Julius Meinl II strebte NSDAP-Aufnahme an:
Aufnahme wurde ihm allerdings verweigert

Zeitgeschichte. Die Erfolgsgeschichte der Familie Meinl birgt ein dunkles Geheimnis: Unter dem NS-Regime profitierte das Unternehmen von Aufträgen der Wehrmacht und Arisierungen.

In der profil-Ausgabe vom 4. August 2008 wurde – unter Verweis auf einen Gauakt aus dem Österreichischen Staatsarchiv – eine Papierfabrik erwähnt, die der Meinl-Konzern im Juni 1939 gemeinsam mit dem NS-Blutordensträger Fritz Hamburger „arisiert“ hatte. Daraufhin meldete sich der langjährige Vertraute und Anwalt der Familie Meinl, Karl Hempel, zu Wort: Die Familie sei „von dieser Art der Berichterstattung tief betroffen“. Die Meinls „gehörten zu den Verfolgten des Nazi-Regimes und nicht, wie von Ihnen unterstellt, zu dessen Profiteuren“. Für profil war dies Anlass, die Firmengeschichte des traditionsreichen Unternehmens und besonders die Rolle Meinls II. in der Zeit des Nationalsozialismus genauer zu beleuchten.

Julius Meinl II. , der seit seiner Geburt im Jahr 1869 zum Kaufmann und künftigen Inhaber der Firma bestimmt war, in Wien das Gymnasium und den Militärdienst bei einer reitenden Eliteeinheit absolvierte, war ein durch und durch unternehmerischer Charakter, ein moderner Liberaler, der Aufsätze gegen staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben publizierte, ein Anhänger der Monarchie, in deren Geist die kleine Kolonialwarenhandlung ihren Aufschwung nahm. Wie schon sein Vater, der aus Nordböhmen in die Reichshauptstadt Wien gezogen war, hatte Meinl II. seine Lehrjahre in den Filialen der Kaffeerösterei und Kolonialwarenhandlung abgedient und bei Geschäftsfreunden in London Erfahrungen gesammelt. Als er 1913 den Betrieb übernahm, war Meinl der größte Lebensmittelkonzern der Monarchie.
Während des Ersten Weltkriegs war Meinl in die Ernährungsbeschaffung der Armee eingebunden, und der junge Kaiser Karl erwog, Meinl in sein Kabinett zu berufen. Der Kommerzialrat hatte sich auch politisch engagiert. Zur Rettung der Monarchie war er über diplomatische Kanäle an den US-Präsidenten Thomas W. Wilson herangetreten, um für einen Separatfrieden und ein Ende des Krieges zu werben.

Die Mission scheiterte , das Habsburgerreich zerbrach, die Geschäfte liefen weiter. Besser als je zuvor. In den Jahren der Republik erweiterte Meinl das Unternehmen um ein Margarinewerk, eine Likörfabrik, eine Ölproduktion und eine Konservenfabrik, gründete einen Sparverein, übernahm eine Bank und die Geschäfte der „Brüder Kunz“, seines größten Konkurrenten im Lebensmittelsektor. Auf seinen Gütern in Alt-Prerau in Niederösterreich entstand eine landwirtschaftliche Produktionsstätte.

Arrangements. 1918 hatte Meinl gemeinsam mit dem Industriellen Rudolf Kraus, einem Bruder des Schriftstellers und Herausgebers der „Fackel“, Karl Kraus, eine Kartonagenfirma gegründet. Auch die Verpackung sollte ein Markenzeichen für edle Ware werden. Die Meinl-Filialen wurden durchgestylt: In Wien, Berlin, Prag, Triest, Budapest, Warschau, Kattowitz und Zagreb warb Meinl mit demselben Schriftzug, dem Meinl-Mohr, künstlerisch dekorierten Schaufenstern und einer einheitlichen Fassadengestaltung. Die heimische Kaufmannschaft rebellierte. Dem genialen Marketing hatte sie nichts ent­gegenzusetzen. Nationalsozialisten begannen, gegen die „Handelsjuden“ zu hetzen, was gegen den umtriebigen Meinl-Direktor Kurt Schechner gerichtet war. In den dreißiger Jahren wurde eine „Lex Meinl“ beschlossen, die weitere Filialgründungen untersagte.

