Kino: Der Weltbildvertreter

George Clooney ist in Hollywood ein Sonderfall: ein Superstar und Partykönig mit Hang zu künstlerischer Autonomie und politischem Widerspruchsgeist. Nun kommt seine zweite Regiearbeit ins Kino.

Wenn es etwas gibt, das die eigenwillige Erfolgsgeschichte des George Clooney zu demonstrieren hat, so mag dies vor allem die Faszination einer umfassenden Ambivalenz sein. Mit der Zweischneidigkeit eines Lebensstils, der sich zwischen offenem Dandyismus und künstlerischer Seriosität nicht entscheiden will, ist Clooney seit Jahren erstaunlich erfolgreich unterwegs. Er gilt als Hedonist und Partylöwe, aber auch als einer der wenigen politisch expliziten und künstlerisch avancierten Regisseure und Produzenten, die im Inneren der US-Kinoindustrie gegenwärtig tätig sind. Der Polit-Moralist als King of Cool: Das Beste beider Welten ist George Clooney stets gerade gut genug.

Als Star in Filmen wie „One Fine Day“ (1996), „Ocean’s Eleven“ (2001) oder „Intolerable Cruelty“ (2003) repräsentiert Clooney zweifellos Hollywoods Glamour- und Entertainment-Gewerbe, aber anders als das Gros seiner Kollegen beschränkt er sich auf solche Erfolge keineswegs. Sie sind eher stabilisierende Nebenprodukte einer Karriere, die in der kalifornischen Filmfabrik ohne Vergleich ist. Nicht nur besteht Clooney darauf, zwischen hoch bezahlten Mainstream-Jobs für sehr geringe Gagen in künstlerisch ambitionierteren Projekten aufzutreten – etwa in Terrence Malicks „The Thin Red Line“ (1998), in dem romantischen Thriller „Out of Sight“ (1998), in der Coen-Komödie „O Brother, Where Art Thou“ (2000) oder in Steven Soderberghs „Solaris“ (2002). Seit geraumer Zeit zieht Clooney auch hinter den Kulissen Fäden. Er produziert und inszeniert, und an politischer Deutlichkeit lässt er dabei nichts zu wünschen übrig: Er agitiert gegen das republikanische Amerika und den Krieg im Irak, gegen Bushs Aggressionspolitik und die in seiner Heimat herrschende Bigotterie.

Wider McCarthy. Die Neuerfindung Clooneys als politischer Autor und Filmemacher treibt nun einem weiteren Höhepunkt entgegen: Während er als Star des komplexen CIA-Thrillers „Syriana“ (siehe Kasten) gerade erst im Rahmen der Filmfestspiele in Berlin aufgetreten ist, läuft seine exzellente zweite Regiearbeit, „Good Night, and Good Luck“, in österreichischen Kinos an: Sie befasst sich, wie schon Clooneys (weniger präzise inszeniertes) Regiedebüt „Confessions of a Dangerous Mind“ (2002), mit den frühen Tagen des amerikanischen Fernsehens. „Good Night, and Good Luck“ dreht sich um einen Pionier des amerikanischen TV-Journalismus: Clooneys Hommage an Edward R. Murrow, der seinerzeit mit einer Radioreportage vom Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland bekannt geworden war, konzentriert sich auf die erbitterten Auseinandersetzungen des wortgewaltigen CBS-Anchorman Murrow mit dem antikommunistischen Populisten Joseph McCarthy.

Clooney mischt gekonnt Fernseh-Archivbilder des Jahres 1953 in sein von einem brillanten Ensemble – allen voran: David Strathairn als Murrow – getragenes, rauchgeschwängertes Kammerspiel. „Good Night, and Good Luck“ mutet Amerikas Gegenwartskino Unerhörtes zu, nämlich Respekt, Genauigkeit und Moral. Die nötige Aktualität bezieht Clooneys Film, der offensichtlich mehr ist als bloß ein historisches Schaustück, aus seinem Spiel mit Anachronismen: Eine Welt, in der amerikanische Nachrichtenmoderatoren nicht nur sprachlich virtuos, sondern auch völlig unkorrumpierbar agieren, verweist schon in ihrer Fremdheit überdeutlich auf eine stark defizitäre mediale Gegenwart.

