„Ich kann schon manchmal durchdrehen“

Jürgen Melzer, Österreichs bester Tennisspieler, über seine bisher erfolgreichste Saison, Geldsorgen und warum Doping im Tennis keinen Sinn macht.

Interview: Gunther Müller, Robert Treichler

profil: Vor uns sitzt der beste Jürgen Melzer, den es je gab. Sie sind jetzt beinahe 30 und Nummer 13 der Welt – was ist früher schiefgelaufen?
Melzer: Ich würde nicht sagen, dass ich früher schlecht war, aber es hat sich in den vergangenen Jahren vieles getan. Im August 2007 habe ich Joakim Nyström (Melzers Trainer, Anm.) kennen gelernt und mit ihm zu trainieren begonnen. Natürlich wird man mit zunehmendem Alter auch gescheiter: Man trainiert konsequenter, ändert sein Verhalten am Platz.

profil: Sie waren früher doch nicht weniger diszipliniert im Training?
Melzer: Nein, aber ich habe Trainingseinheiten oft heruntergespult, sie einfach hinter mich gebracht, jetzt ist meine Einstellung eine ganz andere.

profil: Sie trainieren also nicht länger und mehr, sondern intensiver. Was macht Joakim Nyström anders als Ihr alter Trainer?
Melzer: Joakim hat mein Spiel konstanter gemacht. Ich habe früher eher zerfahren gespielt, viel ausprobiert und nie eine klare Linie in meinem Spiel gefunden. In den ersten Wochen und Monaten haben wir fast ausschließlich an Cross-Schlägen gearbeitet: immer und immer wieder die gleichen Bälle, ohne dass sich an Richtung und Höhe etwas ändert. Das hat immer besser funktioniert, aber es dauert eben länger, bis die Früchte dieses Trainings wirklich zum Tragen kommen.

profil: Wie viele Leute arbeiten mit Ihnen?
Melzer: Ich arbeite mit Joakim als Trainer, mit Ronnie Leitgeb als Manager, mit einem Ausdauertrainer und einem Ersatzcoach.

profil: Hätten Sie den richtigen Trainer schon mit 21 Jahren gehabt, wären Sie dann früher so gut geworden, wie Sie jetzt sind?
Melzer: Nicht mit 21 Jahren, da war ich noch nicht so weit, aber mit 25 wäre ich sicher besser gewesen.

profil: Früher haben Sie oft cholerisch reagiert, wenn ein Spiel schlecht lief. Heute passiert das kaum noch. Wie wichtig ist die mentale Stärke?
Melzer: Ronnie Leitgeb hat mir geraten: „Denk mehr darüber nach, was du am Platz machen willst. Du darfst dem Gegner nicht zeigen, wenn du eine Schwächephase hast und frustriert bist.“ Darüber haben wir immer wieder gesprochen, und da habe ich viel dazugelernt.

profil: Das heißt, dass Sie in Partien Ihren Frust nicht zeigen wollen?
Melzer: Es geht darum, sich nicht frustrieren zu lassen, wenn es schlecht läuft.

profil: Und so etwas kann man lernen?
Melzer: Ich habe gelernt, Fehler zu akzeptieren. Niemand spielt fehlerlos, es gibt Tage, an denen es besser läuft, und Tage, an denen man wenig zustande bekommt. Es geht immer darum, in einer Partie mit den tagesbedingten Stärken und Schwächen so umzugehen, dass man einen Weg findet, um zu gewinnen. Manchmal reicht eine schlechte Leistung für einen Sieg.

profil: Was ist in Ihrer Tenniskarriere noch drinnen?
Melzer: Ich habe es definitiv drauf, in die Top Ten zu kommen. Ob es dann auch passiert, ist eine andere Geschichte, da spielen sehr viele Faktoren mit.

profil: Wahrscheinlich ist aber etwas Eile geboten – Sie wären unter den Top Ten bereits jetzt der älteste Spieler.
Melzer: Roger Federer ist, wie ich, 29 Jahre alt. Das Alter spielt in diesem Fall keine Rolle. Ich denke, dass ich noch zwei bis vier Jahre auf diesem Niveau mitspielen kann.

profil: Ist das ungefähr der Zeitrahmen, den Sie sich gesetzt haben: vier Jahre noch?
Melzer: Bis 33 will ich auf jeden Fall noch Tennis spielen.

profil: Vielleicht geht es ja auch noch viel länger. John McEnroe hat mit 47 noch ein ATP-Turnier gewonnen.
Melzer: Ja, das wird es bei mir aber sicher nicht spielen, irgendwann habe ich genug.

profil: Was unterscheidet Sie eigentlich noch von den Top drei der Welt: Nadal, Djokovic und Federer. Ist es das spielerische Können oder Konsequenz? Djokovic haben Sie ja schon in Paris geschlagen.
Melzer: Nadal und Federer würde ich da -herausnehmen, die sind wirklich noch eine Klasse über mir, aber von einem Djokovic unterscheidet mich nicht viel, er bringt seine Leistung noch konstanter. Außerdem misst er sich mit den beiden Top-Spielern schon über einen längeren Zeitraum. Ich habe erst heuer damit begonnen. Das sind unbezahlbare Erfahrungen, auf die man in den nächsten Matches zurückgreifen kann.

