„Ich hatte politische Angebote“

Ex-Goalgetter Toni Polster über sein Verhältnis zur Politik, die Schwäche des österreichischen Fußballs und ­rassistische Parolen in den Stadien.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Polster, zu wem haben Sie bei der WM geholfen?
Polster: Getippt habe ich: Spanien wird Weltmeister, Brasilien Zweiter und Deutschland Dritter. Den Ersten und den Dritten habe ich erraten.

profil: Aber wem haben Ihre Sympathien gegolten?
Polster: Spanien und Deutschland. Nicht, weil ich in beiden Ländern gespielt habe, sondern weil ich Spanien sehr, sehr gerne mag und auch Deutschland schätze. Ich mag die Deutschen. Ich habe sie schätzen gelernt, ich war ja fast zwölf Jahre dort. Wenn dir ein Deutscher einen Handschlag gibt, dann fährt die Eisenbahn drüber. Diese Ehrlichkeit habe ich in Spanien und in Italien nicht so vorgefunden. Spanien war mein Favorit, weil die Mannschaft einfach den schönsten Fußball spielt.

profil: Sie sind einer der wenigen Österreicher, die zu Deutschland gehalten haben. Warum ist das so?
Polster: Es gibt schon Deutschland-Fans in Österreich, aber das gibt keiner zu. Das ist wie mit der Volksmusik: Der Hansi Hinterseer hat Verkaufsrekorde, aber keiner will seine Musik gehört haben. Im Fall Deutschlands spielt natürlich auch die Rivalität zwischen Nachbarländern mit, aber Deutschland hat als Veranstalter der Weltmeisterschaft 2006 und durch die Leistungen bei dieser WM viele Sympathien gewonnen.

profil: Ein Zeichen für diese Rivalität zwischen Österreich und Deutschland ist ja Hans Krankls berühmtes Cordoba-Tor 1978, das für viele Österreicher ein Ereignis gleichrangig mit dem Staatsvertrag ist. Ist das nicht ein wenig seltsam?
Polster: Natürlich. Zumal ja sogar die Spieler, die damals in Cordoba dabei waren, das nicht mehr hören können. Hans Krankl hat durchaus ein Stück Fußballgeschichte geschrieben. Aber Cordoba sollte irgendwann einmal abgehakt sein.

profil: Wie ist das in Deutschland, wenn man an „Cordoba“ erinnert?
Polster: Das kennen doch höchstens noch ein paar Ältere. Und die lachen darüber, dass man sich an einem Fußballspiel so lange festkrallt, wie wir das zum Teil tun.

profil: Sie hatten ja selbst einmal ein denkwürdiges Spiel. 1989 wurden Sie vor dem Match gegen die DDR im Wiener Stadion ausgepfiffen und haben dann drei Tore geschossen. War das für Sie ein „Cordoba-­Erlebnis“?
Polster: Ja, klar. Dieses Spiel wird bis in alle Ewigkeit mit mir verbunden sein.

profil: Man merkt sich im Sport offenbar nur die Dramen. Hermann Maier hat 50 Weltcuprennen gewonnen, aber am berühmtesten ist sein Nagano-Sturz.
Polster: Herausragende Sachen werden immer hängen bleiben. Hermann Maier hat halt mit Nagano eine außergewöhnliche Geschichte geschrieben, weil er zwei Tage später zweimal Olympia-Gold geholt hat. Das wird immer so sein, Cordoba wird mit Hans Krankl ewig verbunden bleiben.

profil: Neben einem Drama braucht ein Sportler offenbar auch einen guten Schmäh. Man sieht es bei den Skifahrern: Wer im Ziel die bessere Show macht, bekommt die besseren Werbeverträge. Ist das gerecht?
Polster: Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Ich glaube, es ist vor allem wichtig, dass man authentisch ist. Es wird niemand dem Reinfried Herbst abnehmen, wenn er auf einmal den Sonnyboy spielt und zu blödeln beginnt. Aber mir wird man es vielleicht abnehmen. Es ist ein schmaler Grat: Wenn die Leistung nicht im Einklang mit deinem Humor steht, dann geht der Schuss nach hinten los. Ich persönlich glaube nach wie vor, dass man mit Fröhlichkeit und Freude die Dinge leichter bewältigen kann.

