Interview: „Ich glaube an den Satan“

Robert K. Ressler, Ex-FBI-Experte und Erfinder des Täterprofils, über den Umgang mit Serienmördern, Irrtümer, Gott und den Teufel.

profil: Ich würde Ihnen gern in die Augen sehen.
Ressler: Warum? Weil ich so vielen wahnsinnigen Menschen in die Augen gesehen habe?
profil: Ja. Ich möchte wissen, welche Spuren das bei Ihnen hinterlassen hat. Hat Ihr Job Sie milde werden lassen oder vorsichtig, zynisch, kalt?
Ressler: Ich weiß, dass die große Mehrheit der Menschen nicht die Probleme der Leute hat, auf die ich mich spezialisiert habe. Gleichzeitig bin ich anfangs bei jedem ein wenig vorsichtig, bis ich festgestellt habe, dass da keine abnormen Antriebe sind.
profil: Sie haben sich über Jahrzehnte mit den Rändern der menschlichen Natur beschäftigt. Kann man da noch mit Begriffen wie „Handlungsmotiv“ operieren?
Ressler: Normale Standards gelten in diesem Bereich nicht. Man muss über die Handlung hinaussehen und die Verhaltensmuster ergründen. Zu verstehen, warum jemand vergewaltigt, foltert, tötet, die Leiche ausweidet, das Fleisch isst, das Blut trinkt, geht weit über normale Kriminalität hinaus. Viele der Serienmörder können selbst nicht verstehen, warum sie solche Taten begehen.
profil: Kann man da noch von einem Beweggrund sprechen?
Ressler: Es ist eher ein Impuls, der die Handlung und zugleich ein emotionales Hoch beim Täter auslöst. Dann lässt der psychische Druck nach, und die Person denkt, ich sollte das nicht tun, ich weiß, dass es falsch ist, aber ich weiß auch, dass ich es wieder tun werde. Der Serienmörder William Heirens schrieb mit dem Lippenstift seines Opfers an die Wand: „Um Gottes willen fangt mich, bevor ich noch mehr töte. Ich kann mich nicht kontrollieren!“ Logischerweise müsste er sich stellen. Aber so jemand kann das nicht. Er vereint in seiner Psyche zwei Ebenen, eine gewalttätige und eine, die bei Sinnen ist.
profil: Hat das mit krimineller Energie zu tun, oder handelt es sich um etwas gänzlich anderes?
Ressler: Wenn der Zwang unkontrollierbar wird, überwältigt er alles andere. Ich kann ihnen ein gutes Beispiel geben: Jeffrey Dahmer, der junge Mann aus Milwaukee, der 18 Leute tötete und ihre Leichen ausschlachtete. Er arbeitete in einer Schokoladenfabrik, und solange er arbeitete und sein Drang nicht zu stark war, führte er ein Leben abseits seiner abnormen Gedanken. Wenn seine Fantasie die Oberhand gewann, dachte er konstant an den nächsten Mord, an das nächste Opfer, an die Dinge, die er mit ihnen tun wollte. Er baute einen Schrein aus menschlichen Knochen, er wollte in eine okkulte Welt eintauchen, wo er Autorität, Reichtum und sexuelle Befriedigung mit einer anderen Person finden würde.
profil: Wieso werden solche Täter nicht für unzurechnungsfähig erklärt?
Ressler: Die Definition von Unzurechnungsfähigkeit ist schwierig. Richard Trenton Chase etwa, der „Vampir-Killer“, der das Blut seiner Opfer trank, weil er in dem Wahn lebte, sein eigenes Blut würde vertrocknen, war meiner Ansicht nach eindeutig psychisch krank. Die Gerichte jedoch haben ungeheure Angst davor, dass ein solcher Täter wieder zurück in die Gesellschaft kommen könnte, wenn er als geistig unzurechnungsfähig in eine Anstalt eingewiesen wird. Ein Arzt könnte ihn irgendwann als geheilt entlassen. Außerdem wird Serienmördern oft vorgehalten, sie hätten kalkuliert gehandelt.
profil: Mit dem Argument, dass sie scheinbar präzise vorgehen.
Ressler: Genau. Gegen Jeffrey Dahmer brachte der Staatsanwalt vor, dass er eine Sicherheitsanlage in seiner Wohnung anbringen hatte lassen, die einen Alarm auslöste, wenn man eindrang. Das wurde als Vorsichtsmaßnahme Dahmers interpretiert, um nicht erwischt zu werden. Tatsächlich wollte Dahmer seine Schätze – die Leichenteile – sichern.
profil: Empfinden Serienmörder Schuld?
Ressler: So genannte „desorganisierte“, psychisch kranke, psychotische Täter sind jenseits eines Schuldverständnisses. Der sexuelle Psychopath hingegen versteht das Gesetz, er glaubt aber, darüber zu stehen, das Gesetz bedeutet ihm nichts.
profil: Viele Serienmörder werden zum Tod verurteilt. Wie kann man jemanden, der kein Konzept von Gesetz und Schuld hat, töten?
