Mailath-Pokorny: „Es darf keine Tabus mehr geben“

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny über die Arbeit der Historikerkommission zu den Straßennamen.

Interview: Herbert Lackner

profil: Wie weit ist man bei der Aufarbeitung der mehr als 4000 personenbezogenen Wiener Straßennamen?
Mailath-Pokorny: Die Kommission unter Professor Rathkolb wird im Mai ihre Arbeit abschließen. Dann werden wir ein Symposium veranstalten, bei dem auch geklärt werden soll, wie Städte in anderen Ländern mit diesen Problemen umgehen. Daraus werden wir dann unsere Schlüsse ziehen.

profil: Bekommen Sie Vorabinformationen?
Mailath-Pokorny: Soweit ich gehört habe, sind keine Nazigrößen oder Kriegsverbrecher dabei, was nicht verwunderlich ist, weil der Wiener Gemeinderat ja im Lauf der Jahre alle Ehrenbezeugungen zwischen 1938 und 1945 für nichtig erklärt hat. Aber es dürften Personen dabei sein, die sich vor Jahrhunderten an Judenpogromen oder an der Verfolgung von Protestanten beteiligt haben.

profil: Wird es da Straßenumbenennungen geben?
Mailath-Pokorny: Ich bin grundsätzlich kein Anhänger von Umbenennungen. Wichtiger ist eine offene Diskussion.

profil: Im Fall des Lueger-Rings waren Sie durchaus für die Umbenennung.
Mailath-Pokorny: Weil es auch noch einen Lueger-Platz und ein Lueger-Denkmal gibt. Auch da war der Anstoß zur Diskussion wichtiger als die Umbenennung selbst.

profil: Jetzt sind bisher unbekannte antisemitische Zitate des früheren Staatskanzlers und Bundespräsidenten Karl Renner aufgetaucht. Wäre es da nicht logisch, auch den Renner-Ring umzubenennen?
Mailath-Pokorny: Im Unterschied zu Lueger gibt es keine andere Verkehrsfläche in Wien, die nach Renner benannt ist. Für die Umbenennung des Lueger-Rings hat sich überdies auch die an ihm gelegene Universität eingesetzt, weil sie international immer darauf angesprochen wurde. Aber wenn die Kommission im Falle Renners Maßnahmen empfiehlt, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass man am Renner-Denkmal im Rathauspark eine entsprechende Zusatztafel anbringt.

profil: Genügt das?
Mailath-Pokorny: Warten wir ab, was die historischen Nachforschungen zu Tage bringen. Eines ist jedenfalls klar: Es darf keine Tabus und auch keine Verdrängung mehr geben.