An kämpferische US-Reporter wie Murrow und Cronkite, Woodward und Bernstein erinnert Clooney in Interviews seit Jahren. Seine Affinität zur politisch subversiven Berichterstattung dürfte auch familiäre Gründe haben: Als Sohn des renommierten Journalisten Nick Clooney streifte er bereits als Fünfjähriger fasziniert durch die Fernsehstudios, in denen sein Vater tätig war. Das Berufsziel Reporter gab George Clooney dennoch früh wieder auf. Seine Initiation als Schauspieler gestaltete sich dann aber schwierig: 1994 erst kam er als Notfallarzt in der Fernsehserie „Emergency Room“ zu Prominenz, davor verbrachte er zehn Jahre als Gelegenheitsarbeiter und Kleindarsteller in Sitcoms und TV-Krimis.

Selbstironie. Clooneys inzwischen auch schon ein gutes Jahrzehnt währende Weltkarriere wird offenbar in jenem Maße solider, in dem er selbst sich weigert, sich als Schauspieler ernst zu nehmen. Seit Jahren hält Clooney gut gelaunt öffentlich fest, dass das Spiel vor der Kamera mit richtiger Arbeit nur sehr entfernt zu tun habe und dass seine Zeit als Superstar wohl beschränkt sei: Wenn er selbst schon, bei bestens ausgeprägtem Selbstvertrauen, sich auf der Leinwand längst nicht mehr sehen könne, wie wahrscheinlich sei es dann, dass sein Publikum ihn nicht bald satt haben werde? Das ist nicht bloß Koketterie; George Timothy Clooney, 44, weiß über seine Fähigkeiten sehr genau Bescheid: Er ist ein kompetenter, charmanter, aber technisch durchaus limitierter Darsteller, dessen anhaltende Strahlkraft eher seinem blendenden Aussehen und seiner Selbstironie zuzuschreiben ist als schauspielerischem Ausnahmetalent. Aber er weiß auch, was er kann: Die Intelligenz, sich in Hollywood als Filmstar alternative Arbeitsfelder zu öffnen, besitzt er definitiv.

Gemeinsam mit Regisseur Steven Soderbergh betreibt Clooney seit sechs Jahren das Produktionsunternehmen Section Eight – in enger Kooperation mit dem Hollywood-Studio Warner Bros. Die Unabhängigkeit, die Clooney sucht, hält sich alle Optionen offen; den Zugang zu den Vertriebsnetzen und Marketingmöglichkeiten der großen Studios, die den populären George auch nicht gerne aus den Augen verlieren, kann er brauchen. Clooney und Soderbergh produzieren mit Section Eight neben eigenen Regiearbeiten vor allem stilistisch unorthodoxe Filme wie Todd Haynes’ „Far From Heaven“ (2002) oder Richard Linklaters neuen Film „A Scanner Darkly“ (2006). Der politische Trotz ist Section Eight übrigens eingeschrieben: Der Begriff steht für die Entlassung aus dem Militärdienst infolge körperlicher oder geistiger Untauglichkeit.

Interviewtermine absolviert George Clooney absolut unangestrengt. Branchenübliche Arroganz hat er schon deshalb so wenig nötig, weil er um gute Pointen nicht einmal an schlechten Tagen verlegen ist. Clooneys Lust am Understatement ist ausgeprägt. Gelegenheiten, sich selbst als eigentlich bloß zweite oder dritte Besetzungswahl in den Filmen anderer darzustellen, lässt er ungern aus; und schmeichelhafte Vergleiche wie jenen mit Hollywood-Legende Cary Grant fegt er glaubhaft vom Tisch.

Für harte Arbeit hält er das Schauspielen grundsätzlich nicht: Das Schwierigste daran, sagt Clooney, „ist eigentlich nur, zu lernen, deine Tasse beim Drehen nicht zu laut auf den Tisch zu setzen, und dich so zu bewegen, dass du nicht aus dem Schärfebereich der Kamera rutschst. Was das Schauspielen kompliziert macht, ist bloß die persönliche Dimension daran: Man arbeitet als Vertreter, man hat etwas zu verkaufen – aber eben nicht Staubsauger, sondern sich selbst.“

Von Stefan Grissemann