Irak von innen: Der König von Potemkin

Korruption, Täuschung und Selbstbetrug: Vielleicht glaubte Saddam Hussein selbst an sein großartiges Arsenal von Massenvernichtungswaffen.

Im Nachhinein mit dem Finger auf die Irrtümer der anderen zu zeigen ist einfach. Tatsache ist jedoch: Alle relevanten Geheimdienste, auch jene der Kriegsgegner Deutschland, Frankreich und Russland, glaubten vor dem Irak-Krieg, dass Saddam Hussein verbotene Waffen versteckt. Nicht einmal von den kritischsten Medien wurde bezweifelt, dass „etwas“ da sein müsse – zumindest Giftgas (das er gegen die Kurden bereits eingesetzt hatte), wahrscheinlich auch Forschungsprogramme mit chemischen und biologischen Waffen.

Der Verdacht hatte einen einfachen Grund: Der irakische Diktator benahm sich verdächtig. Wenn er nichts zu verheimlichen hatte – warum spielte er dann mit den UN-Inspektoren Verstecken, wollte Wissenschafter nicht aussagen lassen und erging sich in finster drohenden Andeutungen? Warum stellte er sich nicht offen hin vor die Welt, waffenlos, wie er war?

Antwort heute: Weil genau das ein Diktator nicht tun kann, dessen Macht darauf beruht, dass man sich vor ihm fürchtet.
David A. Kay, der ehemalige Waffeninspektor in Diensten der CIA, gibt Einblicke in dieses Schattenspiel aus Täuschungen. Es ist eine Art Parabel darüber, wie ein autoritäres Regime funktioniert und wie fatal die Mischung aus Günstlingswirtschaft, vorauseilendem Gehorsam und Lügen sein kann. „Der Irak war eine Art paralleles Universum“, sagt Kay.

Erstens: Gut möglich, dass Saddam Hussein selbst daran glaubte, tolle Waffenprogramme zu haben. Zwischen 1997 und 1998 stürzte das Land in einen „Strudel der Korruption“, erzählt Kay der „New York Times“, und ein zusehends isolierter und fantasiegetriebener Diktator verlor die Kontrolle über sein Gefolge. Ein Wissenschafter, der mit Rüstungsideen zu ihm kam, konnte damit rechnen, reich belohnt zu werden – je kühner die Idee, desto größer das Auto, das er bekam. Um die Potemkin’schen Dörfer zu erhalten, wurde unter Konkurrenten geschmiert und erpresst.

Auch schlichte altmodische Gier war am Werk. Dass der Irak etwa immer neuere, präzisere Aluminiumrohre importierte, nährte den Verdacht, sie dienten nuklearer Forschung. Die Wahrheit dürfte banaler gewesen sein: An jedem neuen Auftrag schnitt jemand mit. „Wir haben das Chaos in der Führung unterschätzt“, gibt Kay heute zu.

Der einstige irakische Vizepremier Tariq Aziz bestätigt den Realitätsverlust seines Chefs: In den letzten beiden Jahren seiner Herrschaft sei Saddam hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, Romane zu schreiben.

Wie Interviews mit Offizieren nach dem Krieg verrieten, stand dieses Lügengebäude bis zuletzt. Als die Amerikaner schon fast in Bagdad standen, glaubten Einheiten der berüchtigten Speziellen Republikanischen Garden immer noch, jeweils andere Einheiten besäßen chemische Waffen. „Sie waren Opfer einer gezielten Täuschungskampagne“, resümiert Kay.

Zweitens: Selbst wenn Saddam ahnte oder wusste, dass sein einst stolzes militärisches Arsenal darniederlag – er hatte keinerlei Interesse daran, dass seine Gegner das auch erfuhren. Immerhin wusste er sich von Feinden umzingelt, die Gefahr eines Staatsstreiches war real. Potenzielle Putschisten in seiner Umgebung, aufständische Kurden, feindliche Nachbarn: Solange seine Feinde unsicher waren, hatten sie Angst – eine Grundregel aller Diktaturen.

Deswegen übte sich Saddam in Zweideutigkeiten. Während er die UNO von seiner Unschuld zu überzeugen versuchte, musste er gleichzeitig seine Gegner im Ungewissen lassen. „Massenvernichtungswaffen werden zu einer Belastung für ihre Besitzer, wenn sie nicht absolut notwendig für die Selbstverteidigung wären“, erklärte er etwa im Oktober 2001 kryptisch.

Es gab US-Wissenschafter, denen dieses doppelte Spiel damals schon verdächtig erschien, berichtet das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“. Die „Zauberer von Oz“-Theorie habe man es genannt: Könnte es sein, dass die irakischen Waffenprogramme nur „Rauch und Spiegelbilder“ seien und Saddam nur „ein kleines Männchen hinter einem Vorhang“?

Dieses Szenario war offenbar zu realitätsnah, um geglaubt zu werden – von Kriegsbefürwortern wie Kriegsgegnern.