Ressler: Ich stimme Ihnen zu. Ich bin gegen die Todesstrafe. Sie ist zu teuer. Die zum Tod Verurteilten gehen in Berufungen, die zehn Jahre dauern oder länger. Das kostet etwa eine Million Dollar pro Jahr.
profil: Ist das der Hauptgrund?
Ressler: Ein anderer Grund ist, dass ich kriminalistischen Erfolg hatte, weil ich Serienmörder in Gefängnissen interviewen und analysieren konnte. Tote kann man nicht studieren. Außerdem habe ich als Teil meiner Interviews den Serienmördern die Frage gestellt, ob die Todesstrafe sie abgeschreckt hätte, wenn es sie in ihrem Bundesstaat gegeben hätte. Die Antwort war immer: absolut nicht.
profil: In dem Roman „Brief an meinen Richter“ von Georges Simenon schreibt der Verurteilte: „Mein Richter, ein Mensch, ein einziger, soll mich verstehen, und ich möchte, dass Sie dieser Mensch sind.“ Wollten die Täter, die Sie interviewten, von Ihnen verstanden werden?
Ressler: Ich glaube ja. Wobei ihnen noch wichtiger war, dass ich ihnen dabei half, sich selbst zu verstehen.
profil: Gaben Sie ihnen das Gefühl, sie zu verstehen?
Ressler: Natürlich. Ich will sie ja verstehen. Wenn ich in ein Interview gehe, lasse ich mein psychologisches Gepäck draußen. Ich bin klinisch neutral. Ich habe keinen Hass, keine Gefühle, es ist mir egal. Ich höre zu, ich interagiere, ich lerne.
profil: Sie waren als Neunjähriger fasziniert von der Jagd auf den Mörder William Heirens. Jeffrey Dahmer begann als Bub, Insekten zu sezieren. Bei ihm führte es zur Katastrophe, bei Ihnen zu einer tollen Karriere. Wo war der Unterschied?
Ressler: In der Umgebung des Kindes. Ich konzentrierte mich auf die positiven Aspekte, wie man den Mörder fängt. Wäre mein Elternhaus nicht intakt gewesen und hätten mich meine Eltern geschlagen, hätte ich mich vielleicht eher für den Akt des Verbrechens interessiert. Jeder Verbrecher, mit dem ich es zu tun hatte, wies so etwas wie einen Wegweiser auf von den Ereignissen und Lebensumständen in der Kindheit bis zu den Taten des Erwachsenen.
profil: Aufmerksame Lehrer könnten die Welt von Serienmördern befreien?
Ressler: Ja. Polizisten können solche Verbrechen nicht verhindern. Auch nicht die Eltern, denn die sind Teil des Problems. Die Lehrer können beobachten und die Probleme erkennen, aber sie brauchen psychologische Unterstützung. Kindern muss geholfen werden, damit sie nicht aufwachsen wie Jeffrey Dahmer und Hunde töten und dann mit ihnen masturbieren.
profil: Wie schaffen es manche Serienmörder, ihr Doppelleben jahrzehntelang vor ihrer Familie zu verbergen? Der vergangenen Februar gefasste Dennis Rader etwa, der legendäre „BTK – Bind Torture Kill“ (Fesseln, Foltern, Töten), lebte dreißig Jahre lang als Familienvater.
Ressler: Oft ist es so, dass die Leute, die den Verbrechern am nächsten standen, etwas ahnten, es aber nicht einmal sich selbst eingestehen wollten.
profil: Sie sind als Vater des Profiling selbst zum Objekt der Faszination geworden. Verfügen Sie über unerklärliche Fähigkeiten, oder ist es ein Job, den jeder lernen kann?
Ressler: Manche Leute sind bestimmt emotional nicht in der Lage, sich mit solchen Dingen zu befassen. Gleichzeitig glaube ich, dass viele Leute zu diesem Job ausgebildet werden können.
profil: Ist Profiling eine Kunst oder eine Wissenschaft?
Ressler: Es ist keine Wissenschaft. Die Unterhaltungsindustrie hat ein völlig verzerrtes Bild dieser Technik hervorgebracht. Profiling wurde als unfehlbares System dargestellt, mit dem jedes Verbrechen aufgeklärt werden kann. In der Realität ist das Profiling eine Hilfe, um die Nachforschungen zu einem logisch naheliegenderen Täter zu führen. Profiling ist eine Kunst, die auf Wissenschaft gründet, auf Psychologie, auf Regeln der Kriminologie.
profil: Soll ein Täterprofil vor Gericht als Beweis gelten?
Ressler: Nein. Nein, dazu ist es zu vage. Profiling ist spekulativ. Ein Täterprofil kann konkrete, forensische Beweise verstärken, aber nicht ersetzen.
profil: Profiler können sich irren. Sprechen wir doch über Ihre Irrtümer.
