Kärnten: Neues aus dem Tollhaus

Nach der feuchtfröhlichen Nacht mit Jugendlichen in der Disco geriet Jörg Haider in Erklärungsnotstand. Jetzt werden neue Details bekannt.

Der Kräuterlikör hat 35 Prozent Alkoholgehalt, war lange megaout und feiert in jüngster Zeit beim Disco-Volk ein glänzendes Comeback: „Jägermeister“ – man trinkt ihn pur oder eisgekühlt, manche mixen ihn mit Cola, Milch oder gar mit Kakao. Im Deutschland der dreißiger Jahre nannte man den Likör „Göring-Schnaps“, weil der dicke Nazi-Minister ein begeisterter Jägersmann war, weiß die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Das Etikett ziert ein Denkspruch: „Das ist des Jägers Ehrenschild: / Dass er beschützt und hegt sein Wild, / waidmännisch jagt, wie sich’s gehört / den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.“

Jägermeister für alle gab es in jener denkwürdigen Nacht vor zwei Wochen, als Landeshauptmann Jörg Haider nach einer Billig-Sauf-Party in der Disco „Tollhaus“ in Spittal/Drau die schon etwas benebelte Runde freihielt. Eines der Anwesenden – es war übrigens der Kellner – nahm er sich dabei besonders an, was der Geschäftsführer der Disco auch fotografisch festhielt (siehe Foto unten). profil ist im Besitz weiterer Bilder von jenem Abend (Foto oben).

Dass Haider die möglichen Folgen solchen Treibens durchaus bewusst sind, zeigt der Umstand, dass der Landeshauptmann vor dem Aufbruch – es war gegen drei Uhr morgens – mit dem jungen Mann die Telefonnummern tauschte und ihn tags darauf tatsächlich anrief. Er werde doch hoffentlich keine Kopfschmerzen haben, habe sich der Landeshauptmann fürsorglich erkundigt, erzählt man sich in der Bezirksstadt.

Zu diesem Zeitpunkt sichtete Klaus Sibitz, Geschäftsführer des „Tollhaus“, eben die in der vergangenen Nacht geschossenen Fotos. Haider habe sich die Bilder geradezu bestellt, erzählen Zeugen. Was der Landeshauptmann nicht wusste: Schon am nächsten Tag standen die Fotos auf der „Tollhaus“-Website, was sich per Mundfunk rasch in Kärnten verbreitete. Jetzt zog Haider-Sprecher Stefan Petzner die Notbremse und verfügte per Telefon die sofortige Säuberung der Disco-Homepage von Haider-Fotos.

Zu spät. Schon hatten Eltern einiger der Partygäste die Bilder auf eine Disc geladen, die bald die Runde machte. Ein Landeshauptmann, viel Alkohol, einige sehr junge Menschen und das alles auf sehr engem Raum – das kam nicht gut.

Haider und seine Helfer hatten vergangene Woche alle Hände voll zu tun, den Schaden zu begrenzen.

Müde Helfer. Auf viel Sukkurs von den Parteifreunden in Wien durfte er dabei nicht setzen. BZÖ-Obmann Peter Westenthaler – noch von eigenen Wirtshaus-Geschichten ramponiert – bekundete zwar tapfer, er sei „ganz begeistert, dass der Landeshauptmann bei den jungen Menschen so gut ankommt“. Das war es dann aber auch schon. So musste sich Haider-Sprecher Petzner selbst für den Chef in die Bresche werfen und seinen „Stolz“ bekunden, „weil ihn die Jugend als einen der Ihren sieht“.

Die Sozialdemokraten sahen das am Montag in der Landtagssitzung etwas anders. Es stehe einem Landeshauptmann nicht gut an, „einem Jüngling die Hand um die nackte Hüfte zu legen“, meinte SP-Jugendsprecherin Beate Prettner: „Das grenzt an Missbrauch einer Machtposition.“ SPÖ-Chefin Gaby Schaunig forderte am Dienstag den Rücktritt des Landeshauptmanns, worauf sie von Haider für den Rest der Woche als „Gouvernante“ verspottet wurde. Am Mittwoch übte auch ÖVP-Obmann Wilhelm Molterer Kritik an Haiders Hang zu wilden Nächten: „Bestimmte Dinge macht man einfach nicht“, so der Vizekanzler in einem „Presse“-Interview.

Tags darauf entschloss sich das Haider-Lager zur Vorwärtsverteidigung: In einer etwas schrillen Aussendung kündigte Petzner trotzig an, der Landeshauptmann werde am Freitag wieder ins „Tollhaus“ kommen und der dort stattfindenden „Nikolo“-Party beiwohnen. Seine Aussendung würzte Haiders Sprecher mit Angriffen auf profil („Haider-Hasser“), Alfred Gusenbauer („Nicht an den Sorgen der Jugend interessiert“), Wilhelm Molterer („Spießig und fad, im Umgang mit der Jugend verkrampft“) und Wolfgang Schüssel („Hält sich in einer Disco am Klo versteckt, aus Angst, einem Jugendlichen zu begegnen“).

„Was fällt dem Landeshauptmann ein, sich so aufzuführen? Sein abstoßender Auftritt schadet dem Ruf unserer Stadt enorm“, ärgert sich Spittals Bürgermeister Gerhard Köfer (SPÖ) in einem offenen Brief in der Gemeindezeitung. Köfer: „Das hat sich Oberkärnten nicht verdient.“

Unterkärnten auch nicht, Herr Bürgermeister.

Von Herbert Lackner