Im Namen der Nudel

Anatomie eines aufsehenerregenden Kriminalfalls oder: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.

Eulalia F. hatte sich bislang noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Ein besonders aufmerksamer Nachbar stellte den Behörden zwar zwei Jahre vor ihrer Tat, die immer noch ganz Österreich erschüttert, Videomaterial zur Verfügung, das Eulalia F. beim Einwerfen von Flaschen in einen Altglascontainer zeigte – ohne dass sie vorher die Schraubverschlüsse entfernt hatte. Daraus hätte man bei etwas mehr Aufmerksamkeit möglicherweise rechtzeitig auf die gut verborgene kriminelle Energie schließen können, die in Eulalia F. schlummerte; ­allein, niemand unternahm damals etwas.

Das Motiv für ihren Amoklauf dürfte mittlerweile geklärt sein: Es handelt sich bei dem spektakulärsten Verbrechen, das die malerische Gegend rund um den Irrsee jemals gesehen hat, aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Akt von schnöder Beschaffungskriminalität. Soweit bisher bekannt, hätte die alleinstehende 61-Jährige von ihren beiden Teilzeitbeschäftigungen als Raumpflegerin und Leichenwäscherin an sich ganz prächtig leben können – wenn die unscheinbare Frau nicht, wie sich bei den nach wie vor laufenden Ermittlungen in ihrem Umfeld langsam herauszukristallisieren scheint, einer verhängnisvollen Sucht gefrönt hätte: Denn laut übereinstimmenden Aussagen von Bekannten war Eulalia F. offenbar hochgradig lebensmittelabhängig. Zuletzt dürfte sie sogar schon nahezu täglich zu ihnen gegriffen haben.

Am vergangenen Mittwoch betrat Eulalia F. gegen 9.30 Uhr den kleinen, aber wohlsortierten Supermarkt ihrer Heimatgemeinde Wiesberg – in dem im Übrigen gerade Handy-Freischaltungen als absolutes Tiefstpreisangebot zu haben waren – und wurde wenig später von Filialleiter Fried­rich G. dabei ertappt, wie sie im Schutz einer Papp­figur des „Dancing Stars“-Gewinners Dorian Steidl, der in seinem Nebenberuf als Barbara Karlich für einen Appetitzügler wirbt, in ein ca. 20 dag schweres Stück Butterkäse der eher dritten Kategorie biss – was angesichts des Wertes des Käses bereits für sich allein den Tatbestand des schweren Raubs darstellte. Der Filialleiter verständigte sofort per Handy die Polizei, dürfte aber dabei der zu allem entschlossenen Eulalia F. kurz den Rücken zugedreht haben – ein verhängnisvoller Fehler, den er noch bitter bereuen sollte. F. griff kaltblütig zu einer Schweinsstelze, schlug den Filialleiter damit nieder und fesselte ihn anschließend mit einem Paar Stützstrümpfe. Die vom Kampflärm alarmierte Kassierin Eva M. wollte ihrem Vorgesetzten zu Hilfe eilen, wurde aber von F. so lange mit Häuptelsalat beschossen, bis sie sich in Sicherheit bringen konnte und aus dem Supermarkt flüchtete.

In der Folge begann ein Nervenkrieg, der das ganze Land in Atem hielt. Die Polizei umstellte das Gebäude, aus Wien wurde per Hubschrauber eilends ein Experte für Verhandlungen mit Geiselnehmern eingeflogen, begleitet von Innenminister Platter, der sich persönlich vor Ort ein Bild von der hochgradig kritischen Lage machen wollte. Nachdem die Forderungen von Eulalia F. bekannt wurden – freies Geleit und ein vollgetankter Kombi, dessen Kofferraum bis oben hin mit Recheis-Eiernudeln beladen werden sollte –, machte Platter in einer improvisierten Pressekonferenz allerdings sofort unmissverständlich klar, dass man auf diese Forderungen nicht eingehen werde. Diese vollkommen unrealistische Lösenudelforderung – zuzüglich eines vollen Tanks! – würde nämlich enormen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten – und man wolle darüber hinaus keinesfalls potenzielle Nachahmungstäter ermutigen.

Einem gewieften Reporter der Tageszeitung „Österreich“ gelang es nach einigen Stunden Pattsituation, mit der Geiselnehmerin zu sprechen – indem er einfach in dem Supermarkt anrief. In dem wirren Statement, das Eulalia F. ihm gegenüber abgab, sprach sie von Lebensmittelkonzernen, die in den letzten Monaten ihre Gewinne um 80 Prozent gesteigert hätten, sowie von Spekulanten, die auf ihrem Rücken Milliardengewinne einführen, und attackierte Landwirtschaftsminister Pröll wegen dessen Festhalten an einer österreichischen Biospritquote von zehn Prozent, einer Maßnahme, die sowohl Lebensmittel wie auch Treibstoff verteuere, umweltpolitisch völliger Humbug sei und einzig den Bauern höhere Einnahmen beschere. Auch hiezu nahm Platter sofort Stellung, er meinte, Pröll wisse ganz genau, was er tue – was allerdings Eulalia F. gar nicht in Abrede gestellt hatte –, und erklärte zu den übrigen umnachteten Aussagen der Terroristin nur: „Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut!“

Dass die Geiselnahme schließlich unblutig endete, ist einzig dem taktischen Geschick der Polizei und dem umsichtigen Filialmanagement der betroffenen Supermarktkette zu verdanken. Nachdem durch eine auf der Toilette installierte Überwachungskamera, mit der normalerweise kontrolliert wird, ob die Verweilzeiten des Personals nicht geschäftsschädigend ausufern, beobachtet werden konnte, zu welcher Zeit sich Eulalia F. am Klo befand, stürmte die Polizei in genau diesem Augenblick das Gebäude. Und dies keine Sekunde zu früh: Die skrupellose Verbrecherin wollte eben ein Sackerl Kartoffelchips aufreißen.