Interview: „Sinnlichkeit einer Weißwurst“

Der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied über den Wahltriumph der CSU, bayerische Minderwertigkeitskomplexe und ein „Nichts“ namens Stoiber.

profil: Wieso haben die Bayern die CSU mit Zweitdrittelmehrheit gewählt?
Zimmerschied: Für dieses Wahlergebnis gibt es überhaupt keine rationale Erklärung. Das hat nichts mit Inhalten zu tun oder damit, dass sich eine Partei von der anderen wirklich absetzt. Die beiden politischen Lager handeln die Reformen ohnehin gemeinsam aus. Es sind irrationale Vorgänge, die da in Bayern zum Tragen kommen.
profil: Inwiefern?
Zimmerschied: Der Katholizismus spielt eine zentrale Rolle, und die Politik nützt ihn für sich aus. Jede Politik braucht Mystik. Auch die sozialistischen Ideologien sind voll von Mythen, Irrationalitäten und Heiligenlegenden. Die Politik ist bekanntlich ein Instrumentarium, das sehr viele Fragen offen lässt, und da ist es natürlich günstig, wenn man diese Lücken mit etwas Irrationalem auffüllen kann. Wer in Bayern Politik macht, dem wird die Mystik geschenkt durch den Katholizismus – da befindet man sich als bayerischer Politiker in einer sehr privilegierten Situation. Es gibt kaum einen oppositionellen Politiker, der sich nicht auch der Religion bedient.
profil: Was finden die Wähler bei der CSU, was sie von der SPD nicht bekommen?
Zimmerschied: Sie finden bei der CSU und vor allem in der Person von Stoiber – nichts. Und um dieses Nichts erträglich zu machen oder es zumindest aufzuwerten, katapultieren die Bayern es in höchste Größenordnungen hinauf, damit es wenigstens nach etwas ausschaut: Wenn wir schon nicht begreifen, warum wir den wählen, dann machen wir ihn eben so groß, dass er wenigstens nach außen hin etwas hat.
profil: Was sehen die Bayern in Stoiber?
Zimmerschied: Das ist schwer erklärbar. Er ist eigentlich ein Kunstprodukt. Ich sage immer, der hat einen Sinnlichkeitsfaktor wie eine drei Tage alte Weißwurst. Das Phänomen Stoiber ist nur durch die Sehnsucht des Bayern erklärbar, Minderwertigkeitskomplexe aufzuarbeiten. Gerade jetzt will man sich gegen dieses preußische Rot-Grün noch einmal profilieren. Und da nimmt man halt jemanden, der gerade da steht. Man hätte auch einen Kanarienvogel aufstellen können, und der hätte auch 60 Prozent gekriegt.
profil: Ist es schwierig, sich als Bayer zu fühlen und dennoch kein CSU-Anhänger zu sein?
Zimmerschied: Ich behaupte nicht einmal, dass ich die Politik der CSU nicht mag. Ich mag alles, was widersprüchlich und grotesk ist. Das ist die Nahrung des Satirikers. Dieser Spagat, den die hinlegen – das hat schon etwas Vergnügliches, genauso wie die Klimmzüge der Opposition, die in der Provinz versucht, die CSU durch Assimilation und Verwechslung zu bezwingen. Das ist eine Stimmung, die einem Satiriker eher taugt, als dass er Magenkrämpfe kriegt.
profil: Es gab auch andere Traditionen in Bayern. In der Münchener Räterepublik regierten 1918 linke und anarchistische Dichter und Denker. Was ist aus dieser Tradition geworden?
Zimmerschied: Die hat der Nationalsozialismus, der auch in München entstanden ist, so zertrümmert, dass nach dem Krieg keine neue Identität in dieser Richtung wachsen konnte. Zumindest war die CSU schneller.
profil: Wie schafft es die CSU, als einzige Partei derart erdrückend für bayerische Identität zu stehen?
Zimmerschied: Die CSU lässt die Leute einfach am meisten in Ruhe. Das bayerische Wesen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass man in Ruhe gelassen werden will. Die renitenten Bayern müssen sowieso schauen, dass sie in der Kunst oder in einer anderen Gesellschaftsnische einen Platz finden. Insofern habe ich einen Inselblick auf etwas, das mir nur mehr grotesk erscheint. Manchmal erschrecke ich richtig, wenn ich auf meinem eigenen Briefkopf lese, dass ich da ja noch mittendrin wohne.
profil: Kommt nach dem bayerischen Wahltriumph über Berlin jetzt die Bajuwarisierung der Republik?
Zimmerschied: Nein, ich glaube eher, dass es in den anderen Teilen Deutschlands zu einer Gegenreaktion kommen wird. Und nachdem sich die politischen Konzepte ja ohnehin nicht mehr voneinander unterscheiden, könnte eine Bajuwarisierung höchstens so aussehen, dass noch mehr Weißbier getrunken wird und noch mehr Abgeordnete in Lederhosen rumlaufen, Tabak schnupfen oder plötzlich Schweinshaxn essen. Vielleicht wird Bayern jetzt trendy und schick, das kann schon sein.