Interview: „Córdoba ist mir zu banal“

Am 8. August feiert Herbert Prohaska seinen 50. Geburtstag. Österreichs Fußballlegende über Frank Stronach, seine Grammatikschwäche, eine Million Schmalzbrote – und warum sich der Austrianer früher als Rapid-Fan ausgab.

profil: Sie veranstalten gerade ein Trainingslager für Kinder. Kennen die Kids den Fußballer Prohaska noch?
Prohaska: Sie kennen den Prohaska vom ORF, die Älteren den Teamchef. Und die mich nicht kennen, fragen, wer ich bin.
profil: Und was sagen Sie dann?
Prohaska: Einem Kleinen in einer InterMailand-Dress hab ich gesagt: Dort hab ich auch einmal gespielt. Darauf er: Jaja, da warst aber sicher nur Ersatz, gell?
profil: Aber abgesehen von Trainingslagern und Ihren ORF-Einsätzen sind Sie mit 50 eigentlich schon Pensionist.
Prohaska: Nein. Jeder glaubt, der ist ein paar Stunden beim ORF und hin und wieder bei der Bundesliga. Aber ich hab zehnmal mehr Termine als früher. Aber ich mache nur mehr das, was mir Spaß macht.
profil: Haben Sie sonst keine Ziele mehr?
Prohaska: Was ich mir noch vom Fußball erwarte, als Trainer oder Sportdirektor, das gibt mir der Fußball nicht mehr. Die Spieler sind hoch dotiert, und damit bist du darauf angewiesen, dass sie Charakter haben. Denn was machst du mit einem Spieler, der sagt: Leck mich! Früher hätte man gesagt: Danke, du brauchst nimmer kommen! Heute kommt der Präsident und sagt: Das können wir uns nicht leisten!
profil: Machen Sie es sich nicht etwas bequem, wenn Sie sagen: Der Fußball ist nicht mehr so, wie ich mir das vorstelle, also hab ich damit nichts mehr zu tun?
Prohaska: Nein, ich sag nur: Deswegen mag ich derzeit nicht Trainer sein. Ich will mich nicht so behandeln lassen, wie bei der Austria leider viele behandelt wurden.
profil: Ihr Herz als Fan schlägt aber immer noch für die Austria?
Prohaska: Natürlich. Es ist mir egal, wer dort Chef ist. Die Austria Wien, wo ich 18 Jahre war, ist mein Herzensklub. Es ärgert mich halt zu Tode, dass nicht jedes Jahr das Beste rauskommt, obwohl es möglich wär.
profil: Sie meinen, weil Frank Stronach keine Ahnung vom Fußball hat?
Prohaska: Na, hat er ja auch nicht! Wie soll er s’ denn auch haben: Er ist ja nie da! Der hat wahrscheinlich keine 20 Matches gesehen. Aber das macht nix, er bräuchte auch keine Ahnung zu haben, sondern sich nur nicht einzumischen.
profil: Solange Stronach da ist, kehren Sie also nicht zur Austria zurück?
Prohaska: Nein, sicher nicht.
profil: Wie lange wird Ihr guter Freund Peter Stöger noch Austria-Trainer sein?
Prohaska: Die Fachkompetenz hat er. Aber wenn er sich ein paar Mal gegen Stronach stellt, muss er gehen.
profil: So wie der jetzt gefeuerte Generalmanager Toni Polster?
Prohaska: Das Lustige ist, dass mir der Polster vor zwei Jahren gesagt hat, was ich alles falsch gemacht hab beim Stronach. Und ich hab gesagt: Vielleicht kommst du einmal in meine Situation und lernst ihn kennen. Und jetzt ist dem Toni seine Meinung über den Stronach noch viel, viel schlimmer als meine. Man muss bei ihm Befehle befolgen – oder gehen.
profil: Klingt nach einer einfachen Aufgabenstellung, um viel Geld zu verdienen.
Prohaska: Wenn ich keinen Charakter hätte, hätte ich den Mund gehalten, mir Stronachs Geld eingesteckt. Wir hätten vielleicht halt nix gewonnen. Aber dazu bin ich vielleicht nicht zu anständig, aber zu naiv und zu blöd. Das spielt’s bei mir nicht. Ich hab keine Lust, mich dafür rausschmeißen zu lassen, dass ich das mache, was mir andere sagen. Da mach ich lieber meine eigenen Fehler und will für meinen eigenen Blödsinn gefeuert werden. Das war bisher so, und das soll auch so bleiben.
profil: Aber Sie dürften beim ORF weniger verdienen als seinerzeit bei der Austria.
