In Staus und Braus

Es ist immer noch am schönsten, mit dem Auto auf Urlaub zu rollen.

Alljährlich treffen sie einander wieder in den mit knallbunten Plakaten tapezierten Räumen der Reisebüros, um sich dort um Last-Minute-Angebote zu prügeln; zu jedem Sommerbeginn gieren sie nach den Billigst-Flügen, nach den inklusivsten Preis-Leistungs-Paketen. Die urlaubsreifen Kleinfamilien freuen sich, dass schon ab der sechsten Person eine gratis mitfliegen darf; sie genießen die ferngesteuerte Nahversorgung mit allem, was Spaß macht, sie lassen sich nicht von vagen Versprechungen eines „zauberhaften Ambiente“ des Zielorts anstrudeln, nein, sie wissen, dass sie ein Recht auf „zweimal zweieinhalb Stunden tägliche Animation“ haben; sie frohlocken ob der verheißenen umfassenden Umtagung und Umnachtung, die Eltern wissen jetzt schon, welche Räusche sie dem Erbonkel auf der Ansichtskarte nicht gestehen werden; sie blicken verschmitzt in die vertrauensvollen Augen ihrer Kinder, weil sie diese jetzt mindestens zwölf Tage lang abgeben werden an „einfühlsame“, saisonalberufliche Individualitätskiller; Ehepartner warten auf die geringste Ermunterung zum gegenseitigen Partnertausch.
Ach, diese Törichten! Viel zu schnell sind sie am Ziel ihrer heurigen Träume gelandet; viel zu früh merken sie, dass sie zwischen einer munter im Fertigwerden begriffenen Baustelle und einem mit tausend Handtüchern reservierten 150-Personen-Schotterstrand wohnen – und zwar in einem von übergewichtigen Leibern nur so „pulsierenden“ Ferienghetto „mit herrlichem Blick auf die“ keine zwölf Kilometer entfernte „geheimnisvoll lockende Altstadt“.

Was haben sie bis dahin nicht alles versäumt! Schon um drei Uhr früh eingepfercht nach einstündigem Einchecken, benachbart taschentuchlosen, der Kaltluftdüse sogleich erlegenen Kunstniesern, die es sich trotz ihres Rotzschleiers nicht nehmen lassen, die hörbar gelungene Landung wie ein hohes C zu bejubeln.

Wie anders verläuft doch der gelungene Ferienstart bei jenen Weisen, die sich hinter das Volant ihres in der verständlichen Eile der Tage davor nicht mehr technisch überprüften Autochens setzen! Da wird erst von Nachbarn und unpässlichen, auf die Zimmerpflanzen aufpassenden Verwandten arienreich Abschied genommen; da wird die Tochter zurückgeschickt, um das Licht im Kinderzimmer abzudrehen; da wird der Sohn zurückgeschickt, um nach Gas- und Wasserhähnen zu sehen; da findet endlich Mutter die Sonnenbrille, Vater den Führerschein, und ab geht’s mit lustigem kindlichem Zank darüber, wer sich von seinem Freundeskreis per Handy wie lang verabschieden darf. Da das Auto, um keine wertvolle Zeit zu verlieren, schon am Vorabend aufgetankt worden war, steht der Auffahrt auf die nächste Autobahn nichts im Wege, außer ein paar hundert verlorene Seelen, die das gleichzeitig auch wollen. Doch nach einer Stunde liegt der Schlitten in der erhofften Fahrtrichtung, um diese über kurzweilig unvergessliche Stunden, die einem wie Tage vergehen, nicht mehr zu ändern.

Erst einmal unterwegs, lässt sich vieles endlich endlos bemurmeln. Wie die Kollegen geschaut haben, dass es diesmal zur Costa del Sol geht, weil es dort keinen Ouzo gibt, und dass der patriotische Bundeskanzler immer daheim bleiben muss, und dass der im blauen Audi den Führerschein gewonnen haben muss, und dass es vielleicht ein Fehler war, der Friseurin beim vorletzten Mal so wenig Trinkgeld zu geben, und dass der schiache Kübel vom Kollegen elf Liter, und dass die Fanny die Füß von ihrem Ex im Nachbar-Bungalow hat herausschauen sehen, und dass die Erni vom Peter schon wieder einen Buben kriegt, obwohl der als Vertreter fast nie zu Haus, und dass schon der erste Bub die Ohren vom Rauchfangkehrer, und was sich der blaue Audi da einbildet, dass er auf die linke Spur mit haaßen 55, und dass es eine Sauerei ist von der EU, dass sie alles baut, nur kane Straßen, und dass das, was in der Kuchl liegen geblieben ist, doch nicht die Rechnung für die Schnorchel war, sondern der Urlaubskrankenschein, und warum wir keine Wasserflaschen, und Kinder, nehmts eure Musikstöpseln net ausm Ohr, der Papa fahrt sonst den Notarzt am Pannenstreifen nieder, und hamma eh fünf Essen am Tag angekreuzelt, und das hab ich mir ’dacht, dass der blaue Audi zum Kochn anfangen wird, und Papa, i muaß jetzt, und dass gleich viere sein wird, und glaubst du, hat dort noch eine a Haifischblusen?

Derlei idyllische Vorfreuden entgehen oberflächlichen Hetzern ebenso wie tagelange Muskelkater, Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Vergiftungen, modisch eingedellte Stoßstangen, abrasierte Rückspiegel, kaputte Stoßdämpfer, verrußte Vergaser, Polizeistrafen, Parkplatzsuche, nächtelange Albträume um bitter erkämpfte Hineinzwäng-Zentimeter voll gellendem Echo erlesener Flüche – und vor allem die Gewissheit, mit Millionen Gleichgesinnter unterwegs zu sein.

Dieses Glück, bei dem der Aufenthalt zwischen zerlemperten Kadavern nur sonnnenbrandige Routine ist, kann von keiner anderen irdischen Seligkeit erreicht werden.

Höchstens vom Reiz der Rückfahrt.