Als die Nationalsozialisten in Österreich die Macht ergriffen, war das Gesellschaftsleben, das der Patriarch liebte – Redouten und Salons mit Künstlern, eben erst hatte er eine 40 Jahre jüngere japanische Gesangsstudentin geheiratet –, fürs Erste unterbrochen. Sein einziger Sohn, Julius Meinl III., der bereits die Geschäfte führte und ein überzeugter Gegner der Nationalsozia­listen war, entschloss sich, mit seiner jüdischen Ehefrau und den Kindern nach Großbritannien auszuwandern. Vergeblich argumentierte er in einer Eingabe, keineswegs reichsdeutscher Staatsbürger zu sein. Er habe sich „der stark linksradikalen Verhältnisse in Österreich wegen“ nach dem Zusammenbruch der Monarchie auf seine Güter im jugoslawischen Abstal zurückgezogen und dort das Heimatrecht erworben. Es nützte nichts. Meinl und seine Gattin mussten Aktien, Sparbücher, Immobilienbesitz, Hausrat und Kunstgegenstände angeben und davon eine 20-prozentige Reichsfluchtsteuer und eine 25-prozentige Judenvermögensabgabe zahlen. Meinl III. war längst in England, als die Gestapo wegen angeblicher Devisenvergehen gegen ihn ermittelte. Doch „eine gerichtliche Verfolgung wird derzeit von höherer Stelle nicht gewünscht“, meldete die Gestapo Wien an die NSDAP-Zentrale im September 1941.

Der Vater war geblieben. Das Unternehmen, dem er bis zu seinem Tod im Mai 1944 vorstand, war ein Machtfaktor, auch für das NS-Regime. Das Verbot, neue ­Filialen zu gründen, wurde von den neuen Machthabern aufgehoben. Die jüdischen Verwaltungsräte der Meinl AG und an­derer mit Meinl verbundenen Firmen traten im Frühjahr 1938 zurück, unter ihnen der frühere Geschäftspartner Rudolf Kraus, Vizepräsident der Meinl AG, mit dem Meinl II. einst die „Austria“-Papierindus­trie AG ins Leben gerufen hatte. Friedrich Schüngel, der frühere Chef der Meinl-Niederlassung in Berlin, laut Gauakt ein „vorbildlicher National­sozialist, sehr gebefreudig und bei der ­Gefolgschaft des Betriebes sehr beliebt“, wurde Betriebsführer in der Wiener Konzernzentrale. Bestimmte Kreise in der Partei zweifelten allerdings an dessen ­Gesinnung. „Der bekannt anglophile und antinationale“ Julius Meinl werde sich keinen „vollwertigen Nationalsozialisten zum Generaldirektor bestellen“, vermutete das Gaupersonalamt.

Arisierungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Meinl AG bereits mehrere Unternehmen „arisiert“, Rudolf Kraus, Hauptaktionär der „Austria“-Papierindustrie, der nach den NS-Rassegesetzen als Jude galt, war vermutlich im September 1938 mit seiner Gattin nach Paris geflüchtet. Kraus’ verzweifelte Bemühungen, einen „Ariseur“ zu eigenen Bedingungen zu finden, schlugen fehl. Die Meinl AG hatte ihren Anwalt und Verwaltungsrat in Gesellschaften, Karl Wölfel, nach eigenen Angaben ein Na­tionalsozialist der ersten Stunde, mit der „Arisierung“ beauftragt. Sie besaß zu diesem Zeitpunkt nur ein kleines Aktienpaket der Papierfabrik. Die Meinl AG bot an, den verlangten Kaufpreis von 240.000 Reichsmark zu zahlen und keinen Pfennig mehr. Eine Entschädigung für den ehemaligen Geschäftspartner kam für sie nicht infrage. Im Juni 1939 erwarb die Meinl AG die Papierfabrik, gemeinsam mit dem NS-Blutordensträger Fritz Hamburger, der sich dafür das Geld von der Meinl AG geborgt hatte. Im August 1941 erwarb die Meinl AG weitere 318 Aktien eines jüdischen Vorbesitzers, von denen sie in einem Rückstellungsverfahren 1948 behauptete, man habe die Herkunft der Aktien nicht gekannt. Im Oktober 1941 kaufte die Meinl AG ein weiteres Paket von 500 Stück, die einst Julius Pollak, der in die Schweiz emigriert war, gehört hatten.