Prohaska: Weniger als beim Stronach schon, ja.
profil: Trotz guten Einkommens haben Sie nie einen aufwändigen Lebensstil gepflegt.
Prohaska: Nein, nicht übernatürlich. Ich leiste mir nur den Luxus, beim Urlaub nicht darauf zu achten, was günstig ist. Da fahr ich einfach dorthin, wo ich will. Und was es kostet, das kostet es. Mir kann jeder gern sagen, dass ich mit meinem Talent zum Fußballer Glück hatte. Aber: Ich hab meinen Beruf als Mechaniker ausgelernt, als ich schon bei der Austria war – weil meine Eltern es so wollten.
profil: Was wäre Herbert Prohaska ohne sein Talent geworden?
Prohaska: Auch glücklich. Es wäre schwerer, ich müsste mehr arbeiten, und das in einem Bereich, den ich nicht so mag wie den Fußball – aber ich hätte kein Problem damit gehabt. Denn ich hab meine Eltern gesehen, die nichts hatten.
profil: Verstehen Sie Menschen, die – wie auch Frank Stronach – aus sehr kleinen Verhältnissen kommen und dann ganz oben als Player mitmischen wollen?
Prohaska: Das kann ich natürlich nachvollziehen, denn ich genieße das auch oft. Aber das darf man nicht vergleichen. Stronach braucht Politiker aus geschäftlichen Gründen. Ich kenne auch Politiker, aber ich muss sie nicht kennen – weil ich sie nicht brauche.
profil: Sie wollen also nie Sportstaatssekretär werden?
Prohaska: Um Gottes willen!
profil: Na ja, was weiß man …
Prohaska: Nein, sicher nicht!
profil: Als Kind haben Sie Ihr Talent auf der Straße entwickelt.
Prohaska: Ja, das war die perfekte Ausbildung, auch ohne Training und Verein. Du hast als Siebenjähriger nicht sagen können: Ich spiel nur mit Gleichaltrigen. Alles, was noch nicht arbeiten ging, war da – bis zu den 15-Jährigen, die natürlich schneller, größer und robuster waren.
profil: Die Jungprofis von heute müssen sich schon früh an den Ernährungsplan halten. Damals war das noch nicht so professionell geregelt.
Prohaska: Damals gab’s auch ein eigenes Sportleressen: Du hast keine Schnitzel bekommen, aber …
profil: … das Bratwürstel, das Sie gerade gegessen haben, hätten Sie damals auch verspeist?
Prohaska: Na klar! Ein Trainer hat mir mal gesagt: Schmalzbrote sind das Schlechteste für einen Sportler. Da hab ich gesagt: Dann hätt ich schon längst mit dem Fußball Schluss machen müssen, denn ich hab als Kind Millionen von Schmalzbroten gegessen. Ich müsste verseucht sein.
profil: Hinkt Österreich heute konditionell hinterher?
Prohaska: Nein, sicher nicht. Früher hieß es: Die Österreicher sind technisch gut, aber Kraft haben sie keine. Heute sind wir genauso fit wie die anderen, nur haben sich die technisch weiterentwickelt.
profil: Technisch gut waren Sie immer. Aber hätte der Prohaska von früher im heutigen Fußball noch ein Leiberl?
Prohaska: Jeder Fußballer, der irgendwann mal ein Guter war, wäre heute auch ein Guter. Bei dem Tempo, mit dem gespielt wird, wär ich mit meiner Spielanlage heute sogar noch besser als damals.
profil: Erinnern Sie sich an Ihr letztes Match als Kicker?
Prohaska: Ja, Austria gegen GAK: fünf zu null. Ich hab das bis dahin immer verdrängt und dachte, Fußball dauert ewig. Schon beim Rauslaufen auf den Platz musste ich heulen, weil die Fans immer meinen Namen gerufen haben und mir bewusst wurde, dass ich mich grad zum letzten Mal in meinem Leben professionell aufgewärmt habe. Und dann war es aus.
profil: Sie feiern nun Ihren 50. Geburtstag. Wie kommen Sie mit dem Altern zurecht?
