Interview: „Wollt ihr mich verarschen?“

Der amerikanische Bestsellerautor Michael Moore über Serienlügner im Weißen Haus, die Selbstüberschätzung seiner Landsleute und eine Botschaft an die Österreicher.

profil: Sie haben ein neues Buch geschrieben, touren durch Amerika und füllen ganze Sporthallen mit Ihren Anhängern. Bei vielen dieser Auftritte verlangen Ihre Fans nach Ihrer Kandidatur zum Präsidenten der USA. Haben Sie jemals überlegt, für das Weiße Haus zu kandidieren?
Moore: Ich würde nie kandidieren – dazu liebe ich das Leben viel zu sehr … Schauen Sie mich doch an, ich bin nicht der Typ, den man im Oval Office herumkugeln sehen will. Nein, ernsthaft: Leute wie ich sind draußen besser aufgehoben. Wir arbeiten daran, dass die Leute dort drinnen ehrlich bleiben. Das sehe ich als meinen Job.
profil: Auf dem Cover Ihres neuen Buches kippen Sie eine Bush-Statue vom Sockel. Glauben Sie, dass seine Zeit abgelaufen ist?
Moore: Wir werden nächstes Jahr einen Regimewechsel in den USA erleben, da bin ich seltsam optimistisch. Ich will den Amerikanern zeigen, dass George W. Bush genauso gestürzt werden kann wie Saddam. Dann können wir wieder zu einem Präsidenten zurückkehren, der den mehrheitlichen Willen der Wähler repräsentiert. Das haben Bush und Saddam nämlich gemeinsam: Sie wurden beide nicht gewählt.
profil: Sie sprechen viel über Bush, Sie schreiben ihm Briefe, ganze Bücher über ihn, er wird eine wichtige Rolle in Ihrem nächsten Film haben. Dennoch ist es eine sehr einseitige Kommunikation.
Moore: Es ist nicht ganz ausgeglichen, aber ich hoffe stark darauf, dass er mich demnächst im Weißen Haus empfängt. Sie lachen, aber es passieren die seltsamsten Dinge – Charlton Heston (Anm.: Schauspieler und Ex-Präsident der National Rifle Association, der Lobby der Waffenbesitzer) hat mich schließlich auch zu sich eingeladen. Warum also nicht Mister Bush? Ich habe in meinem Buch sieben Fragen für „George von Arabien“ aufgelistet, und die möchte ich ihm gerne persönlich vorlegen.
profil: In genau einem Jahr sind die Präsidentschaftswahlen. Wie lautet Ihre politische Strategie für diese zwölf Monate?
Moore: Wir müssen dafür sorgen, dass der beste Demokrat auf den Wahlzettel kommt, und versuchen, seine Positionen zu verbessern. Wenn wir etwa Howard Dean auf dem Wahlzettel wollen, müssen wir ihn wissen lassen, dass wir ein Problem damit haben, dass er in besonderen Fällen für die Todesstrafe ist. Es gefällt uns nicht, dass er das Budget des Pentagons nicht kürzen, sondern erhöhen will. Wir finden es nicht gut, dass ihm die National Rifle Association ein 1A-Zeugnis ausstellt. Vielleicht wird Dean trotzdem unser Kandidat sein, aber wir müssen dafür sorgen, dass er jetzt bessere Positionen einnimmt. Später wird er sich nicht mehr ändern. Das Gleiche gilt für Wesley Clark, John Kerry und all die anderen. So können wir einen Kandidaten finden, der zumindest zu 70, 80 Prozent unsere Positionen repräsentiert. Wir werden nicht wie letztes Mal einen faulen Kompromiss schließen, um dann mitansehen zu müssen, wie Al Gore in einer einzigen Fernsehdebatte Bush ganze 39-mal zustimmt.
profil: Hat ein Kandidat gefragt, ob Sie seine Kampagne offiziell unterstützen würden?
Moore: Bislang sind fünf Kandidaten an mich herangetreten, mit vieren habe ich mich mittlerweile getroffen. Ich werde mich wahrscheinlich bis Jahresende entscheiden.
profil: Wer hätte zurzeit die besten Chancen?
Moore: Wesley Clark. Er ist ein 4-Sterne-General, und er würde einem Deserteur gegenüberstehen, das ist doch eine gute Konstellation! Ich habe diese krause Vorstellung von einer Diskussion zwischen Bush und Clark, wo Bush immer wieder sagen müsste: „Ja, General“, „Nein, General“ … Das fände ich großartig.
profil: In Kalifornien haben allerdings die Republikaner den Sieg davongetragen.
