"Ich bin die Marionette": Die französische Schauspielerin Béatrice Dalle im Interview

Die französische Schauspielerin Béatrice Dalle über Mozart und Mathematik, Gewalt im Kino, den Hass auf die Post und ihren neuen Film „Domaine“.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Sie arbeiteten 2002 mit dem Filmemacher Michael Haneke an dem apokalyptischen Panorama „Wolfzeit“ – und Ihre neue Kinoarbeit, „Domaine“, haben Sie nun zum Teil am Semmering gedreht. Sie hegen fast schon eine Dauerbeziehung zu Österreich.
Dalle: Absolut, ja. Das liegt übrigens auch an Mozarts Musik, die ich leidenschaftlich liebe. Und man kann Patric Chiha, den Regisseur von „Domaine“, zu dieser Liste nun getrost hinzufügen, das ergibt doch ein tolles Trio: Mozart, Haneke und Chiha!

profil: Ihre Kollegin Tilda Swinton meint, der einzige Grund für sie, Filmangebote anzunehmen, sei ausnahmslos der Regisseur – nie das Drehbuch, die Story oder die Besetzung. Geht Ihnen das auch so?
Dalle: Die wunderbare Tilda hat natürlich Recht, denn schon Marlon Brando hat Ähnliches behauptet – und die beiden sind ja nicht die übelsten Quellen. Die Seele eines Films ist die Person, die Regie führt. Meine Partner, sogar die zu verfilmende Geschichte sind mir völlig egal.

profil: Sie spielen in „Domaine“ eine Mathematikerin, die am Leben zu scheitern droht. Betrachten Sie selbst die Welt als etwas Geordnetes – oder als das Chaos, das sie zu sein scheint?
Dalle: Ich stelle in „Domaine“ eine Frau dar, die sich mit den Theorien Kurt Gödels befasst, in denen die angeblich unwiderlegbare Struktur der Mathematik bestritten wird. Das ist eine Art Parabel, die ich für super-poetisch halte. Davor glaubte man, die Wissenschaft sei widerspruchsfrei, erst Gödel stellte dies radikal infrage. Man muss die Mathematik als etwas viel Freieres sehen: Es gibt beispielsweise Autisten, die unfassbar schnell rechnen können; und sie tun dies, indem sie die Zahlen mit der Welt, mit Farben und Tieren assoziieren. Das ist das Gegenteil einer zweifelsfreien, traurigen Wissenschaft.

profil: Ihr Regisseur, Patric Chiha, hat Sie als extrem widersprüchliche Schauspielerin, mit den Begriffen „Sanftheit“ und „Gewalt“ beschrieben.
Dalle: Aha, lustig. Ich hoffe, er schämt sich ein bisschen dafür.

profil: Die Begriffe entsprechen Ihrem Selbstbild also nicht?
Dalle: Doch, wahrscheinlich schon. Ganz ehrlich: Ich denke über mich nicht nach. Ich bin zugleich jemand, der von Intellektuellen beeindruckt ist, von Leuten, die etwas zu vermitteln haben und mir ein paar Ideen beibringen können. Ich bin nur die Marionette, die sich zur Verfügung stellt.

profil: Sie gelten als impulsive, auch energische Schauspielerin; viele Ihrer Performances erscheinen fast verstörend physisch. Was ist das Schauspielen für Sie genau? Die Kunst, sich einer Rolle hinzugeben, sich treiben zu lassen? Oder ist es eher eine intellektuelle Anstrengung?
Dalle: Am Ende zählt für mich nur, was ich von der Regie lernen kann. Es ist immer auch eine Liebesgeschichte, wenn man sich auf einen Regisseur einlässt. Er muss über Intelligenz und vor allem Esprit verfügen und mich mit seinen Gedanken verführen können. Er muss mich von den Dingen, die er sagt, erst überzeugen. Ich besitze als Schauspielerin nicht den Irrsinn, ständig Recht haben zu müssen. Im Gegenteil: Ich lasse mir meinen Job sehr, sehr gern erklären. Wenn ich beschließe, mich dem Regisseur, der Regisseurin hinzugeben, gibt es für mich kein Nein mehr. Und ich kann dann nur glücklich sein, wenn der Regisseur auf mich stolz ist. Das klingt kitschig, aber es ist so: Wenn ein Regisseur mir signalisiert, dass er meine Arbeit schätzt, dann ist das so, als teile er mir mit Tränen in den Augen mit, dass er mich liebe.

profil: Sie haben mit Claire Denis, Abel Ferrara, Olivier Assayas, Nobuhiro Suwa, Claire Simon gearbeitet – mit der Elite des internationalen Autorenfilms. Sehen Sie das Kino als Herausforderung, als fortgesetztes Experiment?
Dalle: Die einzige Frage, die ich mir stelle, lautet: Regen mich die Gedanken meines Regisseurs, meines Chefs an? Interessieren sie mich? Wenn ja, so genügt das. Das ist das Einzige, was ich verlange. Es ist mir mit der Sache übrigens ernst: Ich kann das Wort „Spiel“ in Zusammenhang mit meinem Beruf nicht leiden, denn ich bin ja kein Kind, das sich im Schulhof irgendwie die Zeit vertreibt. Ich will doch nicht, dass mein Chef mir das Gefühl gibt, ich sei ein Schulkind!