profil: Sie waren ja auch Dancing Star,
beim Musikantenstadl, haben drei CDs ­gemacht …
Polster: … weil ich Zeit hatte und gerade nicht im Fußball engagiert war. Aber ich hab es eigentlich nie bereut, ich spiele viele Konzerte im Jahr, es ist ein Riesenspaß.

profil: Wie viele CDs haben Sie verkauft?
Polster: Mit der zweiten habe ich Gold, Doppelgold, Platin geholt. „Die zwölf Meistertitel“ hat sie geheißen, da waren zwölf Titel drauf. Und mit „Die Dritte“ habe ich Gold geholt.

profil: Sie waren 17 Jahre im Ausland. Erwin Hoffer und Stefan Maierhofer waren Stars bei Rapid, gingen nach Italien und England und haben seit Monaten kein Match mehr gespielt. Ist es das Risiko wert, ins Ausland zu gehen?
Polster: Als ich im Ausland war, waren zwei Ausländer pro Mannschaft erlaubt. Das heißt, in ganz Italien hat es 36 Ausländer gegeben. Heutzutage ist es viel leichter, ins Ausland zu kommen. Das Problem ist: Du kriegst nicht viele solche Angebote, und dann greifst du halt zu. Wenn man sich dann nicht durchsetzen kann, ist es wirklich ein Drama.

profil: Warum setzen sich so viele Österreicher im Ausland nicht durch?
Polster: Weil sie offensichtlich nicht gut genug sind. Es geht ja auch anderen so wie Hoffer und Maierhofer: Ivanschitz hat bei Panathinaikos Athen zwei oder drei Jahre lang nur selten gespielt, Stranzl hat einmal ein Jahr lang gar nicht gespielt, Prödl spielt auch kaum, Manninger spielt nie.

profil: Das sind alles Spieler der österreichischen Nationalmannschaft – und dennoch nicht gut genug, um bei einem ausländischen Verein wenigstens einen Platz auf dem Reservebankerl zu haben?
Polster: Wir bilden unseren Nachwuchs gut aus, und unsere Nachwuchsteams haben ja auch schöne Erfolge. Aber dann funktioniert der Einzelne nicht wirklich. Vielleicht werden diese Spieler mit Ecken und Kanten, die auch einmal unbequem sind, zu wenig verstanden, zu wenig gefördert und nicht richtig angepackt.

profil: In Österreich ist eher der stromlinienförmige Spieler gefragt?
Polster: Ich habe diesen schweren Verdacht. Und es ist leider so, dass die Generation um Ivanschitz, Stranzl etc. nicht das gebracht hat, was man sich von ihr erwartet hat. Dadurch ist ein Loch entstanden. Dann hat man die Mannschaft verjüngt, und diese Mannschaft ist noch nicht so weit. Wenn wir nicht lernen, den Ball auch im hohen Tempo zu beherrschen, durch schnelles Passspiel nach vorne zu kommen, dann werden wir uns auch in Zukunft für kein Turnier qualifizieren.

profil: In Fußballmannschaften gibt es seit jeher „Multikulti“. Sehen Sie Zuwanderung eher als Chance oder als Gefahr?
Polster: Dass unsere Nationalteamspieler nicht mehr Meier, Huber oder Müller heißen, sondern Korkmaz und Kavlak – daran müssen wir uns gewöhnen. Das sind die so genannten „Secondos“, die zweite Generation, die gibt es überall. Und es ist gut, dass es sie gibt. Je ärmlicher, je bescheidener Leute aufwachsen, desto größer ist im Fußball oft ihr Biss und der Wille, nach oben zu kommen.

