Interview mit Lou Reed im Juni 2012: „Ich habe keine Botschaft”

Er war nicht einfach, mit Lou Reed Interviews zu führen: Protokoll eines Gesprächs vom Juni 2012.

Interview: Robert Rotifer

profil: Sie haben Frank Wedekinds "Lulu“ bearbeitet, erst mit der Band Metallica, nun auch live. Ist es nicht schwierig, die Arrangements nachzuempfinden, die in spontaner Zusammenarbeit mit Metallica entstanden sind?
Lou Reed: Warum sollte das schwer sein? Ich bin der, der dieses Material geschrieben hat, also ist jede Art, in der ich es spiele, die richtige.

profil:
Es scheint heutzutage in der Rockmusik mühsamer als früher zu sein, seine Vision zu verfolgen und dafür akzeptiert zu werden.
Reed: Ich habe keine Ahnung. Ich bekomme von all dem nichts mit.

profil: Der Grund, warum ich frage, ist …
Reed: Ich bin kein Historiker. Ich bin keiner, der irgendwas erklärt. Ich habe keine Botschaft. 99 Prozent von allem ist mir egal, Sie fragen also den Falschen.

profil: Gut. Gehen wir es anders an. Sie haben letzthin Ihr frühes Album "Berlin" wieder aufgegriffen. Haben Sie eine spezielle Beziehung zu dieser Stadt?
Reed: Abgesehen davon, dass ich sie liebe und viele Freunde dort habe: nein.

profil: Würden Sie dennoch ausführen wollen, was Sie an Berlin mögen?
Reed: Nein. Wissen Sie was, hören Sie mal zu: Sie machen hier ein Interview und fragen, warum ich diese Stadt mag. Das kann nur ein Gefälligkeitsartikel werden. Das ist Bullshit. Sie können sich eine Schildkröte besorgen, die kann Ihnen solche Fragen beantworten.

profil: Ich bin überzeugt, dass uns die Schildkröte weniger zu sagen hat als Sie. Ich probier’s mit einer anderen Frage: Sie behaupten, Sie haben keine Botschaft. Aber Sie haben erst vergangenes Jahr den Film "Red Shirley“ gemacht, ein Porträt Ihrer Cousine, einer 100-jährigen Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Kämpferin für Arbeiterrechte: Dieser Film hatte eindeutig etwas zu sagen.
Reed: Finden Sie?

profil: Allerdings.
Reed: Was war da die Botschaft?

profil: Wie Sie selbst bei Erscheinen des Films sagten, ging es darum sicherzustellen, dass das, wofür Shirley steht, nicht verlorengeht.
Reed: Das ist wahr.

profil: Derzeit wird überall in Europa demontiert, was damals an Arbeiterrechten erreicht wurde …
Reed: Solche Fragen können Sie mir nicht stellen. Es geht nur um Musik. Ich kann nichts Sinnvolles über Europas Wirtschaft sagen. Oder wollt ihr alle Griechenland werden? Aber wenn Sie schon damit angefangen haben: Glauben Sie, dass Merkel Sarkozy in den Abgrund folgen will?

profil: Interessante Frage. Meine Perspektive wäre…
Reed: Werden Sie ihre Perspektive auch veröffentlichen? In den 15 Minuten, die wir zum Reden haben?

profil: Einverstanden, lassen wir meine Perspektive beiseite.
(Reeds Management schaltet sich ein: "Bleiben Sie bei der Musik!“)

profil: Fein. Fangen wir noch einmal von vorne an. Ihre Tour heißt "From VU to Lulu“ - das umreißt ihre gesamte Karriere. Was haben Sie ausgewählt?
Reed: Ich werde von Velvet Underground über meine Soloalben bis hin zu "Lulu“ alles abdecken. Das ist eine furchterregende und ambitionierte Aufgabe, aber ich habe viel geübt, und wer weiß, wozu ich fähig bin. Ich bin besessen von "Lulu“.

profil: Es ist beeindruckend, mit welcher Besessenheit Sie sich in diese Figur vertieft haben. Ebenso verblüffend war die Unwilligkeit der Öffentlichkeit zu verstehen, was Sie damit erreichen wollten.
Reed: Es freut mich sehr, das zu hören, denn man ist über mich hergefallen. Wissen Sie, ich bin das ja gewohnt, aber "Lulu“ ist so erstaunlich. So aufregend. Aber was soll‘s. Ich mache mir nur Sorgen darüber, ob die Leute in verschiedenen Ländern auch die Texte verstehen können.

profil: Wir wähnen uns ja in einer aufgeklärten Zeit, in der alle Stile und deren Vermengung zugelassen sind, aber ihre Zusammenarbeit mit Metallica stieß teilweise auf geradezu bigotte Entrüstung.
Reed: Die Typen von Metallica sind wunderbar, ich liebe jeden Einzelnen von ihnen. Aber manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines Eichhörnchens. Es hat eine Weile Spaß gemacht, Videos von diesen Leuten auf meine Website zu stellen, damit man sehen kann, wie dumme Menschen aussehen. Nun, da man alles auf YouTube stellen kann, ist jeder freie Beute, einschließlich dieser Typen. Sie verstecken sich gern hinter ihren Computern, aber wenn sie anfangen, ihre Selbstporträts zu veröffentlichen, hat man die Chance zu sehen, wie ein Stück Scheiße aussieht.

profil: Das hat wohl auch mit dem Thema von "Lulu“ zu tun - Metal-Fans pflegen ja einen gewissen Machismo.
Reed: Nicht wirklich. In Wahrheit ist es wie eine Szene aus längst vergangenen Tagen. Wie ein Pfadfinderlager. Wen soll das beeindrucken?

profil: Es mag sein, dass der "Lulu“-Stoff in seiner Schilderung dessen, wie Männer sich von weiblicher Sexualität bedroht fühlen, bei manchen einen wunden Punkt trifft.
Reed: Sie zerstört jeden, der ihr unterkommt, bis sie Jack the Ripper in die Arme läuft. "Pumping Blood“, das ist ein ergreifender Song, wenn ich das selbst so sagen darf. Er ist so eindringlich, unglaublich. Man sollte meinen, jeder, der atmen kann, wäre verrückt danach. Oder "Junior Dad“, das ist eine so bemerkenswerte Nummer. So tiefgehend, auf so viele verschiedene Weisen. Aber um das anzuhören, braucht es ein wenig Intelligenz, was eben viele dieser Metal-Schädel von vornherein ausschließt. Da muss man schon lesen und schreiben können.