Moore: Die Lektion vom Recall in Kalifornien ist nicht, dass die Leute wirklich Arnold Schwarzenegger als ihren Gouverneur wollten. Es war eine Wahl gegen Politiker wie Gray Davis, gegen diese erbärmlichen Wischiwaschi-Demokraten, die sich wie Republikaner gebärden. Die Leute haben genug von Demokraten, die kein Rückgrat haben und immer nur folgen, statt zu führen. Darum müssen wir das Schiff jetzt kapern und dafür sorgen, dass wir einen guten Kandidaten für die Arbeiterklasse auf den Wahlzettel bringen.
profil: Viele Stimmen der Republikaner kommen gerade aus diesen Schichten, zum Beispiel von schwarzen, allein erziehenden Müttern aus Sozialbauten.
Moore: Sehen Sie, in Europa gibt es diesen Mythos nicht, aber uns wird von Geburt an der amerikanische Traum eingeimpft, dass jeder von uns Präsident werden könnte. Oder unglaublich reich. Das ist schon wieder so eine Lüge. Und doch wählen viele Unterschichtamerikaner die Republikaner, weil die ihnen diesen Traum versprechen. Sie stimmen sogar für Steuererleichterungen zugunsten der superreichen Oberklasse, weil das ja auch ihnen einmal zugute kommen könnte. Das ist ein völliger Wahnsinn, aber die Republikaner leben gut von dieser Lüge.
profil: Die Menschen stimmen traditionell gegen ihre eigenen Interessen, weil sie die Realität nicht wahrhaben wollen?
Moore: Der durchschnittliche Amerikaner ist ein guter Mensch, mit Herz und Gewissen, lässt sich aber leicht manipulieren. Das ist eine Folge der erzwungenen Ahnungslosigkeit, die von der verkürzten Berichterstattung in den Massenmedien genauso befördert wird wie vom katastrophalen öffentlichen Schulwesen. „National Geographic“ hat vergangenes Jahr eine Umfrage unter 18- bis 25-jährigen Amerikanern gemacht. Sie sollten auf einer Weltkarte zeigen, wo sich der Irak befindet. 85 Prozent waren dazu nicht imstande. 60 Prozent konnten nicht zeigen, wo Großbritannien ist. Und elf Prozent hatten keine Ahnung, wo sich die USA befinden.
profil: Die letzte Supermacht im Zustand der allgemeinen Orientierungslosigkeit – die Vorstellung ist einigermaßen beunruhigend.
Moore: Sie haben allen Grund, sich zu fürchten! Die Frage nach der Bevölkerungszahl der USA beantwortete die Mehrheit der Befragten mit ein bis zwei Milliarden Menschen. Wow! Die Nummer eins! Wir sind so groß! Was für eine monströse Selbstüberschätzung.
profil: Woher kommt dann Ihr Optimismus auf Veränderung? Bush konnte sein Volk bis in den Krieg führen, was ist der nächste Streich?
Moore: Sehen Sie, Bush hat es vermasselt. Er hat gelogen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. George W. Bush ist ein Serienlügner: Er hat gesagt, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat – eine Lüge. Er hat verkündet, dass Saddam Hussein gemeinsam mit Osama Bin Laden hinter den Anschlägen vom 11. September steckt – noch eine Lüge. Er hat von einer „Koalition der Willigen“ fantasiert – nichts als Lügen! Eine Orwell’sche Lüge nach der anderen. Die gute Nachricht ist, dass die Bush-Administration mit dieser Masche nur sechs Monate durchgekommen ist. Beim Vietnam-Krieg hat es sechs Jahre gedauert, bis die Bevölkerung erkannt hat, dass sie belogen wurde. Bush hingegen verliert bereits ständig in den aktuellen Meinungsumfragen.
profil: Deren Ergebnisse je nach Auftraggeber stark unterschiedlich ausfallen. Das alleine wird der Bush-Opposition bei den Wahlen nicht reichen.
Moore: Ich spüre einen Umschwung. Vor sechs Monaten waren die Leute unsicher, ob sie in der Arbeit, der Schule oder ihrer Nachbarschaft etwas zum Krieg sagen könnten, ohne sich den Angriffen der tollwütigen Kriegsbefürworter auszusetzen. Mittlerweile hat sich die Lage geändert, und die Menschen haben verstanden, dass sie von Bush und seinen Beratern belogen worden sind. Diese Leute sind Serienlügner, die vor nichts Halt machen. Warum sollten sie auch! Im Dezember 2000, nachdem sie gerade die Wahl gestohlen hatten, müssen sie im Weißen Haus gesessen sein und sich gedacht haben: Du heiliger Strohsack, schaut euch das an, wir haben verloren, und trotzdem sitzen wir hier! Und niemand hat es verhindert! Wow! Wenn wir das durchkriegen, was könnte als Nächstes kommen?
profil: Die USA haben unter der Bush-Regierung einen massiven Rechtsruck erlebt, auf verschiedenen Ebenen. Ging das alles am Volk vorbei?
