Karamasow statt Kochsalat: Porträt des Wiener Schauspielers Otto Tausig

Porträt. Der Wiener Schauspieler und Regisseur Otto Tausig, dessen Tragikomödie „Love Comes Lately“ als profil-Kinopremiere präsentiert wird, sieht seine Kunst längst als Nebensache. Lieber legt er sich mit Politikern an, kämpft gegen Österreichs Asylgesetz und widmet seine Gagen humanitären Zwecken.

Eine Wut könnte man kriegen, sagt er. „Bis an den Rand der Verblödung“ sei Österreichs Asyl-Bürokratie verbaut, wettert Otto Tausig – und das will etwas heißen, denn er wettert selten. Das Negative liegt ihm nicht, zur Bitterkeit hat dieser Mann eigentlich kein Talent. Viel lieber lässt er sich auf Lobreden ein, macht auf begabte, liebevolle Zeitgenossen aufmerksam, während er eigene Verdienste gern selbstironisch kleinredet oder gleich in sein unerschöpfliches Reservoir erstklassiger Witze ausweicht. Aber unsere Bürokratie? Nein, danke! Da schiebe man kaltschnäuzig Leute ab, die bestens integriert, lern- und arbeitswillig seien – zudem Berufe ausübten, die man in Österreich verzweifelt suchte. Alles egal: Ab mit ihnen, zurück dorthin, wo sie hergekommen sind.

Tausig weiß, wovon er spricht: Seit fast 20 Jahren verfolgt und begleitet er die Asylanträge und -verfahren junger Flüchtlinge aus der Dritten Welt, aber auch er scheitert immer wieder an den Behörden. „Mich hat man aus Österreich rausgeschmissen, als ich so alt war wie viele der Burschen, die man bei uns abschiebt. Der Unterschied ist nur: Ich durfte ab 1939 in England arbeiten, während Asylwerber in Österreich im Regelfall leider keine Arbeitserlaubnis kriegen.“ Die Geschichte seiner Flucht vor den Nazis weist darauf hin: Der Jüngste ist Otto Tausig, Jahrgang 1922, nicht mehr. Doch das Alter ist allerdings so ungefähr das Letzte, das einem an ihm auffällt: Zu keck strahlt er einen an mit seinem juvenilen Lächeln, zu vital wirkt seine so charakteristische Mischung aus Bescheidenheit und Mutterwitz, aus Kampfgeist und scharfer Intelligenz.

An Aufträgen mangelt es dem Schauspieler , der im kommenden Februar 87 Jahre alt wird, keineswegs. In jenem feinen Wienerisch, das nur noch Menschen seiner Generation so unnachahmlich sprechen, berichtet Tausig lebhaft von den Filmen, an denen er zuletzt mitgewirkt hat: In Michael Glawoggers Haslinger-Adaption „Das Vaterspiel“ hat er eine schöne Nebenrolle absolviert, und mit dem deutschen Regisseur Jan Schütte, für den er regelmäßig arbeitet (etwa in „Auf Wiedersehen, Amerika“, 1994), drehte er in den USA vergangenes Jahr einen Film, in dem er – auf Basis dreier Kurzgeschichten von Isaac Bashevis Singer – einen 80-Jährigen spielt, den seine Liebesgeschichten immer noch in Atem halten. Demnächst startet „Love Comes Lately“ regulär im Kino, am 11. Dezember findet die profil-Premiere des Films im Wiener Votiv-Kino statt.

Solche Kinoauftritte seien doch nur Kleinigkeiten , sagt Tausig – und fügt breit grinsend an, dass auch sein gutes Aussehen, das ihm die Leute attestieren, nichts als Schimäre sei: alles bloß Schauspiel. Überhaupt sei ihm vor allem eines wichtig: sein Engagement für die Dritte Welt. Mit dem Wiener Entwicklungshilfeklub (www.eh-klub.at. Kontonummer: Erste Bank 31005405150, BLZ: 20111) arbeitet er eng zusammen – und sein künstlerisches Tun gilt inzwischen nur noch der Spendensammlung. Aus keinem anderen Grund gebe er Interviews und gehe auf die Bühne: um die Leute „anzustrudeln“, wie er das nennt. Dabei ist ihm jede Gelegenheit recht: Vor einiger Zeit habe er etwa Staatsoperndirektor Ioan Holender auf der Straße getroffen („Ich wusste gar nicht, dass der mich kennt“) und gleich eine Benefizvorstellung zugunsten des Entwicklungshilfeklubs vereinbart. So leicht geht das mit ein wenig gutem Willen.

Vorbildwirkung. Tatsächlich spendet Tausig nicht einige, sondern alle seine Bühnen- und Filmhonorare. Schließlich habe er eine gute Pension, von der er bequem leben könne. Sein Licht stelle er übrigens nicht unter den Scheffel, er lasse durchaus wissen, was er so tue. Er setzt auf Vorbildwirkung: „Wenn ich beim Film meine Gage spende, hören die Kollegen das und schließen sich an.“

Tausigs unermüdliche Wohltätigkeitsaktivität hat unter anderem zur Errichtung eines nach seiner (in Treblinka ermordeten) Großmutter benannten Flüchtlingshauses für Kinder und Jugendliche geführt: Das Laura-Gatner-Heim im niederösterreichischen Hirtenberg finanzierte er Ende der neunziger Jahre mit der – bei einem großen österreichischen Geldinstitut von ihm persönlich erkämpften – Abschlagszahlung von 400.000 Schilling für die einst von der Bank gestohlenen Guthaben seiner Großmutter.

