: Was ist mit meinem wunderbaren Bruder? Kümmert der sich ausreichend um dich?
Großmutter: Natürlich.
Mutter: Kauft er für dich ein?
Großmutter: Sei nicht lächerlich. Er arbeitet den ganzen Tag.
Mutter: Wozu? Warum spart er nicht lieber?
Großmutter: Immer diese kindische Eifersucht.
Mutter: Ach, der Arme! Arbeitet! So was! Wahrscheinlich kaufst du für ihn ein.
Großmutter: Na und? Soll er abends, wenn er heimkommt, vor einem leeren Kühlschrank stehen?
Mutter: DU TUST WAS???
Großmutter: Du könntest ihn auch ab und zu zum Essen einladen. Aber du kochst ja nicht einmal für deinen Sohn.