Prohaska: Das spielt noch keine Rolle für mich. Ich bin kein Fitnessfanatiker, der auf seinen Körper schaut. Als Profi musste ich das, heute sind mir Essen und Trinken wichtiger. Rauchen tu ich immer noch – aber nie mehr als ein Packerl am Tag.
profil: Als Profi damals auch?
Prohaska: Immer. Damals waren’s halt nur zehn oder zwölf Zigaretten am Tag.
profil: Ungewöhnlich für einen Profi.
Prohaska: Es gibt viele Fußballer, die rauchen. Damals waren es pro Team halt sieben oder acht, heute nur zwei oder drei.
profil: Sie sagten einmal, es war der schönste Moment Ihrer Karriere, als Sie mit der Austria zum Europacupfinale einliefen ...
Prohaska: … und der schlimmste, als wir 90 Minuten später mit vier zu null untergingen. Das Erste, was ich im Kopf hab, wenn ich heute ein Europacupfinale sehe und der Pokal übergeben wird: Da oben wär ich auch gern gestanden.
profil: Hier waren Sie ganz oben. Das bekannteste Bild Ihrer Fußball-Historie stammt vom Match in Izmir 1977, als Sie Österreich mit dem legendären Spitz zur WM in Argentinien schossen. Damit haben Sie Hans Krankls Ruhm als Helden von Córdoba erst ermöglicht. Ärgert es Sie, dass Krankls Ruhm den Ihren immer ein wenig in den Schatten stellte?
Prohaska: Wenn ich überhaupt an so was gedacht hätte, wär das seit vergangenem Jahr erledigt. Denn zum Fußballer des Jahrhunderts haben die Fans mich gewählt. Das ist eine schöne Auszeichnung.
profil: Für ganz Österreich wurde Córdoba zum Mythos. Sie sagten einmal, es sei eine „schöne Erinnerung, aber nicht mehr“. War das für Sie wirklich nichts Besonderes?
Prohaska: Nein, das ist ein Blödsinn. Aber es nützt sich ab. Alles, was wir sonst nicht zusammenbringen, entschuldigen wir damit. Córdoba ist mir da zu banal. Kaum zieht uns irgendein Deutscher mit irgendwas auf, sagen wir Österreicher: Jaja, aber damals, in Córdoba …! Córdoba werden wir alle nie vergessen. Aber leben können wir heute nicht mehr davon.
profil: Freunde waren Sie und Krankl jedenfalls nie.
Prohaska: Die Leute glauben immer, dass da weiß ich was vorgefallen ist zwischen uns. Wir kamen halt einfach nimmer so zusammen. Krankl und Prohaska waren immer zwei verschiedene Charaktere. Ob ich fünf Tore schieße oder 20, war mir immer wurscht. Es ist ein Mannschaftssport. Wer das nicht kapiert, soll golfen gehen.
profil: Ein solidarischer Ansatz. Sind Sie Ihrer Herkunft politisch treu geblieben?
Prohaska: Immer.
profil: Sie sind Sozialdemokrat.
Prohaska: Immer gewesen.
profil: Marschieren Sie noch am 1. Mai?
Prohaska: Na, heut nimmer.
profil: Und früher?
Prohaska: Schon, und es war ein Horror! Weil wir immer zu Fuß gegangen sind von Simmering zum Parlament. Das ist ein Halbtagswandertag! Aber Politik sollte Privatsphäre sein. Wobei ich feststelle, dass es kaum Politiker gibt, in die man Vertrauen setzen kann.
profil: Halten Sie es für gut, dass sich so viele Politiker im Fußball engagieren? Rudolf Edlinger bei Rapid, Jörg Haider bei Kärnten, Andreas Rudas bei der Austria.
Prohaska: Du brauchst im Sport einfluss-reiche Politiker. Rapid hätte es gut getan, den Finanzminister Edlinger zum Präsidenten zu haben, nicht den pensionierten. Als Finanzminister hättest du die Macht, große Sponsoren an Land zu ziehen.
profil: Das riecht nach Unvereinbarkeit.
