Interview: „Österreich ist eine gigantische Organisation der Feigheit“

Nach drei Jahren Pause legt Peter Turrini ein neues Stück vor. Mit profil spricht der Dramatiker über die Schizophrenie seiner Profession, seine Kärntner Heimat, seine Skandale, einen nackten Kunststaatssekretär und seinen Ekel vor der österreichischen Innenpolitik.

profil: Warum leben und arbeiten Sie in ländlicher Abgeschiedenheit, in der sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen?
Turrini: Ich habe mein ganzes Dichterleben hindurch nie eine Zeile in der Stadt geschrieben. Nachdem ich zehn Jahre in Wien gelebt hatte, war ich ein Teil des üblichen Großstadtrumors. Ich brauche aber die vollkommene Abgrenzung, um Schreiben zu können.
profil: Sie brechen während der Arbeit an einem neuen Stück jeden Kontakt zur Außenwelt ab?
Turrini: Damit habe ich immer wieder Menschen verletzt, die mir nahe stehen. Auf der einen Seite brauche ich die Menschen, ihre Nähe, ich bin ja geradezu ein Menschenverschlinger. Ich muss an der Realität der Dinge und der Menschen Maß nehmen, sonst hätte ich gar nicht den Mut zum Schreiben. Wenn ich aber schreibe, dann kündige ich alle und alles.
profil: Sie sind in der Kontaktverweigerung so kompromisslos?
Turrini: Was soll ich anderes tun? In der heißen Phase des Schreibens werden die erfundenen Figuren immer realer und reale Menschen immer nebulöser. Ich wache in der Früh mit Gedanken an Menschen auf, die es gar nicht gibt.
profil: Das klingt schizophren.
Turrini: Ist es ja auch. Aber bedenken Sie, ein Prosaist beschreibt Menschen, die zwischen zwei Buchdeckeln verbleiben, aber ein Dramatiker schickt einen wirklichen Menschen, einen Schauspieler, auf die Bühne.
profil: Warum liegt Ihnen die Epik nicht? 1972 haben Sie mit „Erlebnisse in der Mundhöhle“ Ihren ersten Roman publiziert. Es war auch Ihr letzter.
Turrini: Dieser Roman war eine der scheußlichsten meiner vielen Missetaten. Das Buch wurde damals zwar recht toll rezensiert und als neue Form des Romans bezeichnet, für mich aber war es die nachhaltigste Form eines Irrtums. Ich bin Dramatiker, selbst meine Reden und Essays unterstellen ein Gegenüber. Ich muss mich an Menschen wenden, an wirkliche Menschen.
profil: Erleichtert Ihnen das Sprechen zu anderen die Einsamkeit während des Schreibens?
Turrini: Ich bin nicht einsam beim Schreiben, ich lebe ja mit meinen Ausdenkungen zusammen. Wenn man eine derartige Ansammlung von erfundenen Personen in seinem Kopf hat, hat das mit Einsamkeit nichts zu tun, sondern damit, dass das Unwirkliche wirklich wird.
profil: Wie lange dauert diese Verkehrung der Verhältnisse an?
Turrini: Mit dem Datum der Uraufführung versuche ich, mich von meinen Ausdenkungen zu verabschieden, sonst würde ich ja tatsächlich wahnsinnig werden. Ich lese auch meine alten Stücke kaum. Wenn ich sie lese, gerate ich in große innere Turbulenzen, weil ich sie am liebsten wieder umschreiben würde. Das Gewerbe des Dramendichtens ist harte Arbeit.
profil: Und eine Frage des Talents.
Turrini: Ich halte Talent für eine Voraussetzung, über die ich gar nicht debattiere. Der Rest ist der allermühsamste Kampf mit der Form. Ich habe immer ein bisschen darunter gelitten, dass in der Rezeption meiner Stücke alle möglichen politischen Inhalte heiß diskutiert wurden, aber von meiner lebenslänglichen Anstrengung um die Form ist kaum die Rede. Sie ist der Kern meiner Arbeit, tägliches Versagen eingeschlossen.
profil: Woran erkennen Sie, dass die Form gelungen ist? Wann sind Sie zufrieden?