Ressler: Ich habe nie vollständiges Versagen erlebt, also etwa, dass ich komplett daneben gelegen wäre. Ein gutes Beispiel für einen Irrtum war der Fall der Heckenschützen von Washington, John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo, die im Oktober 2002 zufällig ausgewählte Opfer mit einem Gewehr erschossen. Ich sagte vorher, dass es sich um zwei Individuen handeln müsse und dass ein erheblicher Altersunterschied bestünde, aber ich irrte mich, was die Hautfarbe der Täter betraf.
profil: Wie kamen Sie zu dem Schluss, dass es zwei waren?
Ressler: Einfach durch die Effizienz, mit der sie operierten. Bei der Anzahl von Schussattentaten mit einem langläufigen Gewehr hätte ein Einzeltäter gesehen werden müssen, wie er nach dem Schuss ins Auto springt und davonfährt. So aber schoss einer, und der andere fuhr sofort danach los.
profil: Bloße Logik also.
Ressler: Ja. Das war noch keine Verhaltensanalyse. Die Tatsache, dass die Täter Schwarze waren, wurde mir jedoch nicht klar, und ich glaube, ich hätte den Schluss anhand der vorliegenden Fakten auch nicht ziehen können.
profil: Wie kamen Sie auf die Vermutung, dass es Weiße seien?
Ressler: Es handelte sich vorwiegend um weiße Opfer, die Morde passierten in vorwiegend von Weißen bewohnten Gegenden. Es sah nicht nach einem schwarzen Verbrechen aus.
profil: Solche statistischen Überlegungen können nur eine Wahrscheinlichkeit ergeben. Wie hilfreich ist es für die Polizei, wenn man ihr sagt, es ist eher ein Weißer, es könnte aber auch ein schwarzer Täter sein?
Ressler: Diese Mordserie war eindeutig ein Fall für konventionelle Nachforschungen. Mit einem Auto durch die Gegend zu fahren und zu schießen – da hat ein Profiler wenig Material für eine Tatortanalyse. Es gibt kaum Verhaltensaspekte. Im Gegensatz etwa zu einem Körper, der ausgezogen oder verstümmelt ist, bestimmte Stichwunden aufweist ... Aber ich habe damals auch kein Täterprofil für die Polizei erstellt, sondern lediglich Kommentare auf CNN abgegeben.
profil: Als Sie den Terminus des „Profiling“ prägten, waren Serienmörder fast durchwegs weiße, allein stehende, arbeitslose Männer. Jetzt touren Sie zu Vorträgen um die Welt und berichten von afroamerikanischen, lateinamerikanischen, asiatischen Tätern. Die alten Regeln gelten nicht mehr?
Ressler: Genau. Die Datenbank wird immer größer. Man muss mit der Realität gehen. Ich fürchte, die Unterhaltungsmedien tragen zu dieser Entwicklung bei. Sie führen vor, wie ein Einzelner es mit der Gesellschaft aufnimmt, indem er zur Waffe greift und das Böse bekämpft. Wir wissen nicht, was Muhammad und Malvo antrieb. Aber die Fantastien werden von Büchern und Filmen genährt.
profil: Auch von Ihnen. Sie waren Berater für „Das Schweigen der Lämmer“.
Ressler: Ja. Und vor Jahren schrieb ein Serienmörder, der in London Homosexuelle tötete: „Ich habe vier Männer getötet, ich muss mindestens fünf töten, denn laut Robert Resslers Definition braucht es mehr als vier, um ein Serienmörder zu werden.“ Was soll ich machen? Ich kann nicht auf das Buchcover schreiben: Nicht für Sexualattentäter.
profil: Gibt es ein bestimmtes Maß an Bösem in der Welt?
Ressler: Wir werden besser darin, es aufzuspüren. Ich glaube, dass es auch im Mittelalter Serienmörder gab, die aber nicht erkannt wurden, weil man keine Verbindung herstellte.
profil: Glauben Sie an Gott?
Ressler: Natürlich.
profil: In den Jahrzehnten Ihres Berufslebens, in denen Sie permanent mit dem Bösen zu tun hatten, sind Ihnen keine Zweifel gekommen?
Ressler: Ich glaube an Gott, ich glaube aber auch an den Teufel, an den Satan, an das Böse.
profil: Sie glauben an die Existenz eines Teufels?
Ressler: Natürlich. Viele Verbrechen können nicht mit normalen Standards erklärt werden.
profil: Gehört das nicht alles zur Natur des Menschen? Brauchen wir zur Erklärung die Existenz eines Teufels?
Ressler: Ich weiß nicht, ob man sie braucht. Aber es ist offensichtlich für mich, dass manche Leute Türen öffnen und in andere Welten gelangen. Ich habe eine Menge Okkultes gesehen. Man kann das nicht alles ignorieren.
profil: Leute erfinden solche übersinnlichen Existenzen. Kaufen Sie ihnen das ab?
Ressler: Gibt es mehr Beweise für Mohammed oder Jesus als für das Böse? Man kann nicht eines akzeptieren und das andere ignorieren. Geben wir es doch zu: Niemand weiß alles, ich auch nicht. Ich leugne nicht die Macht des Christus und des Anti-Christus.

Interview: Robert Treichler