Interview: „Ich kreiere gar nichts!“

US-Regisseur David Lynch über das Bombenbauen und den Weihnachtsmann, über seine Flucht aus Salzburg, Hollywood, den Weltfrieden und seine jüngste Panikstudie „Inland Empire“.

profil: Mr. Lynch, nur zur Beruhigung: In diesem Interview werden Sie Ihre Filme nicht interpretieren müssen.
Lynch: Gut. Ich mag es nämlich nicht, über Bedeutung zu sprechen. Das geht gar nicht.
profil: Ihre Filme wirken, auch weil sie so direkt an das Unbewusste zu appellieren scheinen, äußerst subversiv. In Ihrer Kindheit haben Sie mit Freunden Bomben gebaut und versucht, Swimmingpools in Ihrer Nachbarschaft zu sprengen. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass sich das, seit Sie Filmemacher sind, nicht sehr geändert hat?
Lynch: Doch, doch. In Amerika gilt der Vorsatz, jemanden zu töten, als erschwerend. Wenn Sie jemanden bei einem Unfall töten, ist das strafmindernd. Ich habe nicht die geringste Intention, subversiv zu wirken. Ich sammle nur Ideen. In manche verliebe ich mich, weil ich durch sie erkenne, wozu das Kino fähig ist. Ich bin selbst überrascht, was mich da alles ereilt. Das ist wie am Weihnachtsmorgen, an dem man glaubt, seine Geschenke seien weg, aber dann bringt Santa Claus einen weiteren Stapel mit Präsenten! Man öffnet die Pakete – und da ist alles, was man sich gewünscht hat.
profil: Sie nennen sich einen intuitiven Filmemacher. Dennoch werden Sie für die komplexe Konstruktionsarbeit einer dreistündigen Arbeit wie „Inland Empire“ doch bisweilen auch Ihren Intellekt zu Hilfe nehmen müssen. Gibt es denn überhaupt Wege, die Ratio beim Filmemachen konsequent auszublenden?
Lynch: Klar. Es gibt Emotion, es gibt Intellekt – und es gibt die Intuition. Am unteren Ende des Farbspektrums finden Sie Rot, ganz oben ist das Blau. Wenn man nun Rot und Blau mischt, erhält man Violett: Das ist für mich das Höchste, weil es ein bisschen vom Tiefsten und ein wenig vom Zweithöchsten hat. Solche Mischungen sind interessant. So sehe ich auch die Intuition: Sie ist ein Instrument, dessen Kapazitäten ich gar nicht wirklich ausschöpfe. Ich verwende immer nur die Idee, die mich erreicht.
profil: Wie verarbeiten Sie aber die abstrakte Idee weiter?
Lynch: Ein Beispiel: Sie wollen ein Sitzmöbel herstellen – und plötzlich, wie ein Blitz, haben Sie diesen Stuhl vor Ihrem geistigen Auge. In allen Details. Und er wirkt wie eine brandneue Idee. Es ist ein ganz neuer Stuhl, der aber nur in Ihrem Kopf ist. Und Sie denken: Oh Gott, das ist eine wirklich spannende Idee! Dabei konkretisiert sich das Objekt in Ihrem Inneren. Sie stellen also eine Zeichnung dieses Stuhls her – und entdecken, dass er aus Holz und Stahl gemacht ist. Sie prüfen, während Sie zeichnen, ob die Beine richtig aussehen. Sie versuchen, sich an Ihre Idee zu erinnern, versuchen zu rekonstruieren, was genau Sie daran im ersten Moment so sehr geliebt haben. Die fertige Zeichnung wäre dann, metaphorisch gesprochen, Ihr Drehbuch. Sie suchen ein Geschäft auf, um etwas Metall zu besorgen, vielleicht auch ein Holzlager, um Ihre Idee umzusetzen. Sie arbeiten nun intensiv an der Verwirklichung Ihrer Vision, sind als Filmemacher bereits mitten in der Drehphase. So funktioniert das.
profil: Und wo kommt die Intuition ins Spiel?
Lynch: An genau diesem Punkt. Während Sie drehen, bemerken Sie, dass etwas nicht ganz stimmt, etwas teilt Ihnen mit, dass Sie falsch liegen. Dies zwingt Sie dazu, Ihre ursprüngliche Idee zu überprüfen. So brauchen Sie eine weitere Idee, um die Umsetzung zu korrigieren, um sie stimmig zu machen. Die Intuition sagt Ihnen in diesem Prozess nur, ob sich die Dinge richtig anfühlen – oder eben noch nicht ganz. Wenn Letzteres zutrifft, machen wir noch eine Aufnahme.
profil: Haben Sie dieses starke Gefühl, ob etwas richtig oder falsch ist, immer schon während des Drehens? Oder manchmal auch erst im Schneideraum?