Moore: Dieses Land ist liberal. Die Mehrheit der Bevölkerung will strengere Umweltgesetze, einen höheren Mindestlohn, das Recht auf Abtreibung, eine Kürzung der Militärausgaben und so weiter. Und dennoch regieren die Republikaner das Weiße Haus, das Repräsentantenhaus, den Senat, den Obersten Gerichtshof, und sie haben zwei Kabelfernsehstationen. Das ist ein bisschen unfair, meinen Sie nicht?
profil: Offenbar hat die Bush-Regierung doch mehr Unterstützung, als es die Umfragewerte suggerieren.
Moore: Wie kann es sein, dass in einer Zeit, wo angeblich alle Leute für Bush sind, das bestverkaufte Sachbuch in den USA den Titel „Stupid White Men“ trägt, mit George W. Bush in der Hauptrolle? 37 Wochen war es die Nummer eins der „New York Times“-Bestsellerliste, vier Millionen Exemplare wurden weltweit abgesetzt. Ich glaube, nur „Harry Potter“ verkaufte mehr. Das ist zwar nur ein kleines Beispiel, aber davon gibt es viele.
profil: Beginnt das wirkliche Problem der Bush-Administration nicht dort, wo der Irak-Krieg vom Triumphzug zu einem Trauermarsch wird? Mittlerweile gehören Nachrichten von getöteten US-Soldaten zum Alltag.
Moore: Sie sollten die Briefe lesen, die ich jeden Tag von Eltern bekomme, deren Kinder im Irak stationiert sind. Sie sind entsetzt. Täglich werden zwei, drei Kids in Kisten aus dem Irak heimtransportiert – und wofür? Die drei, die gestern wieder gestorben sind, können Sie mir sagen, wofür? Für Öl? Ist es wirklich so einfach? Es ist so einfach! David Letterman (Anm.: Late-Night-Talker bei CBS) hat letzthin gemeint, das einzige Problem, das Bush beim Ausstellen des 87-Milliarden-Dollar-Schecks für den Wiederaufbau im Irak haben wird, ist, ob man Halliburton mit einem oder zwei „l“ schreibt. Konzerne wie Halliburton sind die bislang einzigen Nutznießer dieses Krieges! Uns hat er nichts gebracht. Sind wir beschützt? Fühlen wir uns als Folge des Krieges sicherer? Ich glaube nicht.
profil: Wie kommt es, dass Kriegsgegner wie Sie immer öfter den Slogan „Unterstützt unsere Truppen!“ verwenden?
Moore: Diese Kids, die jetzt im Irak sterben, haben einen Handel mit uns abgeschlossen, als sie in den Militärdienst eingetreten sind. Sie haben gesagt, wir sind bereit, unser Leben aufs Spiel zu setzen, um euch zu beschützen. Im Gegenzug verlangen wir nur, dass ihr uns nicht in Gefahr bringt, wenn es nicht wirklich um die ehrliche Verteidigung dieses Landes geht. Diesen Pakt haben wir gebrochen, wir haben sie verraten und verkauft. Darum lautet meine Frage an Bush und die Kriegstreiber: Unterstützt ihr die amerikanischen Truppen? Seid ihr gute Amerikaner? Wo ist euer Patriotismus? Warum tut ihr diesen Kids so etwas an?
profil: Diesem Argument scheint die amerikanische Öffentlichkeit noch nicht zu folgen. Die Reaktion auf die vielen nach Kriegsende getöteten Soldaten war oft die Forderung, noch mehr Truppen in den Irak zu entsenden.
Moore: Mein bescheidener Vorschlag ist, dass ab sofort für jeden Soldaten, der im Irak stirbt, Halliburton einen Vertreter des mittleren Managements umbringt. Als Zeichen, dass sie bereit sind, das Opfer mitzutragen, und anerkennen, dass sie die sind, die hiervon profitieren. Das ist doch nur gerecht, oder? Einer von unseren stirbt, einer von Halliburton stirbt. Man müsste einen großen Opferaltar vor dem Halliburton- Konzerngebäude aufstellen, CNN berichtet von einem weiteren Opfer im Irak – okay, schickt Joe aus dem 54. Stock herunter … Das ist doch nur fair! Ich mache natürlich nur einen Scherz. Wegen Bushs Patriot Act muss ich das alle drei Minuten sagen. Aber diese Verlogenheit kotzt mich an.
profil: Soll Europa den USA beim Wiederaufbau des Irak helfen?
