Kasachstan - Wirbel im Fall Rakhat Aliyev:
Vater des Ex-Diplomaten in Wiener Spital

Wirbel im Fall Rakhat Aliyev: Der greise Papa des von Kasachstan gejagten Ex-Diplomaten verschwindet, taucht in der Botschaft auf – und verschwindet wieder. profil fand ihn im Spital.

Von Martin Staudinger

Da liegt er nun im Spitalsbett einer Wiener Spezialklinik: die Augen müde, die Hände zittrig, die Stimme schleppend. „Charascho“, sagt Mukhtar Aliyev ein paarmal matt in das Mobiltelefon, das er an sein Hörgerät hält: „Gut.“
Am anderen Ende der Leitung ist sein Sohn Rakhat Aliyev. Was er sagt, ist nicht zu verstehen, es klingt aber aufgeregt. Der alte Herr verzieht gequält das Gesicht.

In besseren Zeiten standen die beiden ganz oben in der Nomenklatura der Republik Kasachstan: der Senior Gesundheitsminister, Angehöriger der Akademie der Wissenschaften und hochdekorierter Funktionär; der Junior Schwiegersohn des Präsidenten, milliardenschwerer Unternehmer und Spitzendiplomat. Doch seit fast zwei Jahren ist alles anders. Rakhat Aliyev gilt in seiner Heimat als eine Art Staatsfeind Nummer eins und ist in Österreich untergetaucht, wo er zuvor als Botschafter tätig war. Jetzt setzt das Regime alles daran, seiner habhaft zu werden – auf legalem wie auch illegalem Weg (profil berichtete).

Mukhtar Aliyev wiederum plagen Probleme mit dem Herzen und einem Verfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes, das die kasachische Justiz gegen ihn ­eröffnet hat – wohl nicht ganz ­zufällig nur wenige Wochen ­nachdem sein Sohn in Ungnade gefallen war. Im Sommer vergangenen Jahres wurde dem Senior trotz alledem erlaubt, befristet nach Österreich zu reisen, um sich hier einer Behandlung zu unterziehen. Glaubt man ihm selbst, dann war daran eine Bedingung geknüpft: Er müsse Rakhat dazu bringen, sich öffentlich bei Präsident Nasarbajew für seine ­Untaten zu entschuldigen und um Begnadigung zu bitten. Mukhtar gelobte, flog zu seinem Sohn nach Wien, ließ sich am Herzen operieren. Und blieb. Auch ihn hätte Kasachstan gern zurück, lieber heute als morgen.

Vergangene Woche steuerte das bizarre zentralasiatische Familiendrama auf mitteleuropäischer Bühne wieder einmal auf einen seiner ohnehin nicht spärlichen Höhepunkte zu. Am Montag verschwindet Vater Mukhtar aus einer Villa, die er gemeinsam mit seinem Sohn Rakhat bewohnt – um wenig später in der kasachischen Botschaft im 19. Wiener Gemeindebezirk wieder aufzutauchen. Also auf feindlichem Territorium.

Wenig später bringen die Kasachen eine dramatische Nachricht in Umlauf: Der alte Aliyev habe sich in die diplomatische Vertretung geflüchtet, weil ihn der junge wie einen Gefangenen in Österreich festgehalten habe.
„Er hat mir meinen Pass, meine Kreditkarte, 5000 Euro, Handy, zwei Anzüge, einen Koffer und zwei Taschen abgenommen“, heißt es in einem angeblich von Mukhtar verfassten Bittschreiben an den kasachischen Botschafter in Wien. Seit Oktober 2008 sei er deshalb sogar siebenmal in Hungerstreik getreten.

Eine von den Diplomaten ­eilig herbeigerufene Wiener Kardiologin bescheinigt dem Patienten einen „guten Allgemeinzustand“. Laut Arztbrief sei Aliyev senior „subjektiv derzeit beschwerdefrei und gut belastbar“. Mukhtar Aliyev werde seinem Wunsch entsprechend sofort in die Heimat geflogen, um dort bei einer Pressekonferenz Bericht über seinen Leidensweg zu erstatten, kündigt das Nasarbajew-Regime daraufhin umgehend an.

Was für ein Propaganda-Coup. Zumal Staatsfeind Rakhat Aliyev in wenigen Tagen ein Buch auf den englisch-, deutsch- und russischsprachigen Markt bringen will, in dem er mit dem System Nasarbajew abrechnet. Von Korruption, Nepotismus und Selbstbereicherung soll darin ebenso die Rede sein wie von Kapitalverbrechen bis hin zum Auftragsmord. Viel sagender Titel: „Der Schwieger-Pate“.

In einer solchen Situation den Vater als Faustpfand für den Sohn zu haben – etwas Besseres hätte dem Regime kaum passieren können. Aber es wäre nicht Kasachstan, wenn die Geschichte nicht eine unerwartete Wendung genommen hätte. Bereits am Dienstag verlässt Mukhtar Aliyev die Botschaft wieder, um mit seiner inzwischen aus London angereisten Tochter im Wiener Hotel Marriott einzuchecken. Dort versuchen Nasarbajews Diplomaten nochmals, ihn zur Rückkehr in die Heimat zu veranlassen – verlieren aber seine Spur.

Seine Angehörigen haben es geschafft , Mukhtar an allen Augen vorbei aus dem Hotel zu schleusen und in eine Wiener Spezialklinik zu bringen. Er habe sich in der diplomatischen Vertretung einen neuen Pass besorgen wollen, weil die alten Reisedokumente demnächst ungültig würden, erklärte der offenkundig stark geschwächte Senior vergangenen Donnerstag am Krankenbett durch eine Dolmetscherin gegenüber profil.

Dort angekommen, sei ihm wegen hohen Blutdrucks sehr übel gewesen. Botschaftsangehörige hätten ihm Tabletten verabreicht (was diese bestreiten) und ihn bedrängt, mehrere Dokumente zu unterschreiben: „Mir war nicht klar, was ich unterzeichnete, ich war halb bewusstlos.“ Ob er nach Kasachstan zurückwolle? Keinesfalls, übersetzt die Dolmetscherin. Und dann dämmert der alte Herr wieder weg.