profil: Je multikultureller die Mannschaften werden, desto übler werden die rassistischen Sprüche und Zwischenrufe im Stadion. Was kann man dagegen tun?
Polster: Man kann nur die konsequente Linie durchziehen, dass man Leute, die sich nicht benehmen können, aus dem Stadion entfernt. Dann schafft man auch wieder Platz für neues Publikum, nämlich für Kinder, für die Eltern, für die ganze Familie. Da müssen wir den Hebel ansetzen. Wer sich nicht benehmen kann, der kann auch nicht am Fußballplatz sein, der muss ausgeschlossen werden. Ich wäre sehr glücklich, wenn wir es schaffen würden, dass die eigenen Anhänger solche Individuen aussortieren.

profil: Karl Daxbacher, der Trainer der Wiener Austria, hat in einem Interview gemeint, er überlege, die Mannschaft abtreten zu lassen, wenn bei einem Match noch einmal Neonazi-Parolen geschrien werden. Wäre das eine Möglichkeit?
Polster: Das wäre der falsche Weg, weil man damit auch viele bestraft, die sich benehmen können. Aber es gibt ja heute Videoüberwachung, diese Leute muss man gnadenlos aussortieren. Die Spieler selbst tragen in internationalen Bewerben mitunter entsprechende Transparente gegen Rassismus aufs Feld. Wenn die Spieler diese Botschaften verbreiten, haben sie mehr Gewicht.

profil: Sind Sie je von irgendeiner Partei oder Gruppierung gefragt worden, ob Sie sich engagieren wollen?
Polster: Ja, ich hatte schon öfter politische Angebote. Aber ich bleibe bei meinem Leisten. Politik sollen die Profis machen, dafür werden sie bezahlt.

profil: Bei der Bundespräsidentenwahl waren einige Fußballer auf der Unterstützerliste für Heinz Fischer, zum Beispiel Rapid-Trainer Peter Pacult. Würden Sie das nicht machen?
Polster: Ich habe einmal für Erwin Pröll ­einen Spot gesprochen, weil er meinem Freund Toni Pfeffer einen Job verschafft hat. Der ist jetzt Sportreferent in Niederösterreich. Ich finde es gut, wenn ehemalige Größen in den Sport eingebunden werden.

profil: War das Ihre einzige politische Ak­tion?
Polster: Ich bin einmal beim Wahlkampfauftakt von Wolfgang Schüssel in Graz als Sänger aufgetreten. Aber dann bin ich nach Wien gefahren und habe noch am selben Abend im Stadion bei einem Familienfest der SPÖ gesungen.

profil: Sie haben auch eine Bibel-CD gemacht. Sind Sie ein so religiöser Mensch?
Polster: Ich glaube an Gott, ich glaube, dass es da oben eine Ins­tanz gibt, die auf uns aufpasst und – wenn es einmal notwendig ist – einen Schutzengel schickt. Aber ich oktroyiere niemandem meine Meinung auf. Jeder soll mit der Religion so umgehen, wie er glaubt, dass er damit umgehen muss.

profil: Sie haben Ihren Sohn mit dem zweiten Namen Jesus genannt …
Polster: … und das würde ich heute nicht mehr machen, weil das die Leute einfach nicht verstehen. Es gab welche, die ihm auf der Straße „Jesus“ nachgerufen haben. Das ist so lächerlich.

profil: Er hat ja auch einen ersten Namen.
Polster: Eben. Er heißt Toni. Ich heiße auch Anton Josef, kein Mensch hat je zu mir Josef gesagt. Jetzt ist er 20 und steht schon über den Dingen.

profil: Gehen Sie am Sonntag in die Kirche?
Polster: Nein. Weil ich finde, dass die Kirche viel zu wenig macht, dass sie interessanter sein könnte. Sie müsste viel moderner werden, sich weiterentwickeln, damit es wieder attraktiv wird, dorthin zu gehen.