Moore: Nur, nachdem sich Bush bei Frankreich, Deutschland und der UNO entschuldigt hat. Und nur, wenn die UNO den Wiederaufbau leitet und auch für die Verteilung des irakischen Öls zuständig ist. Solange die amerikanischen Ölkonzerne diesen Krieg führen, sollte Europa Bush keine Hilfe anbieten.
profil: Es gibt eine große Unsicherheit um die Frage, wie sich Leute in Österreich gegenüber den USA verhalten sollen.
Moore: Meine Botschaft an die Österreicher und alle anderen Europäer ist: Beurteilt die USA nicht nach George W. Bush. Wir haben ihn nicht gewählt, er hat die Wahlen verloren und erfüllt sein Amt nicht im Auftrag des amerikanischen Volkes. Das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen: Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung wollte ihn nicht. Ich bekomme viele Briefe, in denen steht, Sie sind der einzige normale Amerikaner, aber es gibt Millionen Leute wie mich. Hey, ich habe eine Frage für Sie als Österreicher: Das Ende von „The Sound of Music“ spielt doch in Salzburg, wo die Trapp-Familie vor den Nazis in die Berge flüchtet. Aber wohin? Auf der anderen Seite ist doch München, Deutschland. Wohin flüchten sie? Das ist mir bis heute ein Rätsel. Ich erinnere mich, dass ich mir als Kind dachte: Oh mein Gott, die gehen ja nach Deutschland!
profil: Das wäre ein schöner Einstieg für einen Film über Flüchtlinge.
Moore: Ich kann Ihnen noch ein paar Dokumentarfilme nennen, die auch nicht gemacht werden, die ich aber gerne sehen würde. Ich würde gerne eine Doku zu den politischen Hintergründen des Kampfes gegen Drogen sehen. Dann einen Film über das, was wirklich los ist zwischen Israel und den Palästinensern, das hätte eine enorme Wirkung. Und ich mache gerade meinen nächsten Film über George Bush und den 11. September. Der Titel ist „Fahrenheit 911: Die Temperatur, bei der die Freiheit verbrennt“.
profil: Sie haben angekündigt, den Film vor den Wahlen in die Kinos bringen zu wollen, und damit wilde Proteste in republikanischen Kreisen ausgelöst. Worum geht es in „Fahrenheit 911“?
Moore: Der Film wird zeigen, wie eng die Verbindung der Familien von George W. Bush und Osama Bin Laden war. Ich habe zum Beispiel in der „New York Times“ einen Artikel gefunden, wie ein saudischer Privatjet in den Tagen nach dem 11. September 2001 in ganz Amerika Mitglieder der Bin-Laden-Familie eingesammelt hat, um sie möglichst schnell aus dem Land zu bringen. Ohne dass ihnen das FBI irgendwelche Fragen stellen konnte. Das ist doch unglaublich, oder? In der Woche nach dem 11. September konnte man in Amerika nur fliegen, wenn man Bin Laden hieß. Oder der saudi-arabischen Königsfamilie angehörte – obwohl 15 der 19 Flugzeugentführer aus Saudi-Arabien kamen. Zur selben Zeit war es unmöglich, eine Spenderniere in einem privaten Jet in ein Krankenhaus zu fliegen, wo jemand dringend auf das Organ gewartet hat. Aber 160 Mitglieder der saudischen Königsfamilie, dazu 24 Bin Ladens konnten zur gleichen Zeit durch Amerika fliegen? Wollt ihr mich verarschen? Und dann stellt sich heraus, dass das Weiße Haus selbst diesen kleinen Ausflug organisiert hat. Bei allem, was in diesen Tagen passiert ist, hatten sie die Nerven, sich um das Wohlergehen der Bin Ladens zu kümmern? Es gibt einen Grund, warum 28 Seiten aus dem Bericht des Kongresses zu den Anschlägen vom 11. September fehlen, und wir Amerikaner haben ein Recht darauf, diese 28 Seiten zu lesen. Das ist unser Land, und es ist höchste Zeit, dass wir es uns zurückholen. Wir hätten es uns holen sollen, als man uns im Dezember 2000 das Weiße Haus gestohlen hat. Das ist unser Land, das ist unser Weißes Haus, und das sind unsere 28 Seiten. Ich will sie lesen, und ich glaube, Sie wollen das auch.