Kirchenskandal: Götterdämmerung
Die Sexaffäre in St. Pölten weitet sich aus

Die Sexaffäre in St. Pölten weitet sich aus, im Kinderpornofall wird Anklage erhoben, die Gläubigen verlassen in Scharen die Kirche. Die österreichischen Bischöfe drängen im Vatikan auf eine Ablöse Kurt Krenns. Kann sich der umstrittene Bischof halten?

Gemessen an seinen eigenen Ansprüchen, steht Bischof Kurt Krenn heute vor den Trümmern seiner Existenz. Es ist 15 Jahre her, dass Kurt Krenn, damals noch Wiener Weihbischof für Kunst, Kultur und Medien, in einem Furor gegen die liberale Ausrichtung der österreichischen Priesterausbildung zu Felde zog. Die Zustände in den Seminaren erinnerten ihn, so Krenn damals, an „Therapiestationen für Kranke und solche, die krank gemacht werden“. Heute wäre das ein präziser Befund über die Zustände in Krenns Diözese.

Publiziert hatte Krenn seine damalige Anklage in „Der 13.“, einem reaktionären Kirchenblatt, dessen Name an die Marienerscheinung in Fatima erinnern soll und in dem Krenns Anhänger aus dem fundamentalistisch-katholischen Lager seit Jahr und Tag gegen den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils anschreiben. Daneben waren die Adressen jener Priesterseminare angegeben, die eine papsttreue und glaubensechte Ausbildung garantieren sollen: das Opus Dei, die Petrusbruderschaft, das Engelwerk und die Servi Jesu et Mariae. Solche Orden und Gemeinschaften hat Krenn in den vergangenen Jahren tatkräftig gefördert, ihnen in Kleinhain sogar ein eigenes Priesterseminar zur Verfügung gestellt und so genannte Geheimweihen von umstrittenen Priesteranwärtern vorgenommen, die im amtlichen Mitteilungsblatt der Diözese nicht aufgeschienen sind.

Vor drei Jahren setzte Krenn dann den liberalen Leiter des Priesterseminars Franz Schrittwieser ab, und er beauftragte den konservativen Propst von Eisgarn, Ulrich Küchl, mit der Aufgabe. Dieser sollte, so vermutet man, die Priesterausbildungsstätten in St. Pölten und Kleinhain nach Krenns Richtlinien zusammenführen. Und die waren nicht sehr streng. Das so genannte Probejahr fiel ersatzlos. Anwärter, die in anderen Diözesen wegen angeblicher homosexueller Neigungen – oder wegen allzu rigider Einstellungen – abgelehnt worden waren, fanden in St. Pölten Einlass. „Wenn jemand sagte, ich komme wegen des Bischofs, dann war es für mich nicht ausreichend“, sagt Schrittwieser. Später genügte das.
Schon früher, erinnert sich Dechant Franz Kaiser, Vorsteher der Pfarrgemeinden im Bezirk Zwettl, sei über homosexuelle Neigungen Küchls „gemunkelt“ worden. Die Konferenz der Dechanten protestierte vor drei Jahren gegen seine Bestellung.

Eidesstattliche Erklärung. Der 61-jährige Leiter des St. Pöltner Priesterseminars Küchl, der auf den von profil vor einer Woche veröffentlichten Fotos einem seiner Schutzbefohlenen ans Gemächt greift, hat sich vergangene Woche in einem Brief an seine Pfarrgemeinde mit einer „unglücklichen Einstellung, die bei einer Geburtstagsfeier in Eisgarn entstanden sei“, verteidigt. Dem Seminaristen habe er sich „in keiner Weise sexuell genähert“. In einem Antrag auf einstweilige Verfügung, der ebenfalls vergangene Woche bei profil eintraf, erklärt Küchl eidesstattlich, „die behaupteten sexuellen Handlungen nie gesetzt zu haben“.

