„Ich tippte sofort auf Dioxin“

Der britische Toxikologe John A. Henry über Juschtschenkos Vergiftung und eventuelle Heilungschancen.

profil: Sie waren weltweit der Erste, der im Fall Juschtschenko auf eine Dioxinvergiftung tippte. Wie kamen Sie darauf?
Henry: Ein Redakteur des Londoner „Independent“ schickte mir Fotos und Informationen. Als ich die Juschtschenko-Bilder sah, dachte ich sofort, wenn dieser Hautausschlag frisch ist, dann ist die wahrscheinlichste Ursache Dioxin. Das habe ich dem Redakteur gesagt.
profil: Was ist dann geschehen?
Henry: Am nächsten Tag stand es im „Independent“, dann in den Online-Ausgaben von „Nature“ und „New Scientist“. So ging es um die Welt.
profil: Haben Sie so eine Chlorakne schon zuvor gesehen?
Henry: Nein, aber ich war mit dem Problem vertraut und dachte, dass es zur Diagnose passen würde.
profil: Es heißt, so eine Chlorakne entstünde nur aufgrund einer hohen Dioxin-Dosis.
Henry: Es ist eine seltene Vergiftungsart. Es gab sie in Vietnam, als die Amerikaner das Entlaubungsmittel Agent orange, eine Mischung aus zwei Dioxinen, versprühten, und 1976 beim Chemieunfall in Seveso, wo es nahezu 200 Fälle gab, als 20 Kilogramm Dioxin in die Atmosphäre ent-wichen.
profil: Das waren auch Chlorakne-Fälle?
Henry: Die Explosion in Seveso war Anfang Juli, die charakteristischen Hautausschläge traten dann Anfang September auf.
profil: Warum, glauben Sie, haben die österreichischen Ärzte die Ursache nicht gleich gefunden?
Henry: Weil sich noch keine Chlorakne gebildet hatte und weil sie durch die Leber- und Pankreasprobleme irritiert waren. So etwas hat es ja noch nie gegeben.
profil: Gibt es eine Therapie?
Henry: Es gibt kein Gegenmittel. Die Leber baut das im Fettgewebe enthaltene Dioxin nur sehr langsam ab, und der Darm nimmt es dann wieder auf. Deshalb versucht man es mit dem Fettaufnahmeblocker Orlistat.
profil: Wird Juschtschenko wieder genesen?
Henry: Sehr, sehr langsam. Es gibt ein erhöhtes Herzinfarkt- und ein geringfügig erhöhtes Krebsrisiko. Zwei, drei Jahre wird es dauern, bis die Chlorakne einigermaßen abgeheilt ist. Aber er wird nie wieder, wie er war.

John A. Henry, 65, ist Notfallmediziner und klinischer Toxikologe am Londoner Imperial College.