Turrini: Es gibt keine Zufriedenheit, nur den Druck des Uraufführungstermins. Schreiben heißt auch, immer eine Vorstellung von Vollendung in sich zu tragen, und dass das, was tatsächlich am Papier landet, das Scheitern dieser Vorstellung ist. In diesem Widerspruch ist das ganze Glück und Elend des Schreibens eingefangen.
profil: Schreiben Sie immer noch vorrangig deshalb, um, wie von Ihnen öfters behauptet, „zwischen die Beine einer Frau zu geraten“?
Turrini: Sicher kennen Sie das französische Gemälde mit dem Titel „Vom Ursprung der Welt“. Es zeigt die Scham einer liegenden Frau und sieht ungefähr so aus wie jenes EU-Plakat einer Frau mit blauer Unterhose, über welche sich derzeit ganz Österreich unter Anleitung der „Kronen Zeitung“ aufregt. Für mich hat das weibliche Geschlecht schon immer Monstranzcharakter gehabt, und das Knien vor dieser Monstranz hat meine wesentlichsten Energien freigesetzt. Die Gier ist der Neugier sehr nahe und insofern eine Gewerbsvoraussetzung für den Dramatiker. Wie soll man über den Menschen schreiben, wenn man nicht an den Ursprung des Lebens heran will? Ich kann mir kein edleres Motiv für die Kunstausübung vorstellen.
profil: Dichterei macht sexy?
Turrini: Ich käme bis heute nicht auf den Gedanken, Frauen würden sich in meine männliche Erscheinung verlieben – wenn ich nicht mindestens mit fünf Gedichten und einem Dramenentwurf protzen könnte. Dieser Gedanke beherrscht mich seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, obwohl diese Haltung bei einigen Frauen, denen ich im Leben begegnet bin, das eine oder andere Mal nachhaltiges Gelächter ausgelöst hat.
profil: In Ihrem neuen Stück „Bei Einbuch der Dunkelheit“ porträtieren Sie einen Maler, einen Schriftsteller und einen Komponisten als verkommenes und verzweifeltes Künstlertrio. Sind Sie von Ihrem Berufsstand so enttäuscht?
Turrini: Das hat mit Enttäuschung nichts zu tun, das ist ein Begriff, den ich nicht kenne, weder in meinem Leben noch in meiner Literatur. Ich denke prinzipiell, dass die künstlerische Existenz zutiefst widersprüchlich ist, und ich wollte diesen Widerspruch näher erkunden. Das Stück spielt Ende der fünfziger Jahre und ist der Versuch, zu den Quellen der Zweiten Republik und den Anfängen ihrer Kunst zurückzukehren. Viele der blutigen Schrecken, welche diese Künstler als sehr junge Männer im Zweiten Weltkrieg erlebt haben, kommen in blasphemischer Form wieder, wie beispielsweise im Wiener Aktionismus. Nacktheit, Fleischteile, Blut und Ausscheidungen dominieren das Bild.
profil: Worin bestehen die Widersprüche der künstlerischen Existenz?
Turrini: Vor allem ist es ein wirtschaftlicher Widerspruch. Man lebt in der Welt, will von ihr leben, und gleichzeitig will man ihr künstlerisch auf die Nerven gehen. Man muss die Hand beißen, die einen füttert. Und dann gibt es noch ein anderes Dilemma. Wenn man sich die Aufgabe der Menschenerkundung stellt, dann muss man auch bereit sein, das Hackebeil der Erkenntnis nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst zu wenden. Wann immer im Leben eine Art Versöhnung mit mir und der Welt eingetreten ist, habe ich keine Zeile zu Papier gebracht. Kunstausübung ist eine Obsession, ein Wahn.
profil: Irritieren Sie Buhrufe noch? Sie hatten legendäre Premierenskandale auszustehen.
Turrini: Es wäre eine Lüge zu sagen, dass die Premiere von „Da Ponte in Santa Fe“ bei den Salzburger Festspielen 2002 spurlos an mir vorübergegangen wäre. Man geht hinaus auf die Bühne, und es umfängt einen der ganze Ingrimm der versammelten Kulturmenschheit inklusive der Kulturkritiker, die ohnedies auf Mord programmiert sind. Das ist wie in einer römischen Arena. Stellen Sie sich die Auswirkung auf des Dichters Seele vor!
profil: Sie haben keinen Schutzpanzer entwickelt?
