Gefährliche Methode

Regisseur David Cronenberg beleuchtet die Geschichte der Psychoanalyse neu – und lässt bei den Filmfestspielen am Lido die Konkurrenz hinter sich.

Von Stefan Grissemann, Venedig

Die Aufgabe, Theaterstoffe in Kinostücke zu verwandeln, stellt den gemeinen Filmkünstler vor beträchtliche Schwierigkeiten – die Kinogeschichte weiß ein Lied davon zu singen: artifizielle Sprache, Entzug von Körperlichkeit, beschränkte Raumverhältnisse. Auch die laufenden 68. Filmfestspiele in Venedig thematisieren dieses alte Problem: Roman Polanski verzichtete für „Car­nage“, seine Adaption einer zynischen Bürger-Farce von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“), auf filmische Durchformung gleich ganz – und verließ sich einzig auf die Wirkkraft des Texts und des (entfesselten) Schauspiels seines Darstellerquartetts (Christoph Waltz, Kate Winslet, John C. Reilly, Jodie Foster). Keine gute Idee: Polanski bricht das Reza-Drama auf die naheliegende Boulevardkomödie herunter, indem er sich eines Stils der bloßen Funktionalität bedient.

So viel Kunstlosigkeit erfreute zwar, wie gewohnt, all jene Festivalbesucher, die ihrem Ressentiment gegen „schwierige“ Inszenierungen gern mit tosendem Applaus für das besonders Triviale Ausdruck verleihen, aber glücklicherweise fand sich die Antithese zu Polanskis Regieverweigerung gleich anderntags: Der Kanadier David Cronenberg griff für seinen neuen Film auf ein Theaterstück des Briten Christopher Hampton („The Talking Cure“) zurück – und setzte mit „A Dangerous Method“ ein paar Standards des Kino-Historiendramas neu. Cronenbergs Zugang zur Geschichte der Psychoanalyse (konkreter: zum Verhältnis zwischen C. G. Jung, Sabina Spielrein und Sigmund Freud) wirkte nur auf den ersten Blick konventionell: Gleichsam chirurgisch seziert Cronenberg Arbeitsbedingungen, Auffassungsunterschiede und Übertragungsfolgen – in einer visuell strengen, stets auf das Wesentliche reduzierten Inszenierung.

Die gefährliche Liebschaft zwischen Kino und Theater wird am Lido diese Woche übrigens fortgesetzt: Auf William Friedkins Bearbeitung von „Killer Joe“, eine White-Trash-Groteske des Dramatikers Tracy Letts, wartet man mit Spannung.