Lynch: Nein, nein, nein. Schon beim Drehen. Und ich gebe nicht auf, ehe sich nicht alles – jedes Bild, jeder Ton – korrekt anfühlt. Das war schon bei meinem Film „The Elephant Man“ 1980 so, als ich Samuel Barbers berühmtes „Adagio for Strings“ fand. Ich hörte das Stück im Radio und wusste, dass ich genau diese Musik brauchte. Mein Produzent fand heraus, dass es davon etwa sieben verschiedene Versionen gab. Er besorgte sie mir – und keine davon war die richtige! Also besorgte er mehr.
profil: Jene Version, die Sie gehört hatten, war vollkommen unvergleichlich?
Lynch: Das versuche ich ja zu sagen: Es waren haargenau dieselben Noten, aber nur André Previns Version gab mir schließlich das, was ich so sehr liebte. Man benutzt in solchen Fällen immer das Wort Gefühl, aber es ist eigentlich viel mehr als das: Man fühlt, dass in der Intonation eines Musikstücks etwas liegt, das es tiefer macht oder größer. Die Unterschiede sind subtil, aber in solchen Belangen leitet einen nur die Intuition.
profil: Mit Ihrer formal radikalen, mit Billig-Digitalkameras gedrehten neuen Arbeit „Inland Empire“ scheinen Sie zur US-Kinoindustrie endgültig auf Distanz zu gehen. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?
Lynch: Ich weiß, wovon Sie reden. Wenn ich nun dagegen hielte, „Inland Empire“ sei doch ein geradliniger Hollywoodfilm, würden Sie mich vermutlich für verrückt erklären.
profil: Das würde keinen einzigen Ihrer Filme treffen. Aber dieser neue …
Lynch: … ist noch abstrakter, stimmt schon. Verstehen kann ich das selbst nicht. Alles hängt von den Ideen ab, in die man sich verliebt. Man ist darin gefangen. Aber es könnte ja sein, dass ich mich demnächst in Ideen verlieben werde, die viel traditioneller sind.
profil: Sie sind also ein Opfer Ihrer Visionen, ein Spielball Ihrer Ideen, werden willenlos in diese Welt gesaugt?
Lynch: Ja!
profil: Sie kreieren etwas …
Lynch: Ich kreiere gar nichts! Ehrlich. Keiner von uns bringt irgendetwas hervor. Auch der Koch stellt ja den Fisch nicht selbst her. Er fängt ihn nur, dann präpariert er ihn. Eine visuelle Idee ist genau wie ein Fisch. Sie ist plötzlich da, obwohl sie vor ein paar Augenblicken noch nicht in Sicht war. Sie können nun sagen, ich hätte mir all das doch ausgedacht, meine Ideen aktiv imaginiert. Aber Imagination ist nichts anderes als das Fangen von Ideen. Man muss offen für sie sein, mehr kann man nicht tun.
profil: Sie haben sechs Jahre gebraucht, um von „Mulholland Drive“ zu „Inland Empire“ zu kommen. Wieso ist so viel Zeit vergangen? Wegen der aufwändigen Arbeit an Ihrer Website?
Lynch: Ja, dafür ging viel Zeit drauf. Wenn man sich auf das Malen und auf die Musik verlegt, was ich letzthin getan habe – die Ergebnisse sind ja online abzurufen –, kann man nicht zugleich auch Filme machen. Umgekehrt kann man, während man dreht, nicht auch malen oder komponieren. Meine Website hat einigermaßen gelitten in den drei Jahren der Produktion von „Inland Empire“. Aber glücklicherweise habe ich im Internet überaus loyale Mitglieder. Ich hoffe, die sind noch da, wenn ich jetzt wieder einsteige.
profil: Stellen Sie eigentlich noch immer täglich einen selbst gesprochenen Wetterbericht auf Ihre Homepage?
Lynch: Das mache ich gerade für eine Radiostation in Los Angeles, Indie 103.1.
profil: Jeden Tag?
Lynch: Jeden Tag.
profil: Auch wenn Sie in Europa Filmfestivals besuchen, um Interviews zu geben?
Lynch: Gut, dass Sie mich daran erinnern. Ich habe mich heute bei denen noch nicht gemeldet. Ich muss das sehr bald machen, wirklich. Diese Wetterberichte kann man glücklicherweise mit iChat von überall her durchgeben.
profil: „Inland Empire“ ist ein Film über Panik. Sind Sie selbst jemand, der leicht in Angst zu versetzen wäre?
Lynch: Nein. Das sind alles bloß Ideen. Nur weil ein Fisch kleine Verkrustungen aufweist, wird man nicht davon ausgehen können, dass auch der Koch diese Verkrustungen am Körper trägt.
profil: Neben Ihrer Filmarbeit wälzen Sie kühne Pläne: Sie haben etwa vor, mit Ihrer Stiftung für transzendentale Meditation, die Sie seit ein paar Jahren global bewerben, sieben Milliarden Dollar an Spenden für den Weltfrieden einzutreiben. Wie viel davon haben Sie denn schon?