Turrini: Nicht im Geringsten. Um mein Gewerbe halbwegs betreiben zu können, muss ich die Seele einer Libelle haben, und um alle Reaktionen auszuhalten, müsste mir ein dicker Panzer wachsen. Was wäre das für eine zoologische Mischung? Die Kreuzung zwischen einer Schildkröte und einer Libelle ist naturgeschichtlich noch nicht vorhanden.
profil: Wie haben Sie gelernt, mit all den Widersprüchen zu leben, die Sie in Ihrem Stück beschreiben?
Turrini: Wir lernen in unserem Leben überhaupt nichts, das ist eine der merkwürdigsten Erkenntnisse des Älterwerdens. Man kann sich die Lerngier der Jugend bewahren – um schließlich herauszufinden, dass man auf Fragen immer seltener Antworten findet und dass solche, die man als Jugendlicher hatte, einem zunehmend abhanden kommen. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr ist es schlicht und einfach so, dass ich die Welt nicht aushalten kann, wenn ich sie nicht ununterbrochen in Sprache und Szenen überführe. Die wenigen Male, als ich wirklich sprachlos war, bin ich buchstäblich in der psychiatrischen Klinik gelandet. Mich hat immer das Wort gerettet. Es war meine einzige Möglichkeit zu überleben. Folglich werde ich schreiben, bis ich vom Sessel falle.
profil: Wenn Sie in Ihrem Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ über die Künstler lachen – lachen Sie da auch über sich selbst?
Turrini: Wirklich lachen kann man doch nur über die Katastrophe. Ich habe die sehr deutsche Trennung zwischen Komödie und Tragödie nie verstanden. Mir ist ein unglücklicher Truffaldino, der aus Verzweiflung drei Teller Spaghetti verschlingt, literarisch ungleich näher als die Ringparabel von Lessing. Ich habe ein schlichtes italienisches Gemüt, ich bin für das Theatralische, nicht für das Philosophische.
profil: Sie bereiten erneut Ihre großen Themen auf: NS-Vergangenheit, Künstlertum, Sexualität, Kärnten. Wo bleibt das Stück über aktuelle Themen wie Globalisierung und Neoliberalismus?
Turrini: Obwohl es mich manchmal sehr drängt, darüber ein Stück zu schreiben, schaffe ich nur die essayistische Äußerung. Natürlich könnte man sich fragen: Wen interessiert heute ein Stück über die späten Fünfziger? Aber ich habe nicht die freie Wahl beim Aussuchen meiner Themen, sondern muss meinem Stern oder Unstern folgen, auch wenn er zur Unzeit aufgeht.
profil: Ihre Kollegin Elfriede Jelinek schreibt keine Dialoge mehr, nur noch monströse Monologe. Warum halten Sie an der Dialogform fest?
Turrini: Weil ich ein alter Hagestolz bin. Diese grassierende Mode, ein Drama als Textfläche zu bezeichnen und eine Theaterdichtung nur noch als Regievorlage zu sehen, mit der man alles und jedes machen kann, vom Hineindichten bis zum Collagieren mit fremden Texten, mache ich nicht mit. Diese Hybris der Regisseure bringt meinen Grant derart zum Sieden, dass ich darauf nur noch in der Fäkalsprache reagieren kann – ich scheiße darauf. Die Hohepriester dieser Mode scheißen auf mich, und insofern ist unser Verhältnis geklärt.
profil: „Vor Einbruch der Dunkelheit“ enthält genaue Regieanweisungen und eine konkrete Bühnenbild-Idee – an die sich ohnedies kein Regisseur halten wird.
Turrini: Das ist ja nur ein hilfloser Versuch, die Regisseure und Schauspieler ein bisschen in meine Vorstellungswelt zu ziehen. Auch in Dietmar Pflegerls Inszenierung meines neuen Stücks werde ich viele Interpretationen und Bilder, die ich mir in meiner Weinviertler Schreibisolierung ausgedacht habe, nicht auf der Bühne sehen. Das ist in Ordnung so, Theater ist eine gemeinsame Kunst. Ich hoffe sehr, dass mich das Theaterteam in Klagenfurt angenehm überraschen wird. Ich will nur nicht, dass Regisseure und Dramaturgen, die einen Bleistift halbwegs fest in der Hand halten können, selber zum Dichten anfangen.
profil: Autoren wie René Pollesch, Schorsch Kamerun oder Falk Richter ist es gelungen, Theater in die Popkultur zu integrieren. Interessiert Sie diese neue Theaterform?