Die Geschäfte liefen prächtig. Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurde das Meinl-Sortiment in das NS-Bewirtschaftungssystem einbezogen. Viele kleine Händler wurden zum Bezug von Meinl-Waren verpflichtet. Meinl versorgte auch die Wehrmacht. Wenn die NS-Elite etwas zu feiern hatte, bestellte sie ein Meinl-Buffet. In den besetzten Ländern gab es Meinl-Filialen, in denen nur Volksdeutsche einkaufen durften, sowie eigene Geschäfte nur für Wehrmachtsangehörige. Im Sommer 1940, die deutsche Wehrmacht befand sich auf dem Siegesmarsch, stellte Julius Meinl offenbar einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP, genauer gesagt auf „Erfassung“, wie es illegale Nationalsozialisten zu tun pflegten.

Das für Meinl zuständige NSDAP-Kreisgericht lehnte das Gesuch mit der Begründung ab, Julius Meinl sei „noch nie Mitglied in der NSDAP“ gewesen und könne „ausreichende illegale Betätigung nicht nachweisen“. Julius Meinl II. wurde vertröstet. „Die politische Vergangenheit des Antragstellers ist nicht so, dass sie eine dauernde Ablehnung des Antragstellers rechtfertigen würde“, hieß es in dem ablehnenden Bescheid. Der Antrag werde „zurückgestellt bis zur Aufhebung der Mitgliedersperre“. Meinl II. probierte es kein zweites Mal. Seine Gesinnung wurde allerdings noch mehrmals überprüft. Als sein Unternehmen 1943 im Generalgouvernement Polen mit der Versorgung von Rüstungsbetrieben und Wehrmachtsdienststellen beauftragt wurde, befand die Gauleitung Wien am 2.3.1943 in der Rubrik „Gegenwärtiges Verhalten“: „Keine innere Bereitschaft, doch immer darauf bedacht, nicht Anstoß zu erregen“. Meinls Spendenbeteiligung wurde als „annehmbar“ eingestuft, sein Charakter als „berechnend“ bewertet. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Dornbach fügte handschriftlich hinzu: „Volksgenosse Meinl (…) kennt nur das Geschäft und ordnet diesem alles unter.“ Der Gaupersonalamtsleiter notierte drei Monate später: „In politischer Hinsicht nicht besonders nachteilig in Erscheinung getreten. Es wurde lediglich festgestellt, dass in seinem Hause in der Systemzeit Regierungsmitglieder und Systemgrößen verkehrten. Sein derzeitiges Verhalten gibt zu keiner Klage Anlass.“

Entschädigung. 1943 hatte sich der Gesamtumsatz des Meinl-Konzerns im Vergleich zu den dreißiger Jahren vervierfacht. In diesem Jahr übernahm Franz Hiksch, der 1922 als kleiner Angestellter seine Karriere bei Meinl begonnen und 1938 als Vertrauensperson der Meinls nach Wien geholt worden war, die Geschäfte. Julius Meinl II. hatte Hiksch adoptiert und testamentarisch festgelegt, dass das Unternehmen nach seinem Tod Fritz Meinl gehören sollte, im Falle eines Sieges der Alliierten jedoch seinem leiblichen Sohn Julius, der in England lebte. Am 16.5.1944 starb ­Julius Meinl II. auf seinem Gut in Alt-Prerau.

Meinl III. kehrte 1947 zurück. Fritz Meinl wurde großzügig abgefunden und trat von allen Funktionen zurück. In einem Rückstellungsverfahren 1949 verglich sich die Meinl AG mit den Erben des Rudolf Kraus, der in Auschwitz umgekommen war, und zahlte eine Million Schilling. Meinl III. sagte in den sechziger Jahren über seinen Vater: „Er konnte dem Widersinn der Zeiten nicht standhalten. Das brach das Herz des Pioniers.“ Der Historiker Peter Melichar sagt: „Der im Österreichischen Staatsarchiv befindliche Arisierungsakt lässt kaum Rückschlüsse bezüglich der Frage zu, wer in der NS-Zeit den Meinl-Konzern kontrollierte. Der Generalkonsul Julius Meinl griff jedenfalls nicht direkt in die Arisierungsverhandlungen ein, aber das war bei Firmen derartiger Größenordnung auch nie üblich.“

Von Christa Zöchling