profil: Ironischerweise begann Ihre Karriere 1986 dennoch mit einem hochkommerziellen Film – mit „Betty Blue“. War dieser frühe Welterfolg, der lange Zeit verhindert hat, dass man Sie als die radikale Schauspielerin sah, die Sie ja nachweislich sind, nicht auch ein Fluch?
Dalle: Da geht mir schon die Idee auf die Nerven! Ich bereue rückblickend keinen einzigen meiner Filme, schon gar nicht diesen. Es ist sehr einfach: Wenn ich „Betty Blue“ nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht Filmschauspielerin. Ich mag „Betty Blue“ sehr, das ist doch kein Fluch!

profil: Man könnte Ihnen aber tatsächlich ein massives – und inzwischen fast zwei Jahrzehnte währendes – Desinteresse am kommerziellen Kino unterstellen. Unterhaltungsfilme drehen Sie doch grundsätzlich nicht mehr.
Dalle: Stimmt. Aber ich würde nie so weit gehen, Leute zu kritisieren, die solche Filme machen; mich interessieren sie nur nicht, ich nehme jedoch zur Kenntnis, dass es viele Menschen gibt, die Unterhaltungsfilme sehr schätzen. Damit habe ich kein Problem.

profil: Manchmal avancieren auch Autorenfilme zu kommerziellen Erfolgen. Darüber freuen Sie sich dann schon, oder?
Dalle: Ich muss Sie enttäuschen, daran liegt mir auch nicht viel. Sicher, das freut mich dann für meinen Regisseur, aber für mich selbst zählt nur, was während der Dreharbeiten passiert. Es ist schön, wenn Filme gut werden, aber wenn sie einmal abgedreht sind, ist die Sache für mich gelaufen.

profil: Das heißt, Sie sind vollkommen unabhängig von Ihrem Marktwert als Schauspielerin? Und nicht verführbar durch finanzielle Angebote?
Dalle: Sicher nicht. Wenn es so wäre, hätte ich gleich reich geheiratet. Und das ist mir eben nie passiert. Stattdessen habe ich großartige Regisseure und mittellose, aber brillante Ehemänner.

profil: Sie machen, wenn es um die Kunst geht, keine Kompromisse?
Dalle: Es ist mir schlicht unmöglich, Mittelwege zu suchen, denn dann hätte ich das Gefühl, eine Prostituierte zu sein. Und dieses Wort ist keine Übertreibung! Denn hätte ich den Mut, mich zu prostituieren, würde ich mein Geld längst so verdienen.

profil: Sie arbeiteten als Model, ehe Sie begannen, Filme zu machen?
Dalle: Nicht wirklich. Ich machte ein paar Fotos, nur mein Gesicht – und wurde entdeckt, weil man mich am Cover eines Magazins gesehen hatte.

profil: Waren Sie denn immer schon sicher, dass Sie Filme machen wollten?
Dalle: Überhaupt nicht. Ich hatte als Kind keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen wollte – nur, dass ich Prince Charles heiraten wollte. Aber dann hat ihn sich diese blöde Diana geschnappt. Damit war mein Lebensziel ruiniert.

profil: Vor 20 Jahren drehten Sie mit Jim Jarmusch den Taxifahrerfilm „Night on Earth“ – und 1997 mit Abel Ferrara „The Blackout“, wo Sie wegen eines Drogendelikts verhaftet wurden. Hätten Sie gerne mehr Filme in Amerika gedreht? Oder dürfen Sie in die USA immer noch nicht einreisen?
Dalle: Nein, das ist mittlerweile kein Problem mehr. Aber das amerikanische Kino ist mir völlig egal, ein bisschen wohl auch, weil ich immer noch nicht Englisch spreche. Klar, mit einem Regisseur wie Jarmusch würde ich jederzeit arbeiten. Grundsätzlich muss ich jedoch sagen: Die meisten großen Regisseure, mit denen ich unbedingt drehen wollte, sind entweder keine Amerikaner oder tot.

profil: Man besetzt Sie im Kino gern extrem: Sie waren bereits als Kannibalin, als Vampirin, als Stalkerin und Mörderin zu bewundern. Warum sehen so viele Regisseure in Ihnen gewalttätige, soziopathologische Figuren?
Dalle: Auch meine Rolle in „Domaine“ ist sehr brutal, wenn man es genau nimmt.

profil: Gegen Ende hin, ja.
Dalle: Ich weiß nicht, ich finde das alles ganz normal, ich will so viel Leben wie möglich, da bin ich unersättlich. Ich will die Sonne aus der Nähe sehen – und wenn ich mir dabei die Flügel verbrenne, dann ist das nicht schlimm, denn ich kann ohnehin nicht fliegen.

profil: Realismus interessiert Sie also weniger?
Dalle: Das alltägliche Leben ist doch schon im Alltag langweilig genug, das muss man im Kino nicht noch verdoppeln. Ich finde es eben spannender, ein Kind zu essen, als am Postschalter in der Schlange zu stehen.

profil: Ausgerechnet die Post bringt Sie so sehr aus der Fassung?
Dalle: Regelmäßig. Auf der Post kriege ich jedes Mal echt Lust, auf alle Umstehenden einzuprügeln.

Für die Übersetzung Dank an Robert Treichler