profil: Haben Sie aus Ihrem Talent das Optimum herausgeholt?
Melzer: Diese Frage kann ich definitiv mit Ja beantworten. Und doch kann ich immer noch mehr herausholen. Das Handwerk, mit dem ich heute gewinne, reicht morgen womöglich nicht mehr für einen Sieg. Es geht also noch mehr.

profil: Es ist erstaunlich, wie sich Tennisspieler optisch verändert haben: Björn Borg war in den siebziger Jahren der beste Spieler und sah aus wie ein schmächtiger Hippie, die Top-Spieler von heute sind richtige Athleten.
Melzer: Unter den besten Spielern gibt es keinen, der nicht topfit ist. An einem Tag einmal eine schlechte Rückhand oder Vorhand zu haben ist eine Sache, aber wenn du nicht fit bist, wirst du mit Sicherheit dein Match verlieren.

profil: Ich habe gelesen, dass Doping im Tennis bereits eine große Rolle spielt. Wie oft werden Sie kontrolliert?
Melzer: Heuer bin ich schon 15-mal getestet worden. Doping ist im Tennis wenig sinnvoll. Es gibt hie und da schwarze Schafe, aber keine Substanz zeigt dir, wie du die Vor- oder Rückhand schlägst. Dieser Sport ist einfach viel zu komplex für Doping.

profil: Was war die längste Zeit in diesem Jahr, in der Sie keinen Schläger in der Hand hatten?
Melzer: Ich habe vielleicht einmal fünf Tage nicht gespielt, aber sicher nicht länger. Am Ende der Saison mache ich zehn Tage Pause, mehr geht nicht.

profil: Haben Sie manchmal das Gefühl: Es reicht mir, ich habe echt keine Lust zu spielen?
Melzer: Komischerweise nicht. Man ist in so einem Rhythmus drinnen und ist die Strapazen vom Spielen und vielen Reisen gewohnt. Wenn ich jetzt einmal zwei Wochen pausieren würde, wäre es viel schlimmer. Man gewöhnt sich irgendwann an dieses Leben und weiß, dass man Opfer bringen muss und dass es derzeit nicht anders geht.

profil: Ist Ihr momentanes Leben ein Opfer, oder macht Ihnen das Tourleben Spaß?
Melzer: Es gibt solche Tage und solche. Natürlich ist es nicht schön, nur selten seine Familie und seine Freunde zu treffen. In solchen Momenten denkt man schon, dass man ein Opfer bringt. Wenn man dann aber in einem Turnier richtig gut spielt und Erfolg hat, wiegt es das wieder auf.

profil: Sie haben in Ihrer Karriere schon fünf Millionen Dollar verdient.
Melzer: Ja, schön, wenn ich die auch besitzen würde.

profil: Wieso, haben Sie das Geld verschleudert?
Melzer: Nein, aber fünf Millionen Dollar Preisgeld sind Angaben, die man liest. Tatsächlich aber bekommt man viel weniger. Von seinem Preisgeld muss man 30 Prozent versteuern, die werden beim Turnier abgezogen. Außerdem hat man sehr viele Ausgaben: Ich muss Trainer, Physiotherapeuten Hotels und Flüge selbst bezahlen. Da bleibt also am Ende gar nicht so viel übrig.

profil: Sie müssen sich also keine großen Gedanken um Geldanlage machen?
Melzer: Natürlich versuche ich zu sparen, es ist ja auch nicht so, dass ich am Hungertuch nage. Ich verdiene schon ganz gutes Geld, vor allem dieses Jahr lief es finanziell gut. Aber eben nicht in dem Ausmaß, in dem man sich das vorstellt.

profil: Haben Sie Angst, dass Ihr Leben nach dem Profitennis langweilig wird? Heute stehen Sie gegen Federer in New York auf dem Centrecourt, irgendwann sitzen Sie als Sportfunktionär hinter einem Schreibtisch.
Melzer: Mir wird sicher nicht langweilig. Es wird schon ein völlig anderes Leben sein, wenn man ein echtes Zuhause hat. Damit muss ich mich noch intensiv auseinandersetzen, aber irgendwann freut man sich auf das Leben danach. So viele Dinge sind derzeit nicht möglich. Ich kann nach meiner Tenniskarriere zum Beispiel sagen: In zwei Monaten spielen U2 in der Stadthalle und ich weiß, dass ich Zeit habe hinzugehen.

profil: Verstehen Sie Thomas Muster, der sich mit 42 noch einmal als Profispieler versucht?
Melzer: Ich weiß nicht, ob ich mir das antun würde, aber offensichtlich braucht er diese Herausforderung und will jetzt wie ein Wahnsinniger trainieren. Er soll seinen Weg gehen.

