Kampl

Wie komm ich, fragt Johann Nestroy, dazu, dass einer meiner Titelhelden derzeit so besetzt wird?

Man muss sich ja, sagte ich erst unlängst zu meinem etwas ältlichen Bekannten Ferdinand Raimund daran gewöhnen, dass man selbst einmal „frühere Verhältnisse“ hatte. Ich selbst wäre der Letzte, der von sich behaupten würde, nichts außer Buchdruck am Stecken zu haben. Aber würde ich hergehen wie der, der schon deswegen jegliche europäische Würde verletzt, weil er eine nicht genehmigte Gurk-Krümmung vor sich hingeschwafelt hat, und lauthals familiär „Dreißig Jahre aus dem Leben eines Lumpen“ vor einem demokratischen Organ erwähnen?

Nein, ich hätte die berechtigte Scheu davor, dass mich „Der gefühlvolle Kerkermeister“ in die Hände bekäme, und selbst unter dem geschickt gefälschten Namen „Zampa, der Tagedieb“ glaubte ich nie, davonzukommen, erwartete mich als Auffangbusen eines sich selbst Aufgegebenen doch nur „Die Braut von Gips“.
Was hat diesen „konfusen Zauberer“, der offensichtlich eine Personal- und Animal-Union aus Siegfried und dem Drachen ist, dazu verführt, sich eitel zum Festhalten am Entsetzlichen zu bekennen – der noch immer fortwährend ambulante böse Geist Lump-Nazi-Vagabundus?

Mein Kampl ist ja auch wahrhaftig kein Heiliger vor dem Herrn, aber immerhin noch ein, letztendlich, Herr eines beinah scheiternden Lebensglücks.

Aber der Kampl da, der sich dreist so nennen lässt, weil zwischen ihm und meinem mehr als hundert Jahre Menschheitskultur vergangen und net grad bergauf ’gangen sind, is ja zum „Tritschtratsch“ des europäischen Gespötts geworden. In dem, von dem i glaubt hab, so was gibt’s überhaupt nur mehr in vorzüglich und stanteped restaurierten naturhistorischen Museen, wann die grad keinen Säbelzahntiger zum Herzeigen ham, ist ja eine vielleicht immer noch genetische Granatwurzel drin, die er jederzeit zur Gute-Nacht-Tellermine zu entschärfen bereit ist. Nur meine diesbezügliche TNT (Theater Noblesse Tradition) hindert mich daran, angesichts eines sehr dubiosen Dynamitikers, der mit politischen Zündröhrln umgeht wie meine Katzen mit Whiskas, auf der Stelle ins Nitroglyzerinische einzusteigen.

Natürlich weiß ich nicht, wie man einem Kerl, der nur einen ewigen Wendehals hat, einen zeitgenössischen Kragen umdrehen kann, und ich bin auch nicht antrittsreif genug, um einem Auszutretenden einen Rücktritt hineinzutreten, aber seitdem ich gelesen hab, was einer offenbar bewusst alles zuschanden tritt, was, in sehr sanfter Umkosung, einer knospenden Demokratie „Die Träume von Schale und Kern“ hätten werden können, moch i an Tritt; und zwar auf’n Anstand.

Was hab ich, der solchen politischen Erscheinungen „weder Lorbeerbaum noch Bettelstab“ offeriert hat, denn irgendwann und irgendwo in meinem Leben „zu ebener Erde und im ersten Stock“ verbrochen, dass Kampl und sein ÖVP-Bruder Tancsits sich auf einmal aufführen wie „Der Affe und der Bräutigam“?

Wann i net trotz allem, vielleicht „umsonst“, hoffen tät, dass neuerdings Herr Kampl, ohne es einer ebenso wissbegierigen wie ahnungslosen Öffentlichkeit stark anmerken zu lassen, ein Faible für exklusive Etablissements hätt, krieget ich eine „Höllenangst“: Mit seinem Ausrutscher will er vielleicht den Einrutscher haben und wissen, worin „Das Geheimnis des Grauen Hauses“ besteht. Von mir aus, aber etwas ist eventuell schon noch zu bemerken:

Ein Rat, der sehr gut war, war teuer,
ein einz’ger war dem Volk nicht
geheuer. /
Drum war Nationalrat
den Bürgern zu allglatt.
ein Bundesrat-Fenster
bannt g’wählte Gespenster.
Dort sitzen die Alten,
die ’s Hirn nur verwalten,
sie sind schon im Schon-Biss,
drum machen s’ ka Show-Biz.
Man muss freu’n sich, denkt man
drüber nach; /
doch schau ma’, was heutige Sach …
Da sitzen Gesichter,
die nennen Gelichter
wer von KZs ist betroffen
ganz ungebremst offen.
Die „gnadenlos“ Hatz
wurde gemacht auf den Fratz,
der dem Führer Treu zollte
und das Beste nur wollte.
Da denkst dir, was kommt da
womöglich alsbald? /
Es ist alles uralt, nur in anderer G’stalt.

Man hört, dass in früheren Zeiten,
’s gwimmelt hat von schiachen
Leuten. /
Es san Menschen vergast wor’n,
es stand ja a Gfrast vorn.
Der Krieg war in Schädeln
der Millionen von Wedeln.
Viel zu spät, ums Verrecken,
war’s dann aus mit dem Schrecken.
Doch die, die ihn g’macht ham,
sand nur teilweis einglocht wor’n.
Man muss schaudern, denkt man heut drüber nach, /
doch schau ma’, was heutige Sach ...
Wir ham a Verfassung
die mahnt Unterlassung
für Nazi und Co ein;
drum kann niemand so drein –
zerreden, was Bürde
der staatlichen Würde.
Doch hamma an Kanzler?
Der mehr is als Schwanzler?
Der mehr macht, als was sich
für Wahlen auszahlt? /
Es ist alles uralt …