Turrini: Ich bin zwar einigermaßen vernagelt, was meine Theatermethode anbelangt, aber so vernagelt bin ich nicht, dass ich nicht sehen würde, dass sich die menschliche Existenz zusehends in einen Scherbenhaufen verwandelt und das menschliche Wesen immer weniger eine Einheit ist und immer mehr zur fremdbestimmten Collage wird. Ich verstehe auch, dass diese Erkenntnis eine eigene dramatische Form nach sich zieht. Ich will aber meine Form des Theaters, an der ich hänge, nicht auflösen. Ich will keinen Text ohne Figurennamen schreiben. Ich will die Schnittwunden in der menschlichen Figur sichtbar machen.
profil: 1971 sind Sie angetreten, um gegen das erstarrte Theater zu schreiben. Fühlen Sie sich heute als Standartenträger der Tradition?
Turrini: Es gibt schon so viele Etiketten, die man mir aufkleben wollte. Das ist jetzt eine neue. Weder war ich je ein Standartenführer der Revolution, noch bin ich jetzt ein bürgerlicher Davonläufer. Ich habe eine dramatische Methode zu verteidigen, zu der ich keine Alternative habe. Ich bestehe für mich darauf, dass wir am Theater um das Mitempfinden, Mitweinen und Mitlachen mit einem Menschen nicht herumkommen. Ohne die Identifikation mit den Schauspielern kann und will ich kein Theater machen. Ein ästhetisches Spektakel, welches die menschliche Figur auflöst, interessiert mich nicht.
profil: Kärnten kommt in Ihrem neuen Stück nicht gut weg: „Alle Kärntner Richter sind Nazis“, sagt eine Figur. Woher kommt Ihr Leiden an der Heimat?
Turrini: Man kann die Sätze einer Bühnenfigur und das Denken eines Dramatikers nicht immer gleichsetzen. Kärnten ist tatsächlich eine Wunde, die sich nicht und nicht schließt. Dieses Land hat es bis heute nicht geschafft, seine zweite Sprache, das Slowenische, auf ein paar Ortstafeln zu bringen. Geschweige denn, dass man sich in Kärnten darüber freut, dass es in diesem Land nicht nur zwei Sprachen, sondern auch zwei Literaturen gibt. Im Gegenteil, das Slowenische, wie übrigens auch das Italienische meines Vaters, war in meiner Kindheit das Hässliche. Man wächst als Kind auf und versteht nicht, warum die deutsche Sprache eine schöne ist und die Sprache, von der man kommt, eine hässliche sein soll.
profil: Wieso identifizieren Sie sich noch so stark mit Kärnten? Sie haben Ihre Heimat vor vierzig Jahren verlassen.
Turrini: Ich habe ein ganz merkwürdiges Verhältnis zur Zeit. Das Vergangene und das Gegenwärtige fallen in mir ineinander, als wäre nichts erledigt, weder das Schöne noch das Schlimme. Die Traurigkeiten und Ausgrenzungen der Kindheit beschäftigen den heute 61-Jährigen nachhaltiger als vor vierzig Jahren. Es ist ein Beharrungsbeschluss der Seele, der in der Gegenwart manchmal gar nicht mehr gemessen werden kann.
profil: Es ist also nicht schwer, sich die Wut zu erhalten, aus der Ihr Theater seine Kraft bezieht?
Turrini: Die Wut, der Zorn, die Zerrissenheit, die mir sehr wohl Kraft zur Arbeit geben, sind ja kein Dauerzustand. Ich bin ja nicht 24 Stunden außer mir. Natürlich wünsche ich mir ein anderes Kärnten, aber noch viel mehr wünsche ich mir etwas anderes. Ich lebe seit Jahren in einer glücklichen Beziehung, und da die Liebe ein Kind der Freiheit ist, wünsche ich mir eine Fortsetzung dieser Liebe.
profil: Wo bleibt das große Stück über den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider?
Turrini: Ein entsetzlicher Gedanke.
profil: Warum?