Küchl ist mittlerweile zurückgetreten. Ebenso sein Subregens, der 37-jährige Wolfgang Rothe, der erst 1996 in das St. Pöltner Seminar eingetreten war und es in dieser kurzen Zeit bis zum Bischofssekretär und zum Bandverteidiger der Diözese gebracht hatte. Der Schnappschuss, auf dem Rothe einem seiner Zöglinge einen innigen Zungenkuss gibt, wurde auf einer Weihnachtsfeier in seinen Privaträumen aufgenommen. Rothe wohnte, was sehr unüblich ist, nicht im Priesterseminar.
In der Kinderpornoaffäre, über die profil ebenfalls berichtete, hält die Staatsanwaltschaft die Indizien für so erdrückend, dass es zu mehreren Anklagen gegen Seminaristen kommen wird. Gefunden wurden zum Beispiel Fotos, auf denen ein fünf- bis sechsjähriges Mädchen beim Oralverkehr mit erwachsenen Männer gezeigt wird. Anderes Bildmaterial von den Festplatten der Priesterschüler – sexueller Verkehr mit Tieren, Schwulenpornos oder auch die privaten Fotos aus einer Digitalkamera, auf denen Seminaristen nackt posieren oder Fäkalienspiele treiben – ist strafrechtlich irrelevant. Es wurde an die Besitzer zurückerstattet.

Die Behörden gehen aber auch Hinweisen nach, die erst vergangene Woche gemacht wurden. Derzeit liegen zwei anonyme Anzeigen vor. In einem Fall soll ein minderjähriger Ministrant im Raum der Diözese St. Pölten von einem Kirchenmann in der Sakristei (der Name des Beschuldigten ist der Redaktion bekannt) sexuell genötigt beziehungsweise verführt worden sein.

Abseits des weltlichen Strafgerichts ist vergangene Woche nun auch die Diözese St. Pölten aktiv geworden und hat eine interne Untersuchungskommission eingesetzt. Homosexuelle Berührungen und Surfen auf Pornoseiten sind nur nach den Regeln, die sich die Kirche selbst gegeben hat, zu ahnden, nicht nach dem Strafgesetzbuch.
Die Reaktion von Bischof Krenn und die Zusammensetzung der Kommission lassen allerdings wenig Hoffnung auf eine schonungslose Aufklärung zu. Krenn, der einmal über sich selbst sagte, er habe gelernt, die „Pferde seines Zorns vor den Wagen der Kirche zu spannen“, spricht in der Öffentlichkeit zynisch von „Brötchen, Plätzchen und Weihnachtsküssen“. Homosexualität sei jedenfalls nicht im Spiel gewesen, behauptet Krenn. Als Nachfolger von Küchl hat er zum Entsetzen vieler Pfarrer in seiner Diözese den Leiter der Josefsbruderschaft in Kleinhain, Werner Schmid, bestimmt (siehe Kasten). Eine problematische Personalentscheidung, wie auch der Sprecher von Bischof Schönborn, Erich Leitenberger, bestätigt: „Schmid vertritt eine absolute Minderheitenspiritualität.“

Schmutzige Fantasien. Am Montag vergangener Woche, wenige Stunden nach Erscheinen von profil, als das höchste Kirchengremium in St. Pölten zusammengetreten war, diskutierten die St. Pöltner Kirchenherren darüber, ob der Kuss zwischen Rothe und einem Seminaristen als sexuelle Handlung zu werten sei. Prälat Hörmer, ein Vertrauter Krenns, soll sich im Verlauf der Sitzung zu einer einstündigen Moralpredigt verstiegen haben, in der er ausführte, dass jene, die darin einen Zungenkuss sähen, selbst von schmutzigen Fantasien heimgesucht würden. Hörmer ist übrigens – wie Pater Schmid – Mitglied der internen Untersuchungskommission.

Sensibler reagieren da schon die Gläubigen. In den vergangenen sieben Tagen ist die Zahl der Austritte in der Diözese St. Pölten um ein Drittel hinaufgeschnellt. Nach einer profil-Umfrage sind 72 Prozent der Befragten der Ansicht, Bischof Krenn solle zurücktreten. Die ORF-Sendung „Kreuz und Quer“ am vergangenen Mittwoch, in der Krenn aufgetreten war, hatte eine halbe Million Zuseher, ein Wert, den Jörg Haider kaum mehr erreicht.