Prohaska: Karl Sekanina war Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre auch Bautenminister, ÖFB-Präsident und mächtiger Gewerkschaftsboss. Der konnte damals schon hin und wieder einen Sponsor – sagen wir – höflich verpflichten.
profil: An Ihrem Halsketterl tragen Sie ein Heiligenbild und ein Hufeisen. Sind Sie gläubig oder abergläubisch?
Prohaska: Beides. Als Sportler eher abergläubisch. Ich hab immer am selben Platz in der Kabine sitzen müssen oder mir Glücksbringer in den Schuh getan. Bis hin zum Beten vor einem wichtigen Spiel.
profil: Als Kind haben Sie sich als Rapid-Fan ausgegeben. Warum eigentlich?
Prohaska: Weil ich wie mein Vater Vienna-Fan war. Aber die haben immer gegen den Abstieg gespielt, und da willst dich von den anderen Kindern nicht häkerln lassen.
profil: Auch Rapid wollte Sie anfangs haben.
Prohaska: Rapid hat mich aber wie einen kleinen Buben behandelt und gesagt: Wennst bei uns spielen willst, kommst auf die Pfarrwiesen, den damaligen Heimplatz von Rapid, und sagst uns Bescheid. Da hab ich mir gedacht: Sind die deppert? So viel Stolz hatte ich schon. Die Austria hat mir geschmeichelt. Und nach Salzburg und Tirol hab ich mich nicht getraut, weil ich meine Freundin hierlassen hätte müssen.
profil: Ihre jetzige Frau?
Prohaska: Ja.
profil: Was haben Ihre Eltern zu den lukrativen Angeboten der Top-Klubs gesagt?
Prohaska: Die haben nie gewusst, um wie viel es da geht. Das war auch besser so. Ich hab später mal eine goldene Rolex gehabt. Da hat meine Mutter gesagt: Die Leut werden immer blöder! Die sagen, du hast eine Uhr um 100.000 Schilling, die san scho ganz deppert, des gibt’s ja gar nicht.
profil: Und was haben Sie gesagt?
Prohaska: Ich hab gesagt: Na, lass sie halt reden. Das ist eh ja alles ein Blödsinn.
profil: Waren Ihre Eltern streng?
Prohaska: Sie haben nie gesagt, dass ich ein gutes Zeugnis haben muss. Die haben nur gesagt: Hier kennt uns jeder. Wenn du sitzen bleibst, richtet uns der ganze Bezirk aus, dass wir so an blöden Buben haben. Du brauchst nicht lauter Einser haben, aber schaff die nächste Klass. Ich wollte ihnen nie Probleme machen.
profil: Haben Sie welche gemacht?
Prohaska: Ich hab versucht, es nicht zu tun. Ich hab schon gearbeitet, da haben meine Eltern noch gesagt, ich muss um elf Uhr zu Hause sein. Normalerweise begleitet der Freund seine Freundin nach Hause. Bei mir war’s immer umgekehrt – und sie ist dann noch ausgegangen.
profil: Bei den heimischen Bundesligamannschaften spielen heute oft mehr Legionäre als Österreicher. Hat der heimische Nachwuchs noch eine Chance?
Prohaska: Das Geschäft war immer hart. Ob Ausländer oder älterer Österreicher – wenn du nicht gut genug bist, verstellen dir auch die Einheimischen den Platz. Trotz allem ist es ein Problem, auch für die Fans, weil die Identifikation verloren geht.
profil: Durch Ihre Tätigkeit im ORF werden Sie oft wegen Ihrer Grammatikschwächen auf die Schaufel genommen. Können Sie darüber lachen?
Prohaska: Natürlich. Ich hab andere auch gern am Schmäh. Es kommt halt drauf an, von wem es kommt und auf welche Art. Ich hab mal über einen Spieler gesagt, dem fehlt der linke Fuß. Darauf hat einer in der Zeitung geschrieben: Wir wussten gar nicht, dass man mit nur einem Fuß Kicker werden kann. Wenn einer so extralustig sein will, ist der der Depperte, nicht ich.
profil: Prohaska-Briefmarken gibt es schon, das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik haben Sie bereits. Welche Ehrung kommt nun auf Sie zu?
Prohaska: Ich glaub irgendeine in Gold.
profil: Vielleicht auch mal ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in Simmering?
Prohaska: Na, des brauch ich am allerwenigsten, das krieg ich ja eh nicht mehr mit.

Interview: Josef Barth und Robert Treichler