Interview: „Schön, schlau und schlagfertig“

Helen Thomas, Amerikas berühmteste Berichterstatterin aus dem Weißen Haus, über das Charisma von John F. Kennedy. Helen Thomas, 83, gilt als Amerikas „First Lady des Journalismus“. Seit 43 Jahren feuert sie bei den täglichen Pressekonferenzen im Weißen Haus erbarmungslos Fragen aus der ersten Reihe. Seit 1943 in Washington, wurde Thomas mit John F. Kennedys Präsidentschaft Chef-Berichterstatterin aus dem Weißen Haus für United Press International. Der Versuch von Präsident George W. Bush, die Grande Dame in die hinteren Reihen zu verbannen, scheiterte an einer kollektiven Petition der Medienvertreter. Thomas ist Autorin mehrerer Bücher, darunter „Thanks for the Memories, Mr. President. Wit and Wisdom from the Front Row at the White House“ (Scribner, New York 2002).

profil: Frau Thomas, wo waren Sie am 22. November 1963, als John F. Kennedy erschossen wurde?
Thomas: Ich war in Washington mittagessen und wollte an diesem Tag auf Urlaub fahren. Im Restaurant lief ein Radio. Es wurde plötzlich laut, und ich dachte: Seltsam, heute ist doch keine Sportveranstaltung. Dann kapierten wir, dass auf den Präsidenten geschossen worden war. Ich fuhr sofort ins Büro. Mein Chef sagte: Helen, du bist doch auf Urlaub. Nicht mehr, sagte ich und wollte nach Dallas fliegen. Wir dachten, Kennedy lebe noch. Im Taxi hörte ich, dass er gestorben war. Ich ließ mich zur Andrews Airforce Base bringen und wartete auf das Flugzeug mit dem Sarg. Es war schrecklich, als die Airforce One ankam und Jackie Kennedy auf den Stiegen des Flugzeuges in ihrem blutgetränkten pinken Wollkostüm erschien! Ich hatte am Tag davor noch berichtet, wie Kennedy von der Südwiese des Weißen Hauses im Hubschrauber abgeflogen war und dass er seinen dreijährigen Sohn John im Helikopter mitgenommen hatte, weil John so gern Hubschrauber flog. Und nun kam der Präsident einen Tag später im Sarg zurück.
profil: Welche Bedeutung hat dieser Tag in Ihrem Leben?
Thomas: Die Welt stand still. Wir verloren mehr als einen Präsidenten. Wir verloren die Hoffnung. Nie danach hatten wir einen Präsidenten, der uns so viel Inspiration gegeben hatte, so viel Gefühl dafür, wer wir waren und was wir sein könnten.
profil: Was war an Kennedys Politik so großartig?
Thomas: Er kannte den Unterschied zwischen Krieg und Frieden. Er hat der Menschheit Ziele gesetzt. Er hat die Mondlandung anvisiert. Leider hat er sie nicht mehr erlebt.
profil: Wann sahen Sie Kennedy zum ersten Mal?
Thomas: In den frühen fünfziger Jahren, als er noch Senator war, auf einer Party in der pakistanischen Botschaft. Er fuhr mich nach Hause. Ich erzählte einer Freundin am nächsten Tag, ich fände ihn ein wenig lahm. Meine Meinung musste ich rasch ändern. Als Präsident war er schön, schlau und schlagfertig. Er und Jackie brachten so viel Leben, Stil und Eleganz ins Weiße Haus, dass ganz Amerika fasziniert war.
profil: Wie sah Ihr Arbeitsalltag im Weißen Haus damals aus?
Thomas: Ganz anders als heute, viel ruhiger. Wir waren nur eine Hand voll Journalisten, und TV-Kameras tauchten nur bei großen Events auf. Wir waren nahe dran am Präsidenten. Die Sicherheitsbeamten ließen mich seelenruhig mit JFK die Straße entlangspazieren und plaudern.
profil: Sie hatten also Spaß im Weißen Haus?
Thomas: Und wie. Nicht, dass Kennedy immer mochte, was wir schrieben. In der Frage der Bürgerrechtsbewegung war er ein wenig langsam. Außenpolitik hat ihn mehr gefesselt. Vor allem aber: Er interessierte sich für irgendwas!
profil: Ist das eine Anspielung auf den jetzigen Präsidenten?
Thomas: Bush hat, glaube ich, nie viel Interesse für irgendetwas gehabt, weder für sein Land noch für die Welt.
profil: Wie hätte JFK auf den 11. September 2001 reagiert?
Thomas: Er hätte die Sicherheit verstärkt, aber er hätte die Bürgerrechte nicht so grotesk beschnitten wie Bush. Telefonleitungen abhören, E-Mails kontrollieren – das sind doch nicht wir, das ist doch nicht Amerika!
profil: Warum arbeiten Sie noch im Weißen Haus?
Thomas: Was sollte ich sonst tun? Ich spiele ja nicht mal Golf.
profil: Sie haben viele US-Präsidenten aus der Nähe erlebt. Was würde eine Präsidentin Helen Thomas tun?
Thomas: Ich würde das Geld, das wir im Irak verpulvern, der UNO geben. Wir können nicht gegen alle Leute und Länder, die uns nicht passen, Kriege führen. Kein Wunder, dass die Menschen in der Welt heute nicht mehr jenes Amerika sehen, das wir einmal waren.
profil: Ist es nicht langsam Zeit, dass die Amerikaner von ihrem Kennedy-Mythos Abschied nehmen?
Thomas: Der Enthusiasmus eines JFK würde uns Amerikanern nach 2004 ganz gut tun.