Wenn man Tausig von seinen Sozialprojekten reden hört, könnte man meinen, dass ihm die Kunst selbst keinen rechten Spaß mehr mache. „Doch, schon, wieso?“, entgegnet er mit einem Anflug von Entgeisterung: Aber er nehme manchmal eben auch „ganz blöde Sachen an“, nur um Spenden zu lukrieren, gern auch bei „Schlosshotel Orth“, wenn’s nur „was bringt für meine vielen Kinder in der Dritten Welt“. Doch, doch, das Schauspielen mache ihm Spaß, nach wie vor, „aber wie soll ich sagen: Früher war das Theater mein Leben, es hat mir alles bedeutet. Das ist jetzt nicht mehr so. Nun ist eben das Helfen wichtiger geworden. Aber es ist doch herrlich: Wer hat denn schon einen Beruf, der ihn freut und außerdem zu etwas Vernünftigem gut ist?“

Das bewegte Leben des Otto Tausig füllt locker Bücher: In seiner 2005 im Mandelbaum Verlag erschienenen Autobiografie „Kasperl, Kummerl, Jud“ schreibt er, er habe sich bereits als Zwölfjähriger mit seinem Taschengeld lieber „Die Brüder Karamasow“ zugelegt als Kochsalat mit Erbsen. Das klingt wie gut erfunden, aber Tausig schwört, dass es so gewesen sei. Auch den „Faust“ habe er mit zwölf „fast auswendig“ gekonnt, daneben aber fasziniert Edgar Wallace gelesen. Zur selben Zeit spielte er an der Schule bereits Theater – und Regie führte er zudem: Er richtete Nestroys „Lumpazivagabundus“ für die Schulbühne ein.

Dusche und Bibliothek. 1939, mit 16 Jahren, konnte er nach Großbritannien fliehen, seinen Eltern gelang die Emigration nach Shanghai noch ein Jahr später (Franziska Tausigs bewegende, 1987 publizierte Chronik „Shanghai Passage“ erstattet davon Bericht). Auf der Isle of Man wurde der Teenager in ein Internierungslager verfrachtet: „Die Briten sperrten erst mal alle Flüchtlinge ein, um etwaige Spione aussortieren zu können. Es waren ja auch Nazis dabei, Hitler-Sympathisanten, die schon länger in England waren. Im Lager organisierten sich die Gruppen dann schnell: Die Nazis trafen sich in der Dusche, die Kommunisten in der Bibliothek.“ 1946 kehrte Otto Tausig nach Wien zurück, studierte am Reinhardt-Seminar. 1948 bot sich eine erste große Chance: Er trat dem Ensemble des neu gegründeten linken Scala-Theaters in der Favoritenstraße bei – erst nur als Schauspieler, später auch als Regisseur, Chefdramaturg und Co-Direktor: „Als ich dort ankam, war ich blutiger Anfänger. Das ließ man mich übrigens spüren: Die Gespräche stockten, wenn einer wie ich sich zu den richtigen Schauspielern gesellte.“

1956 endete der Traum von der eigenen Bühne: Die KPÖ stellte die Zuschüsse ein. Tausig emigrierte zum zweiten Mal, diesmal nach Ostberlin, ans Deutsche Theater. Als Kommunist war er, auch unter dem Druck konservativer Kritiker wie Friedrich Torberg und Hans Weigel, in Wien zur Persona non grata geworden. 1970 kehrte er, tief enttäuscht auch vom politischen Klima in der DDR (siehe Zitate-Kasten), nach Wien zurück – und wurde ans Burgtheater engagiert, wo er bis zur Pensionierung 1983 arbeitete. Seinen humanitären Grundsätzen blieb Tausig weiter treu: Er setzte sich für Vaclav Havel und dissidente iranische Künstler ein, demonstrierte gegen die Aufrüstung und engagierte sich für die Friedensbewegung.

Grassers Doppelmoral. In den Clinch mit den politisch Mächtigen geht Otto Tausig, wenn es nötig ist, jederzeit: Unrecht passt ihm nicht, dagegen begehrt er auf. Dem einstigen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, dessen Regularien den Schauspieler gezwungen hatten, seine für wohltätige Zwecke gespendeten Gagen zu versteuern, konnte er 2003 öffentlich nachweisen, dass Grasser selbst eigene Vortragshonorare unversteuert spenden konnte. Der Fall erregte Aufsehen, warf ein bezeichnendes Licht auf Grassers Doppelmoral – und, auch nicht schlecht, auf die karitative Tätigkeit des Schauspielers.

Seit Jahren leidet Otto Tausig an einer Krebserkrankung, aber die steckt er weg, als wäre sie bloß ein grippaler Infekt, den man mit ein paar Tagen Bettruhe in den Griff kriegen könnte. Tausig scheint das Tragische zu bannen, indem er es einfach nicht zur Kenntnis nimmt. Die jungen Asylwerber, für die er kämpft, sind ihm wichtiger als persönliches Wohlbefinden. Und da ist er schnell wieder bei seinem Thema: „Fälle wie jener der Arigona Zogaj gehen schnell vorbei, Schlagzeilen ändern sich täglich. In meinem Flüchtlingsheim in Hirtenberg finden sich unzählige menschliche Tragödien. Es geht nicht nur darum, dass Familien zerrissen werden; unser Asylgesetz ist schlicht unter jeder Kritik. Aber so ist das eben: Man will die Wähler von rechts haben. Und die schreiten ja schon empört zur Urne, wenn irgendwo türkische Musik aus dem Fenster schallt.“

Von Stefan Grissemann

Fotos: Peter Rigaud