Keine Krone für Faymann

Ein Plädoyer für die Kampfbereitschaft anständiger Linker und erfolgreicher Bürgerlicher.

Meine Wahlentscheidung für September ist einfach wie nie: Obwohl ich ihre Schulpolitik für engstirnig und ihre Ausländerpolitik für widerlich halte, werde ich die ÖVP in der vergeblichen Hoffnung wählen, dass sie die absolute Mehrheit erringt oder wenigstens stark genug ist, um mit den Grünen zu regieren. Denn ich nehme das Versprechen Molterers, nicht mit Strache zu koalieren, ernster als das gleiche Versprechen Faymanns, weil ich die ÖVP derzeit generell ernster nehme als die SPÖ und weil Strache weit lieber mit ihr als mit der Volkspartei ins Bett ginge: Er weiß, dass er rechts von einer linken Partei ungleich leichter punktet als rechts von einer rechten. Man muss die SPÖ bei dieser Wahl so schwach machen, dass sich ihre Strache-Option unmöglich ausgeht. Das ist nicht leicht, wenn der Dritte in diesem Bunde die „Kronen Zeitung“ und das Wahlkampfthema die EU ist.

Aber ich bin trotzdem optimistisch: Die „Krone“ ist zwar die mit Abstand größte Zeitung dieses Landes – aber sie ist kleiner als alle anderen Zeitungen zusammen. Und diese anderen Zeitungen hoffe ich in ihrer Ablehnung der Faymann-SPÖ geeint: Einmal, weil es sowieso in ihrer Mehrzahl „bürgerliche“ Blätter sind; dann, weil auch die neutralsten – von „Standard“ bis profil – diesmal aus sachlichen Gründen kaum auf der roten Seite sein können. Vom Wrabetz-ORF erwarte ich Neutralität, obwohl SPÖ und Freiheitliche ihn ermöglicht haben, denn die Journalisten dort wollten immer nur Unabhängigkeit – sie haben darunter gelitten, dass die ÖVP sie einzuschränken suchte, und werden sie jetzt nicht sofort wieder preisgeben. (Zumal selbst die Karrieristen unter ihnen nicht sicher sein können, wie das Match ausgeht.)

Wenn aber der ORF neutral bleibt, sind alle anderen Zeitungen zusammen theoretisch stärker als die „Krone“. Ihr praktisches Problem ist, dass sie nicht wie diese „kampagnisieren“ können. Weil das normalen Herausgebern/Chefredakteuren/Journalisten so gegen den Strich geht, dass sie es einfach nicht über die Tasten bringen. Oscar Bronner kann nicht plötzlich auch die schwarze Schulpolitik glänzend finden, bloß weil er Faymann ablehnt. Der „Kurier“ versteht sich auf Kampagnen so wenig wie die „Kleine Zeitung“. Das ist die Schwäche derer, die sich diesem Beruf – egal, wo sie politisch stehen – verpflichtet fühlen. Es ist die Stärke der „Kronen Zeitung“, dass sie diese Skrupel nicht kennt. Es wird sich zeigen, wer stärker ist: Medien vom Zuschnitt der „Krone“ oder echte Medien. Ich bin ein Optimist und setze auf Letztere.

Letztlich setze ich auch auf die „linken“ Wähler. Ich bin zuversichtlich, dass der gegenwärtige Kurs der SPÖ sie in ausreichender Zahl abstößt: dass ihre Opinionleader, von Werner Schneyder bis Peter Turrini, ihre Empörung diesmal mit der Wortgewalt artikulieren, deren sie fähig sind; dass die „kleinen Genossen“, die immer noch von Tür zu Tür laufen, um zur Wahl zu schleppen, diesmal streiken; dass die Fachleute der Arbeiterkammer, die wissen, was die EU Österreich gebracht hat, ihren Einfluss im ÖGB nutzen, Faymann nicht zu unterstützen. Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass anständige und/ oder intelligente Linke diesmal gar nicht oder grün wählen, weil sie noch immer so etwas wie „Sozialdemokraten“ und nicht nur „Krone“-Leser sind.

Das Schwierigste wird zweifellos sein, mit jener Grundstimmung gegen die EU zurande zu kommen, die in Österreich ausgeprägter als in jedem anderen Land Europas ist: Offenbar lieben wir es, irgendwem für alles, was uns belastet, vom teuren Benzin bis zum teuren Brot, die Schuld zuzuschieben – wenn nicht den Juden, dann eben der EU. Wir, die wir wirtschaftlich wie kein anderes Land von der EU profitieren, sind besorgt, dass sie jetzt auch „nach unserem Wasser greift“. Ich kann es nur durch persönliche Erfahrungen zu verstehen suchen: Wenige Menschen haben mich so mies behandelt wie solche, die mir besonders viel – zum Beispiel ihren Aufstieg – zu danken haben. Man will alles nur sich selbst verdanken – dass irgendjemand, eine Person oder Organisation, am eigenen Erfolg teilhaben könnte, will man nicht wahrhaben: „Scheißperson, Scheißorganisation – haben doch alles nur wir geschafft.“

Jahrelang haben nicht zuletzt Politiker aller Couleurs das im Land verbreitet: Schuld an den Problemen ist Brüssel – Schuld an den Erfolgen sind wir. Auch in anderen Ländern geschieht das und wird von manchen Boulevardzeitungen mitgespielt. Aber nur in Österreich gibt es mit der „Krone“ die relativ größte Zeitung der Welt, für die die EU das Gegenteil ihres Weltbilds ist: supranational und liberal statt national und engstirnig. Nur die erfolgreichen Unternehmer dieses Landes, von Geyer bis Treichl, von Androsch bis Taus, von Haselsteiner bis Mateschitz, können dem erfolgreich entgegentreten: in Plakataktionen, die sie aus ihrer Tasche bezahlen, darauf hinweisen, was die EU diesem Land an Aufträgen und Einnahmen bringt. Vielleicht auch einmal darüber nachdenken, ob sie ihre Produktwerbung ausgerechnet dort platzieren, wo die EU verleumdet wird. Es geht in dieser Auseinandersetzung nicht um irgendwas: Es geht um Österreichs Stellung innerhalb des Vereinten Europa; um unser (großes oder kleines) politisches Format; um die Frage, wie sehr wir uns, siebzig Jahre nach der NS-Zeit, immer noch mittels Verleumdungen manipulieren lassen. Es geht um Österreich.