Lynch: Sagen wir so: Es ist noch ein ganz schöner Weg dahin. Unser Zwischenziel ist es, Ende 2008 25 Millionen Dollar beisammenzuhaben. Ein paar Millionen haben wir schon. Und viele, viele Menschen haben damit begonnen, transzendentale Meditation in Schulen zu betreiben. Wir haben universitäre Forschungsprojekte gestartet. Leute, die schwere Lernstörungen hatten, heilen sich durch das Meditieren selbst. Kinder, die keine Sekunde lang stillsitzen konnten, die auf keine Therapie mehr angesprochen haben, sind plötzlich wie verwandelt: Sie gewinnen innere Ruhe innerhalb weniger Monate. Die Welt verändert sich. Transzendentale Meditation ist keine Religion – und gegen keine Religion dieser Welt gerichtet. Sie ist auch kein Kult. Aber sie funktioniert. Leider gibt es immer noch viele Missverständnisse. Und man lehrt uns nicht, diesen wunderbaren, unbegrenzten Ozean, der in uns Menschen ist, zu verstehen. Dabei können wir alle ganz leicht mit diesem Feld in Kontakt kommen. Wenn man das tut, erwacht es zum Leben, wächst, und die Dinge werden besser. Das ist das Ticket: Der Schlüssel zum Frieden kommt aus diesem Feld. Man erweckt es zum Leben – und das Leiden in der Welt wird sich wie alle Negativität verflüchtigen.
profil: Sie selbst betreiben transzendentale Meditation seit 33 Jahren. Sie haben erklärt, dass Sie den Zorn, den Sie in sich hatten, unmittelbar gedämpft haben.
Lynch: Nein, es ist nicht so, dass ich meinen Hass einfach verdrängt oder irgendwo in mir verstaut hätte, wo ich ihn nun mühsam unterdrücken müsste. Er hat sich in Luft aufgelöst. Ich wusste plötzlich nicht mehr, worüber ich noch wütend sein sollte. Mein Zorn hat sich einfach hinweggehoben. Er versteckt sich nicht mehr in mir. Es ist so seltsam, wie sich dabei alles Negative verflüchtigt. Das ist aber, wie man sagt, Geld in der Bank für den Künstler. Es tut dem kreativen Prozess so gut.
profil: Ist es wahr, dass Sie in den sechziger Jahren in Salzburg studieren wollten?
Lynch: Ich ging damals nach Salzburg, ja, um bei Oskar Kokoschka zu studieren. Es hieß, er lehre dort in der Festung, hoch über der Stadt.
profil: Haben Sie Kokoschka denn getroffen?
Lynch: Nein. Salzburg war mir unglücklicherweise von Anfang an zu sauber. Das war einer der saubersten Orte, die ich je gesehen hatte. Ich liebte den Geruch der Stadt, die Bäume. Für mich und meine Arbeit aber war es da zu steril. Ich verließ Salzburg fluchtartig, aber ich fand in ganz Europa keinen Ort für mich. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich damals auch in Amerika keinen Ort für mich fand. Dabei war ich nur auf der Suche nach einem Ort, der sich richtig anfühlte.
profil: Sie dürften das Absurde mehr noch lieben als das Grauen, sogar Ihre Verleihfirma trägt den Namen „Absurda“. Genießen Sie es eigentlich, wenn das Publikum in Ihren Filmen lacht?
Lynch: Klar, es gibt viel Lachhaftes in meinen Filmen.
profil: Aber Komödien sind das nicht gerade.
Lynch: Nein, eher Genrefilmmischungen. Wie das Leben nicht nur ein Genre
darstellt, so können auch im Kino viele sehr verschiedene Gattungen ineinander-fließen. Man kann in meinen Filmen lachen, weinen, Angst haben. Ganz wie man will.
profil: Sie scheinen Ihre Filme neuerdings gern nach Straßen oder Landstrichen in und um Los Angeles zu benennen: Nach „Mulholland Drive“ haben Sie auch Ihre jüngste Arbeit nun nach Inland Empire, einer Gegend zwischen L. A., San Diego und Orange County betitelt. Was bedeutet Ihnen Los Angeles denn? Immerhin sitzt dort die mächtigste Filmindustrie der Welt.
Lynch: Ich kann nur sagen: Ich liebe Hollywood. Ich liebe den Traum, der sich damit verbindet. Das goldene Zeitalter. Für mich ist diese Ära Hollywoods noch immer sehr lebendig in der Stadt. „Mulholland Drive“ hatte zwar mit Hollywood entfernt zu tun, handelte davon aber nicht wirklich – übrigens geht es auch in „Inland Empire“ nicht so sehr um die Filmindustrie. Die erste Idee, die mir bei „Inland Empire“ kam, hatte mit Hollywood überhaupt nichts zu tun. Dann aber kamen andere dazu, und ich musste einsehen, dass ich mich erneut in eine dieser Film-im-Film-Geschichten hineinbewegte.
profil: Fühlen Sie sich denn wohl in L. A.? Sie sind nicht der Typ, der es mag, Geschäftsessen in Hollywood zu absolvieren.
Lynch: Stimmt, aber die Filme, die ich mache, basieren ja nicht auf meinen eigenen Erfahrungen. Und so wie etwa Musik Ideen substanziell verändern kann, sind auch Orte in der Lage, das zu tun. Ich lebe in Los Angeles. So bin ich den Ideen, die mir dieser Ort vermittelt, vermutlich ausgeliefert.

Interview: Stefan Grissemann