profil: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Polster: Ich weiß es nicht. Aber ich träume schon davon, dass ich meine Oma noch einmal im Arm halten kann. Vielleicht haben wir eine Aufgabe nach dem Tod, vielleicht gibt es eine Parallelwelt.

profil: Sind Sie zu Hause christlich erzogen worden?
Polster: Ich bin bei den Piaristen in die Volksschule gegangen.

profil: Nicht wirklich typisch für ein Gemeindebaukind aus Wien-Favoriten.
Polster: Meine Eltern haben in der Stadt gearbeitet und mich dort abgesetzt, auch wegen der Nachmittagsbetreuung. Aber die Piaristen haben mich schon geprägt. Wir hatten ja Pater als Lehrer.

profil: Eine Zeitung hat einmal errechnet, dass Sie mit dem Fußballspielen ungefähr 100 Millionen Schilling verdient haben. Ist das realistisch?
Polster: Ich weiß es nicht, aber mir geht es gut, und ich beklage mich nicht. Ich habe immer gute Verträge unterschrieben und immer Leistung gebracht. Sagen wir einmal so: Ich bin zufrieden.

profil: In einem Interview in der „Kronen Zeitung“ haben Sie vor knapp fünf Jahren auf die Frage „Wo ist Toni Polster in fünf Jahren?“ gesagt: „Da werde ich mit Herbert Prohaska die Wiener Austria zu jenem sympathischen, respektvollen Klub machen, der er früher einmal war.“ Woran ist es gescheitert?
Polster: Vor allem an Frank Stronach, gegen den ich danach ja alle Prozesse gewonnen habe. Ich hätte als Generalmanager der Austria damals gerne Herbert Prohaska zurückgeholt. Das wäre eine Supersache gewesen. Dann wäre weniger Sonne auf mich abgefallen, weil natürlich er viel davon abbekommen hätte, aber das wäre für mich kein Problem gewesen: Wir hätten uns die Sonne gerne zugunsten des Vereins geteilt. Aber es hat nicht sein sollen, und es war besser so. Mit Stronach konnte man einfach nicht zusammenarbeiten.

profil: Herbert Prohaska ist auch ein Gemeindebaukind, aus Simmering. Er hat mir bei einem Interview einmal erzählt, er sei am 1. Mai immer mit dem Fahrrad mit rotem Krepppapier in den Speichen am Rathausplatz aufgefahren. Waren Sie dort auch?
Polster: Ich glaube, dass er das Rad geschoben hat, weil fahren hat er nicht können (lacht). Nein, ich bin nicht aufgefahren, ich wurde nicht zwangsverpflichtet.

profil: Noch einmal die Frage: Wo ist Toni Polster in fünf Jahren?
Polster: Mein Ziel ist es, irgendwann einmal eine Bundesliga-Mannschaft zu trainieren. Welchen Verein ich damit glücklich machen werde – das steht noch in den Sternen.

profil: Sie trainieren jetzt die LASK Juniors, die in die Regionalliga Mitte aufgestiegen sind. Wenn Sie denen zuschauen, würden Sie dann manchmal gerne reinlaufen und mitspielen?
Polster: Nein. Da hätte niemand eine Freude daran: weder ich noch die Zuschauer, noch die Mitspieler. Man kann das Alter nicht verleugnen. Das Spiel wäre mir viel zu schnell. Meine Buben sind schnell und quirlig, die schlagen Haken. Bis ich da einmal schau, sind sie schon dreimal an mir vorbei.

profil: Wenn Sie die besten Ihrer Teamkollegen von damals zusammentrommeln und gegen die LASK-Junioren spielen würden – wie würde das ausgehen?
Polster: Es würde mit einer schweren Niederlage für uns enden, zumal der Andi Ogris, der Andi Herzog und der Felix Gasselich ihr Idealgewicht um Zentner überschritten haben. Es wäre fürchterlich!