Über das Priesterseminar in St. Pölten kursierten seit vergangenem Herbst üble Geschichten. Einzelne Seminaristen redeten mit Freunden über die Zustände; alle Verantwortlichen bis hinauf zum Bischof wussten, was Sache war.

Am 5. Oktober wurde ein Seminarist von der St. Pöltner Polizei vor einer Volksschule angehalten und perlustriert. Es war ein Notruf bei der Gendarmerie eingegangen: Ein Mann habe Kinder belästigt, die das weinend ihren Lehrern berichtet hatten.
Am 30. Oktober 2003 trieb die Leiche eines anderen Seminaristen auf der Alten Donau. Die Obduktion ergab keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Den Angehörigen erscheint ein Selbstmord etwas seltsam, da der Zögling „panische Angst vor dem Wasser gehabt“ und einmal erzählt habe, er werde „beschattet“. Die Familie ist überzeugt, dass ihr Verwandter „von den Vorgängen im Seminar gewusst hat“.

Y-Treff. Ein weiterer Seminarist hatte in den Gasthäusern St. Pöltens des Öfteren mit Außenstehenden über Vorkommnisse im Gemeinschaftsraum, dem so genannten Y-Treff, geredet, über Zusammenkünfte, die sich zu später Stunde dann oft in die Privatwohnung von Subregens Rothe verlagerten. Er wurde wegen angeblicher Alkoholprobleme aus dem Seminar entlassen und in ein Obdachlosenheim nahe Amstetten überstellt.

Aktenkundig sind auch eigenartige politische Demonstrationen im Seminar. Ein Diakon, der sich für den christlich-jüdischen Dialog engagiert und immer wieder Veranstaltungen dazu am schwarzen Brett aushängte, beklagte sich bei Küchl, dass regelmäßig Hakenkreuze und Nazi-Parolen darübergeschmiert wurden. Im Februar 2004 soll Küchl angewiesen haben, keine Ankündigungen zu diesem Thema mehr aufzuhängen. Eine Anzeige wegen Wiederbetätigung lehnte Küchl ab.

Am 10. November verfasste der EDV-Verantwortliche des Seminars, Johannes Hölzl, eine Aktennotiz, weil ihm aufgefallen war, dass auf dem einzigen allgemein zugänglichen Computer im Seminar stundenlang auf Pornoseiten gesurft worden war. Zwei Wochen später erstattete Küchl Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Tags darauf wurde der Seminar-Computer beschlagnahmt. Der Nachweis, dass nicht nur auf Pornoseiten gesurft, sondern auch Kinderpornofotos heruntergeladen wurden, gelang den Beamten erst im heurigen Frühjahr. Damit konnte die Angelegenheit auch gerichtlich verfolgt werden.

Vor drei Wochen fand eine zweite Hausdurchsuchung statt. Diesmal beschlagnahmte die Polizei auch acht private Computer aus dem Seminar. Entdeckt wurden auch jene Privatfotos, mit deren Veröffentlichung profil in der Vorwoche den Kirchenskandal ins Rollen bringen konnte.

„Zuerst hielten wir die Vorkommnisse für Studentengerede“, sagt der ehemalige Regens des Priesterseminars Franz Schrittwieser, „dann wurden wir wach und haben nachgefragt.“ Sein langjähriger Weggefährte und Spiritual (eine Art geistlicher Begleiter) des Seminars, Anton Schachner, legte im Spätherbst sogar sein Amt nieder. Gegenüber profil sagt Schachner: „Ich habe dem Bischof meine Sicht der Dinge sehr klar offen gelegt.“ In dem Brief, der auch an die Seminarleitung ging, erhob Schachner schwer wiegende Vorwürfe. Küchl und Rothe würden versuchen, „die bitteren Vorkommnisse zu überspielen“. Es sei unglaubwürdig, Schuldige außerhalb des Hauses zu suchen. Schachner warnte vor einer Bagatellisierung, „da Stimmen nicht verstummen wollen, die unserem Haus Homosexualität anlasten“. Diese Dinge, sagt Schachner zu profil, „gehören jetzt bereinigt“.

