Jugend ohne Bock

Titelgeschichte. Lethargie, Verzweiflung und Resignation: ­Österreichs betrogene Generation

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Bernhard Winkler sieht nicht wie eine Ikone der Generation Protest aus: Der 23-jährige Oberösterreicher ist ein höflicher junger Mann, der für seinen Interviewtermin das Haar akkurat gescheitelt hat und auch sonst wie erstklassiges Schwiegersohn-Material wirkt. Allein die schwarze Lederjacke zeugt optisch von einem Hauch Rebellion.

Der Eindruck täuscht. Bernhard Winkler ist wütend. Zumindest steht das in seinem diese Woche erscheinenden Pamphlet „So nicht! Anklage einer verlorenen Generation“ (Verlag Kremayr & Scheriau). Auf dem Buchcover tanzen zusätzlich noch die Vorwürfe „Genug gelogen!“ und „Ihr raubt uns die Zukunft“.

Streitschriften sind auf dem Buchmarkt gerade en vogue; der Mann, der diesen Boom auslöste, war der damals 93-jährige und inzwischen verstorbene Deutsch-Franzose Stéphane Hessel, dessen Bändchen „Empört euch!“ in Frankreich besonders unter den Jungen den Zeitnerv traf, weil er zum Widerstand gegen die Diktatur des Kapitalismus und zu mehr sozialem Engagement aufrief. Das Buch verkaufte sich über eine Million Mal.

„So nicht!“
Bernhard Winkler, der eine Journalistenausbildung bei den „Oberösterreichischen Nachrichten“ absolvierte und dann doch dem Lockruf des Geldes in die PR-Abteilung einer Sportartikelkette folgte, verfasste die zwanzig „Anklagepunkte“ in „So nicht!“ ohne kommerzielle Hintergedanken. Ohne Schaum vor dem Mund, faktenreich, klar und analytisch klug listet er auf, warum es höchste Zeit für eine Protestbewegung wäre, was für ein Regulativ der Arbeitsmarkt bräuchte und wie es sich anfühlt, das zigste Absageschreiben auf eine Jobbewerbung zu bekommen. Warum es die häufig kolportierte Aggressionsfront zwischen Alt und Jung gar nicht gibt, Politiker nichts als Phrasen dreschen und nur auf das nächste Wahlergebnis schielen. Und warum diese Krise aus seiner Generation zwangsläufig eine Horde von Egoisten macht. Ein Buch, das sich Politiker, die keine Gesichter zu den Statistiken auf ihren Schreibtischen kennen, im Wahlkampf aufs Nachtkästchen legen sollten, statt weiter über die Politikverdrossenheit der Jugend zu lamentieren.

Bernhard Winklers Motiv für diese verbale Protest-Tour de force war so simpel wie einleuchtend. Der Sohn aus mittelständischem Milieu, der mit seiner 21-jährigen Schwester und seinem 26-jährigen Bruder noch im „Hotel Mama“ wohnt, hatte es satt, die Befindlichkeiten seiner Generation von Meinungsforschern und Medien kolportiert zu bekommen. Die dabei strapazierten Schlagworte hingen ihm zum Hals heraus; es sei Zeit gewesen, dass endlich ein Repräsentant dieser vielbeschriebenen Jugend selbst das Wort erhebt. Viel Hoffnung, dass seine Anklage die österreichische Jugend aus dem Agonie-Schlaf rüttelt, hat er jedoch nicht: „Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt naiv. Bei uns ist der Leidensdruck noch nicht hoch genug. Die Krise hat viele von uns auch egomanisch gemacht. Die meisten wollen ihre Schäfchen ins Trockene bringen und das eigene Überleben sichern. ...

Lesen Sie die Titelgeschichte von Tina Goebel, Angelika Hager und Sebastian Hofer in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.