Turrini: Die Haider’sche Dimension ist dadurch entstanden, dass der Journalismus sie herbeigeschrieben hat. Ich denke nicht daran, diese Dimension noch durch eine literarische Anstrengung zu vergrößern. In einem Interview habe ich festgestellt, dass Jörg Haider in Wahrheit Jiri Haiduschka heißt und aus Treplow in Nordböhmen stammt. Ein Tscheche also, der über Oberösterreich nach Kärnten gekommen ist, einen Kärntner Anzug angezogen hat und seither als Deutschnationaler durch die Gegend rennt. Eine Tragikomödie.
profil: In Interviews sind Sie wortreich gegen Haider aufgetreten. Werden Sie gegen den neuen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ebenso lautstark opponieren?
Turrini: Ganz sicher nicht, obwohl man als politischer Mensch angehalten wäre, darauf einzugehen. Aber es sträubt sich alles in mir. Ich halte es für eine der Katastrophen der österreichischen Innenpolitik, dass sie zunehmend Figuren produziert, die in meinen Stücken nicht einmal eine Nebenrolle abgeben würden. Journalisten können an diesen Fragen nicht vorbei, aber auch ihnen muss es doch Schmerzen bereiten, sich mit solchen Leuten zu beschäftigen. Es ist ein kleiner Luxus der Dichterei, dies nicht zu müssen.
profil: Warum beziehen Sie seit dem Abgang von Burgtheaterdirektor Claus Peymann immer seltener politisch Stellung?
Turrini: Ich bitte Sie um Verständnis, aber ich muss Stücke schreiben, mein Konto ist ständig überzogen. Außerdem bin ich nicht der Pawlow’sche Hund der österreichischen Innenpolitik. Warum soll ich auf jede Schwanzwedelei, auf jeden Furz dieser Herren und Damen mit einem Kommentar reagieren? Wenn Sie schon einen politischen Satz von mir hören wollen, dann diesen: Ich freue mich, wenn es diese Regierung nicht mehr gibt.
profil: In der Uraufführung Ihres Stückes „Rozznjogd“ 1971 spielte auch ein gewisser Franz Morak mit.
Turrini: Die Autorin Silke Hassler arbeitet an einer Ausgabe meiner Werke, im Anhang kommen auch Aufführungsfotos vor. Es war der zuständigen Dame des Suhrkamp Verlags schwer zu erklären, dass der nackte Herr, der da auf Dolores Schmidinger liegt, heute der österreichische Kunststaatssekretär ist. Morak war ein großer Schauspieler, der für die Bühne für immer verloren ist. Denn in welcher Rolle auch immer er auftauchen würde, jeder würde sofort mit der Hand auf ihn zeigen und sagen: Jö, der Herr Staatssekretär!
profil: Wie bewältigt Morak seine Rolle als Politiker?
Turrini: Es tut mehr als weh, ihm zuzusehen. Sogar der Innungsmeister der Schuhpastaerzeuger muss die Eigenschaft haben, dass ihn die Schuhpastaerzeuger mögen. Die Tatsache, dass Morak von einem Großteil der Künstler abgelehnt wird, ist entsetzlich.
profil: Sie sagten einmal, Politiker und Künstler hätten dieselbe Motivation: Größenwahn.
Turrini: Zumindest mein Größenwahn steht außer Zweifel. Ich kann ja nicht einmal richtig Deutsch, sondern brauche ständig Lektoren, die mich korrigieren. Ich habe die neue Rechtschreibung nie verstanden, aus dem ganz einfachen Grund, dass ich schon die alte nicht konnte. Mit solchen Voraussetzungen zu dichten ist pure Selbstüberschätzung.
profil: Dafür haben Sie es weit gebracht.
Turrini: Es liegt wohl daran, dass ich so fleißig bin und keine Angst habe. Insofern bin ich eine total unösterreichische Erscheinung. Das Ausmaß an Selbstzensur, die dieses Land und seine Medien wie etwa den ORF durchwabert, ist deprimierend. Österreich ist eine gigantische Organisation der Vorsicht, der Feigheit. Im Grunde genommen verstehe ich das nicht. Wir alle handeln uns Niederlagen ein, ganz ohne Erniedrigung kommt man nicht durchs Leben. Aber Kämpfe, Auseinandersetzungen, mögliche Niederlagen zu vermeiden hieße doch, das Leben selbst zu vermeiden.
profil: Der Dichter Vincent sagt in Ihrem neuen Stück: „Ich schreibe ausschließlich zum Zwecke der Zerstörung. Meine Gedichte sind wie ein Bombenangriff.“ Warum schreiben Sie?
