Interview: „Um Jahre jünger geworden“

Wolfgang Winkelmayer, Präsident der österreichischen Wissenschafter in Nordamerika, über Forschung dies- und jenseits des Atlantiks.

profil: Was will der Verein österreichischer Forscher in Nordamerika?
Winkelmayer: Wir wollen eine Kommunikationsplattform sein und irgendwann auch unsere Meinung anbieten zu Forschungsfragen in Österreich.
profil: Eine Lobby?
Winkelmayer: Dazu sind unsere Mitglieder zu heterogen. Manche leben schon seit Jahrzehnten in den USA, andere kommen nur für ein Semester hierher.
profil: Was hat Sie in die USA geführt?
Winkelmayer: Mit 30 leitete ich als Oberarzt die Nierenabteilung am Kaiser-Franz-Joseph-Spital in Wien und sah keine großen Karriereaussichten. 1998 bin ich an die Harvard University, um den Master of Public Health zu machen.
profil: Konnten Sie sich das leisten?
Winkelmayer: Ich hatte ein Stipendium des Wissenschaftsministeriums, mit dem ich 80 Prozent des Schulgeldes von 25.000 Dollar abdecken konnte. Ich war nach wenigen Wochen extrem begeistert von diesem Umfeld und den neuen Methoden, die ich hier gelernt habe.
profil: Zum Beispiel?
Winkelmayer: Ich habe im International House der Harvard School of Public Health gelebt. In 180 Wohnungen waren 60 verschiedene Nationalitäten, Leute aller Altersgruppen, aus verschiedensten Berufen und Hintergründen, die Interesse am sozialen Gesundheitswesen hatten. Ich habe als Österreicher erstmals über den eigenen Tellerrand geschaut und bin binnen kurzem um Jahre jünger geworden.
profil: Was haben Sie abgeschüttelt?
Winkelmayer: Mir ist erst in den USA klar geworden, wie einförmig wir denken, was ja auch in dem Angstverhältnis der Österreicher gegenüber anderen Kulturen zum Ausdruck kommt.
profil: Eine innere Blockade?
Winkelmayer: Für mich ist vor allem die Pragmatisierung die perfekte Selbstblockade. Sie hindert die Leute daran, ihren geistigen Horizont zu erweitern und Karrieresprünge zu machen.
profil: Wie beurteilen Sie Ihre Ausbildung in Österreich?
Winkelmayer: Sie hätte nicht besser sein können. Nur in den so genannten Soft Skills und in der Präsentation des erworbenen Wissens ist die amerikanische Ausbildung besser.
profil: Warum sind Sie hier geblieben?
Winkelmayer: Ich habe meine Ersparnisse in ein zweijähriges Doktoratsprogramm investiert und wurde dann eingeladen, an der Harvard Medical School als Forscher und Fakultätsmitglied zu bleiben.
profil: Gibt es auch Rückkehrgedanken?
Winkelmayer: Ich bin mir nicht sicher, ob es in Österreich eine Stelle für mich gäbe. Und die Rahmenbedingungen hier sind unglaublich gut.
profil: Haben Sie als Präsident des Österreichervereins einen Wunsch?
Winkelmayer: Einen regen Austausch von österreichischen Forschern dies- und jenseits des Atlantiks.