profil: Warum sind Sie Tennisspieler geworden? Vergleichen Sie einmal Tennis mit der Sportart Ihrer Freundin Mirna Jukic, dem Schwimmen. Wäre das nicht auch eine Option gewesen?
Melzer: Die Frage, warum ich nicht Schwimmer geworden bin, ist sehr schnell beantwortet: weil ich einfach kein Talent dazu habe.

profil: Wie sieht es mit Fußball aus? Als Jugendlicher haben Sie sehr viel gespielt.
Melzer: Ja, ich war kein schlechter Kicker, aber irgendwann ging es sich mit dem Tennistraining nicht mehr aus, und die Verletzungsgefahr war zu groß. Mit 16 sagte ich zu mir: „Du musst dich jetzt für irgendetwas entscheiden.“ Ich wollte Tennisprofi werden. Das hat schon auch wehgetan, wie es einem mit 16 wehtut, wenn du eine Leidenschaft aufgibst.

profil: Wollten Sie lieber Tennis spielen, weil man das alleine macht und nicht wie beim Fußball nur einer von elf am Platz ist?
Melzer: Das war sicher auch ein Mitgrund.

profil: Sind Sie ein Einzelgänger?
Melzer: Überhaupt nicht. Eigentlich das komplette Gegenteil. Ich habe den Mannschaftssport schon sehr vermisst. Das Fußballspielen völlig aufzugeben war schwierig, aber ich kann mich über die Entscheidung nicht beklagen.

profil: Wie wichtig ist Ihnen der Showeffekt im Tennis, die genialen Bälle und Gesten während einer Partie?
Melzer: Ich wollte immer nur eine Spiel-Sportart machen. Tennis ist ein Spiel so wie Fußball oder Basketball. Radfahren, Marathonlaufen oder Schwimmen, dafür muss man geboren sein. Mich einfach auf das Rad zu setzen und dreieinhalb Stunden durch die Gegend zu fahren – so etwas könnte ich nie.

profil: Haben Sie sich mit Mirna Jukic einmal darüber unterhalten?
Melzer: Mirna war Schwimmerin, das ist ihr Talent. Ich glaube, wenn man das nötige Talent mitbringt, macht einem das auch Spaß. So wie jeder unterschiedliche Farben gerne hat, ist das auch mit dem Sport: Wenn ich absaufe im Schwimmbecken, wird es mir irgendwann einmal keinen Spaß machen.

profil: Aber Sie können doch schwimmen?
Melzer: Ja natürlich. Keine Frage, ich bin auch in letzter Zeit natürlich mehr geschwommen. Ich hab eben nur kein Talent dafür mitbekommen.

profil: Wer hat Sie als Kind zum Tennis gebracht?
Melzer: Mein Papa. Er hat hobbymäßig Tennis gespielt, und wir haben einmal im Urlaub auf die Kugel draufgehaut. Der Trainer im Club hat gesagt: „Du stellst dich gar nicht so blöd an. Wenn du nach Hause kommst und Lust hat, fang einmal an.“ Von da an habe ich einmal die Woche gespielt, da war ich acht oder neun. Weil ich körperlich durch das Fußballspielen sehr gut war, bin ich U-10-Landesmeister geworden. Dann bin ich zu den österreichischen Meisterschaften gefahren und mit riesigem Glück Dritter geworden. Wenn mir zu dem Zeitpunkt aber irgendwer gesagt hätte: „Du wirst Tennisspieler“, dann hätte ich ihn ausgelacht.

profil: Mit wie vielen Jahren sind Sie Profi geworden?
Melzer: Ich habe 2000 maturiert, in diesem Jahr begann meine Profikarriere.

profil: Tennis ist ein Wettkampfsport. Es geht auch darum, wie man gegen den Gegner auftritt. Sie zeigen bei Spielen kaum Emotionen.
Melzer: Ich kann mich emotional sehr freuen, aber ich würde keine Aktion machen, die meinen Gegner provoziert. Dann müsste er mir schon richtig auf den Keks gehen.

profil: Tennis ist also immer noch ein Gentlemen-Sport?
Melzer: Finde ich schon. Es gibt Animositäten, aber grundsätzlich respektiert jeder jeden. Wegen jedem Mist springt man nicht an, aber die Emotion am Platz ist schon sehr hoch. Ich kann schon manchmal durchdrehen, aber das ist selten.

profil: Sie haben vorher vom U2-Konzert gesprochen. Was machen Sie gerne außerhalb des Centrecourts?
Melzer: Ich gehe gerne ins Kino.

profil: Ihr Lieblingsfilm?
Melzer: Ein Football-Film: „Helden aus der zweiten Reihe“.

profil: Worum geht es darin?
Melzer: Dass ein Spieler, der mit Herz und Seele dabei ist, immer mehr wert ist als einer, der nur des Geldes wegen spielt. Ansonsten treffe ich am liebsten meine Freunde. In die Disco gehe ich eigentlich nie, so etwas liegt mir überhaupt nicht.

Foto: Philipp Horak für profil