Ende November war auch eine vom Chef der vatikanischen Studienkongregation Zenon Grocholewski angeordnete Visitation im Haus gewesen. Der Bericht, der Ende Jänner auf Krenns und Rothes Schreibtisch landete, fiel vernichtend aus. Die Auswahl der Seminaristen und die häufige Abwesenheit Küchls wurden scharf kritisiert. Bis heute hat Krenn das Konsistorium, sein höchstes Beratergremium, von diesem Bericht nicht informiert.

Viele, auch nicht gläubige Menschen, fragen sich heute, wie Priesteranwärter angesichts solcher Zustände mit ihrem Gewissen und ihrer Berufung ins Reine kommen. Warum sie sich sogar fotografieren ließen? Für den amerikanischen Psychotherapeuten Richard Sipe, der für sein Standardwerk „Sexualität und Zölibat“ eine Reihe von Untersuchungen vorgenommen hat, sind Pornografie und exhibitionistisches Verhalten im zölibatären Milieu geradezu typisch. Diese Formen der Sexualität, so Sipe, seien als „Elemente einer nicht gefestigten und schlecht bewältigten Geschlechts- und Sexualidentität für das Verständnis mancher Aspekte des Zölibats von herausragender Bedeutung“.

Ohne die Veröffentlichung der strafrechtlich bedeutungslosen Fotos, gestehen einige Geistliche aus der Diözese, wäre die Mauer des Schweigens nie durchbrochen worden.

Nun melden sich auch Pfarrer zu Wort, die beobachteten, dass in der Diözese Priester des Engelwerks und ähnlich konservativer Gemeinschaften in der Seelsorge tätig sein dürfen. Pfarrer Peter Färber etwa lässt in Obritzberg bei St. Pölten nur noch die Mundkommunion zu. Die Berührung der Hostie durch nicht geweihte Hände ist seiner Auffassung nach nicht erlaubt. Als einer Gläubigen bei der Kommunion die Hostie ins Dekolletee fiel, bat sie der eifrige Kirchenmann in die Sakristei, damit er die Hostie herausfischen könne. Derselbe Pfarrer hatte die Mutter eines 16-jährigen, mit dem Moped verunglückten Buben beim Sterbegespräch darauf hingewiesen, falls ihr Sohn bereits Geschlechtsverkehr gehabt haben sollte, würde er jetzt im Fegefeuer schmoren.

Bitterlich geweint. Bischof Krenn hatte damit offensichtlich kein Problem. „Kein Kandidat“ dürfe „abgelehnt werden, weil er einer bestimmten Gruppe oder einer kirchlichen Mode nicht passt“. Als Krenn jedoch von der Sexaffäre erfuhr, soll er bitterlich geweint haben. Immerhin nimmt er fast jede Predigt an hohen Kirchentagen zum Anlass, Sexualität, die ohne den expliziten Willen, Kinder zu zeugen, ausgeübt wird, zu verdammen. Und Homosexualität ist für Krenn „eine tiefe Beleidigung Gottes“.

Krenns Abschied scheint dennoch bevorzustehen. Es wird berichtet, dass die österreichischen Bischöfe im Vatikan um eine würdevolle Ablöse Krenns bemüht sind. Es scheint, als könne Krenn wirklich nicht fassen, was vor seinen Augen geschehen ist. Schon in der Affäre Groer hat er von „dummen Lausbubenstreichen“ gesprochen, wie er es auch diesmal tut. Am ersten Höhepunkt der Krise, als Rom im Jänner seine Priesterarbeit kritisierte, war Krenn in einer Konsistoriumssitzung zusammengebrochen.