Turrini: Man wird in all meinen Dramen bemerken, dass sie zwar auf das Schreckliche zusteuern, aber es gibt immer einen Moment, in dem sich die Menschen jenseits der Masken erkennen und vielleicht durch die Kraft der Liebe einen Moment des Zusammenfindens erleben. Ich will meine Figuren nicht in die ausschließliche Kälte schicken. Es herrscht Kälte genug. Theater ist, obwohl es in der Dunkelheit stattfindet, für mich immer ein Erhellungsort gewesen. Die Begegnung mit Horváth und meinen anderen literarischen Säulenheiligen war für mich eine Lichterfahrung. Anderen erscheint die Jungfrau von Fatima, mir ist Horváth erschienen. Ich brauche das Theater, um ein paar Schritte weiterzukommen im Verständnis des Lebens.
profil: Schreiten Sie stets voran? Oder auch rückwärts?
Turrini: Wenn man älter wird, kommt man um die Frage des Todes nicht herum. Bisher bestand keine Notwendigkeit dazu, weil ich immer nach dem System gehandelt habe: Ich könnte alles, will es aber manchmal nicht. Jetzt holt mich die Umkehrung dieses Satzes ein: Ich will alles, kann aber manchmal nicht. Das ist eine gravierende Erfahrung, die ganz neue Fragen aufwirft. Des Erkundens ist kein Ende, doch die Schritte werden trippelnder und schleppender.
profil: Bert Brecht glaubte an das Theater als Erziehungsanstalt. Hat Ihr Schreiben ebenfalls einen pädagogischen Impetus?
Turrini: Wenn das Theater in den Schlepptau der Pädagogik gerät, gegen die ich prinzipiell nichts habe, ist es schon verloren. Der Schöpfungsprozess ist ein radikal egoistischer. Ein Künstler ist die personifizierte Indiskretion, er darf sich um nichts kümmern. Er darf in seiner Arbeit nicht die geringste Vorsicht walten lassen, weder pädagogische noch familiäre noch politische. Sollte es einen lieben Gott geben, wird er mich dafür eh nachhaltig bestrafen.
profil: Sie rechnen mit der Hölle?
Turrini: Bisweilen. Ich bin einfach zu katholisch verpatzt, wie fast jeder in diesem Land. Österreicher zu sein und keinen katholischen Schaden zu haben ist fast unmöglich. Als Jugendlicher habe ich im Klo onaniert, und plötzlich schaute der liebe Gott bei der Oberlichte herein. Ab und zu schaut er noch immer herein.

Interview: Wolfgang Paterno, Peter Schneeberger

Peter Turrini, 61, wurde in St. Margarethen im Lavanttal, Kärnten, als Sohn einer Steirerin und eines Italieners geboren und lebt heute in der Weinviertler Gemeinde Retz. Ab 1963, nach der Reifeprüfung an der Klagenfurter Handelsakademie, war Turrini in verschiedenen Berufen tätig, unter anderem als Hotelmanager in Italien, als Lagerarbeiter und Werbetexter. Seit 1971 lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Retz. Mit seinen frühen Theater(skandal)stücken – „Rozznjogd“ (Uraufführung 1971 am Wiener Volkstheater), „Sauschlachten“ (Münchner Kammerspiele, 1972) und „Josef und Maria“ (Volkstheater Wien, 1980) – wurde Turrini bekannt und zählt bis heute zu den wichtigsten österreichischen Dramatikern.

Neben Gedichtbänden, Reden und Essays verfasste der Teilzeitschauspieler („Tatort“, „Exit – Nur keine Panik“) auch Drehbücher, etwa für die sechsteilige Fernsehserie „Alpensaga“ (1976–1980, gemeinsam
mit Wilhelm Pevny). Unter Claus Peymann gehörte Turrini zu den Hausautoren des Burgtheaters („Alpenglühen“, 1993; „Die Schlacht um
Wien“, 1995). Zuletzt schrieb der Dramatiker das Libretto für die Friedrich-Cerha-Oper „Der Riese vom Steinfeld“. 2002 war bei den Salzburger Festspielen auch die Peymann-Inszenierung von „Da Ponte in Santa Fe“ zu sehen. Turrinis Werke wurden in über 30 Sprachen übersetzt, seine Stücke werden weltweit gespielt. Im Suhrkamp Verlag wird demnächst eine 20-bändige Werkausgabe erscheinen.