Before Midnight: Epochen-Romanze von Richard Linklater

Kino - Before Midnight: Epochen-Romanze von Richard Linklater

In Wien startete vor bald 20 Jahren Richard Linklaters sublime "Before“-Filmserie. Stefan Grissemann über den finsteren dritten Teil der Serie, "Before Midnight“.

Im Zug nach Wien hatten Jesse und Celine, der junge Amerikaner und das schlagfertige Mädchen aus Frankreich, einander kennengelernt - und sich am Ende des ersten Films ("Before Sunrise“, 1995) nach einer schlaflosen, aber ereignisreichen Nacht aus den Augen verloren. In Paris trafen sie einander neun Jahre später, in "Before Sunset“ (2004), wieder und verbrachten die Zeit vor Sonnenuntergang mit kreativen Konversationen und der bis zuletzt offenen Frage, ob Jesse sein Flugzeug zurück nach Amerika nun wie geplant nehmen oder die Gunst der Stunde diesmal längerfristig nützen würde. Teil drei der Serie, "Before Midnight“, gibt nicht nur darauf nun erschöpfend Antwort.

Fragile Liebe
Seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet der Texaner Richard Linklater an der filmischen Nahaufnahme dieser fragilen Liebe, an einer Kino-Langzeitstudie, die sich inzwischen zum Generationenporträt ausgeweitet hat. Exakt alle neun Jahre dreht Linklater die Erzählung von Celine und Jesse weiter, in enger Zusammenarbeit mit seinen beiden Stars: Julie Delpy und Ethan Hawke sind von den Figuren, die sie hier darstellen, längst nicht mehr zu trennen; es ist nur konsequent, dass diese beiden Schauspieler, die gelegentlich auch selbst schreiben und Filme inszenieren, die Drehbücher der Teile zwei und drei gemeinsam mit Linklater verfasst haben. Man hört, sieht und fühlt, dass beide hier eigene Texte sprechen, nicht fremde Dialoge. "Before Midnight“ ist eine Arbeit, die persönlich gemeint ist. Darin liegt die Stärke dieses Films, darauf basiert seine Unmittelbarkeit.

Das Erwachsenenleben hat Celine und Jesse, die sich damals in Paris gegen eine neuerliche Trennung entschieden haben, eingeholt - wie man gleich eingangs feststellen kann: Die gemeinsamen Zwillinge sitzen am Rücksitz jenes Wagens, den das Paar gemietet hat. Das griechische Ferienhaus, das die Urlauber mit Freunden (unter ihnen "Attenberg“-Regisseurin Athina Rachel Tsangari) bewohnen, ist idyllisch, das Licht perfekt, das gemeinsame Essen im Freien fast schon zu malerisch, um wahr zu sein. Aber fast unmerklich nehmen die geistreichen Plaudereien existenzielle Form an - bis sich die Ressentiments der Protagonisten in einem brutalen Streit entladen. "Before Midnight“ handelt von nicht viel mehr als einer Autofahrt, einem Dinner, einem Spaziergang und einem stark verkürzten Aufenthalt im Hotel: Linklater setzt lange Einstellungen in Szene, überlässt seinen Darstellern das Feld. Die pointierten Wortduelle täuschen über die Schwere hinweg, die das Besprochene zuverlässig birgt: Es geht um das Wesen der Liebe, das Wirken der Zeit und etwa die Frage, ob es legitim sei, voneinander Besitz zu ergreifen.

Hinter der trügerischen Schlichtheit der "Before“-Filme steckt die hohe inszenatorische Eleganz eines Regisseurs, der sich auf die Kinogeschichte beruft, ohne sie plakativ zitieren zu müssen. An der Geschichte von Jesse und Celine arbeitet Linklater schon beinah so lange, wie Truffaut seinen Antoine Doinel verfolgte (über fünf Filme und 20 Jahre nämlich). In der bitteren zweiten Hälfte von "Before Midnight“, die in die dunkleren Gefilde von Eifersucht und Schuldzuweisung abtaucht, schlägt der Tonfall radikal um. Der Weg vom Paradies in die Hölle ist kurz: Die geplante romantische Nacht im Hotel wird zum privaten Inferno, die Suite zum Schlachtfeld. Liebende rechnen miteinander ab. Ausgang: ungewiss. Bis 2022, hoffentlich.