John Kerry: „Ein freundlicheres Gesicht Amerikas“

Der demokratische US-Senator und Präsidentschaftskandidat John Kerry über das Versagen George W. Bushs, globale Bedrohungen und den Weg zurück in die Weltgemeinschaft.

profil: Senator, was für eine Note geben Sie Präsident Bush im Fach Außenpolitik?
Kerry: Ich benote nicht.
profil: Also gut, was halten Sie von seiner Außenpolitik?
Kerry: Ich glaube nicht, dass die jetzige US-Regierung mit ihrer prahlerischen, arroganten und unilateralen Außenpolitik Amerika oder die Welt sicherer gemacht hat. Unser Land hat unter Bush Einfluss und Respekt auf der Welt verloren. Große Herausforderungen wurden nicht angenommen. Nordkorea ist ein Beispiel. Nirgendwo ist der Handlungsbedarf klarer und dringlicher. Wir müssen Pjöngjang wieder zu diplomatischen Verhandlungen bringen. Das ist nicht eine Epoche, in der die Präsidentschaft ein „on the job training“ in Sicherheits- und Weltpolitik sein darf. Auf diesem Posten ist jemand nötig, der weiß, was zu tun ist, der internationale Erfahrung mitbringt.
profil: Welche Erfahrung bringen Sie mit?
Kerry: Ich bin seit 19 Jahren Mitglied des außenpolitischen Ausschusses im Senat. Mein Buch „New War“ verarbeitet meine Erfahrung im Kampf gegen den illegalen Krieg Ronald Reagans in Mittel-
amerika. Darin schrieb ich – wie gesagt lange Zeit vor dem 11. September 2001 –, dass es eines gewaltigen terroristischen Anschlags bedürfte, damit sich das Leben unserer Nation verändert. Die USA muss wieder eine bessere Beziehung zur Welt entwickeln.
profil: In Europa ist man sehr verstimmt über das Hegemonie-Streben Amerikas und über dessen militärische Allein-
gänge …
Kerry: Wenn ich Präsident bin, dann werde ich nach meiner State-of-Union-Rede sofort zu den Vereinten Nationen gehen und ein völlig neues Kapitel des globalen US-Engagements aufschlagen. Wir werden auf andere Länder zugehen und ein freundlicheres Gesicht Amerikas zeigen – mit technischer Unterstützung, mit einer anderen Politik gegenüber der Weltgesundheit und der Umwelt.
profil: Es sterben täglich amerikanische Soldaten im Irak. Was würden Sie als Präsident tun, um die US-Soldaten nach Hause zurückzuholen?
Kerry: Ich würde die UN und die NATO um Teilnahme bitten. Aber man könnte jetzt schon die Situation unserer Soldaten sicherer machen, indem in einer großen diplomatischen Aktion Soldaten anderer Länder in den Irak gebracht werden.
profil: Und würden unter Ihrer Präsidentschaft die USA wieder zu den internationalen Verträgen zurückkehren, die unter Bush verlassen oder nicht unterzeichnet wurden?
Kerry: Im Großen und Ganzen: Ja. Mit Kioto gibt es Probleme. Auch mit dem Internationalen Strafgerichtshof. Aber es macht wenig Sinn, bloß zu sagen: Da machen wir nicht mit. Die Abkommen müssen verbessert werden. Wir müssen mit den anderen Nationen zusammenarbeiten und eine Lösung finden.
profil: Was sind Ihrer Meinung nach heute die größten globalen Bedrohungen?
Kerry: Wir haben den Kalten Krieg gewonnen. Jetzt aber braucht Amerika eine Führung, die versteht, dass am Anfang des 21. Jahrhunderts andere Gefahren die Welt bedrohen: die globale Erwärmung; die Implosion von ganzen Staaten, die dann Operationsbasen für Terroristen werden; international organisierte Kriminalität. Vor allem aber ist die Proliferation heute ein großes Problem. Während des Kalten Kriegs war die Verbreitung von Waffen kontrolliert und in gewissem Maße eingedämmt. Jetzt, da die Sowjetunion nicht mehr existiert, ist das alles unkontrolliert. Und wir Amerikaner müssen Energie-autark werden.
profil: Wie das?
Kerry: Wir fördern nur drei Prozent des Öls auf der Welt, 60 Prozent des Öls, das wir brauchen, importieren wir. Aus diesem Dilemma müssen wir einen Weg finden, ja erfinden. Als Präsident würde ich die Entwicklung und Produktion von alternativen neuen Energieformen stark fördern. Das würde neue Jobs schaffen. Und wir wären unabhängig von Ölimporten. Amerikaner müssten nicht mehr in Kriegen kämpfen, die geführt werden, um unsere Energieversorgung zu verteidigen. Kein Diktator, kein Kartell könnte Amerika in Geiselhaft nehmen.
profil: Und was würden Sie tun, um die amerikanische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen?
Kerry: Ich stehe für eine verantwortliche Fiskalpolitik. Ich bin für eine Steuersenkung für die Mittelklasse. Und ich würde Schluss machen mit den speziellen Privilegien, welche die Regierung Bush den amerikanischen Großkonzernen und den Reichen im Land gegeben hat.
profil: Ihre Frau Teresa Heinz Kerry ist eine reiche Philanthropin. Und sie wäre, wenn Sie bei den Wahlen Erfolg haben, eine im Ausland geborene First Lady. Ist das ein Problem?
Kerry: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Meine Frau spricht fünf Sprachen. Sie hat überall auf der Welt gelebt, aber sie ist stolz, Amerikanerin zu sein. Sie freut sich schon, bei meinem Wahlkampf mitzuhelfen.
profil: Senator Kerry, Sie wurden kürzlich operiert. Sie hatten Prostata-krebs. Fühlen Sie sich stark und gesund genug, um für das höchste Amt im Land zu kandidieren?
Kerry: Ich pflege in meinem Wahlkampf einen Witz zu machen. Ich sage: Wenn wir einen Präsidenten ohne Herz haben, warum sollen wir nicht einen Präsidenten ohne Prostata bekommen? Aber im Ernst: Ich habe mich von der Operation erholt. Ich bin 100 Prozent gesund. Ich bin fit. Und ich habe die Erfahrung, die ein Präsident braucht. Ich habe die Staats-
männer und wichtigen Politiker der Welt getroffen. Vor allem aber: Ich habe als einziger der Kandidaten militärische Erfahrungen. Ich habe im Vietnamkrieg gekämpft und dann gegen den Krieg, nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war. Ich habe gesehen, was Krieg ist.
profil: Den Krieg gegen den Irak haben Sie unterstützt.
Kerry: Ja, ich habe ihn unterstützt auf der Grundlage der Informationen, die wir bekamen. Aber Präsident Bush hat nicht die Wahrheit über diesen Krieg gesagt. Wir müssen dringend Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit ins Weiße Haus zurückbringen.