<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Bezirksgerichte

Dem Wiener Hotelrestaurant „Dstrikt“ fehlt mehr als nur ein i.

Jetzt wollen wir aber doch wirklich wissen, was das eigentlich heißt: „Dstrikt“. Ein Tippfehler, der es durch die ganze Produktionskette geschafft hat? Eine Anspielung auf Moskauer Boulevards oder Oligarchen, denen es mitunter an Vokalen mangelt? Die freundliche Kellnerin wird gleich mal nachfragen gehen, und dann kommt sie zurück und sagt, „Dstrikt“ bedeutet im Deutschen so etwas wie Bezirk und es wurde eben ein i weggelassen. Ich habe mir so etwas Ähnliches wirklich schon gedacht.

Willkommen also im „Dstrikt“, dem neuesten Hotelrestaurant Wiens im Ritz-Carlton, das ein bisschen so tut, als wäre es gar keines, denn man muss hier nicht durch die Lobby latschen, sondern nimmt den Seiteneingang direkt ins „Dstrikt“. Bei der telefonischen Buchung hatte jemand gemeint, dass es leider nicht möglich sei, einen Tisch um 20 Uhr zu bekommen, aber 19.30 oder 20.30 Uhr wäre möglich. Eigentlich, denke ich mir, gar kein so schlechtes Omen; die wollen die Küche nicht überfordern und alles genau auf dem Punkt rausbringen. Also checke ich eben um halb neun ein, lautlos über den ästhetisch fragwürdigen Riesenteppich schreitend, unter dessen Rändern noch ein ziemlich schöner Holzboden hervorragt, und kriege einen hochformatigen Paravent in die Hand gedrückt, auf dessen Innenflächen sich eine spartanische Allerweltsspeisekarte befindet, der irgendwie das i fehlt, oder das Tüpferl drauf; ich bin schon ein wenig verwirrt.

Das kulinarische Konzept stammt im Übrigen von Wini Brugger, dem gebürtigen Kärntner, der sich in Wien und Umgebung als Asia-Koch einen Namen gemacht hat („Yohm“, „Indochine 21“, „XO Noodles“, Therme „Linsberg Asia“). Ich ziehe ihn, der sich hier eigentlich nur um eine Art Edelgasthausküche kümmern soll, deshalb auch nicht zur Verantwortung für die Texte, die reihum an die Wand geschrieben wurden. So einen Schwachsinn habe ich nämlich noch nicht einmal in den vollgekritzeltsten Szenelokalen der Kategorie Laura Ashley lesen müssen: „Eine Flasche Wein enthält mehr Philosophie als alle Sachbücher.“ Oder: „Ich lebe von guter Suppe und nicht von schöner Sprache.“ Wenn irgendwann mal ein paar PISA-Funktionäre ins „Dstrikt“ (ich muss echt aufpassen, dass mir da kein i reinrutscht) zum Arbeitsessen kommen und das sehen, muss man ihnen bitte sofort erklären, dass keineswegs die ganze Stadt mit solchen bildungfeindlichen Parolen zugepflastert ist, Schreib-, Lese- oder literarische Kenntnisschwächen also andere Ursachen haben müssen.

Die Hoffnung auf Sorgfalt in der Küche erfüllt sich nicht wirklich. Ein warm geräucherter Saibling mit Kraut, Kren und Gurkenremoulade: Fisch sehr gut, Remoulade klebrig und fett wie eine Sauce Trara aus dem Glas. Kärntner Kasnudeln, nach einem Rezept von Bruggers Großmutter: Topfen-Minze-Fülle absolut satisfaktionsfähig, gekrendelter Rand schön gemacht, das Volumen erinnert ein wenig an den mittlerweile weltberühmten Heliumballon kurz vor dem Aufblasen. Dennoch: Die sind schon okay so. Lisl Wagner-Bachers legendäres Kaviarei in der Panier (mit Selleriepüree) hat einen köstlichen Kaffeelöffel Störlaich aus Salzburg auf dem Dach, ist aber nahezu hart gekocht, die Seeforelle ist mit einer exotischen Tinktur lackiert, die den Fisch ein zweites Mal erschlägt; wie man das solid gemachte Erdäpfelpüree dazu schon auf der Karte als „göttlich“ anpreisen kann, ist mir auch ein wenig schleierhaft. Und das – ja, auch hier! – trocken gereifte Ribeye, medium rare geordert, ist leider nicht gut gemacht, sondern beinahe well done. Ich hätte doch 19.30 Uhr wählen sollen.

Eine kleine Anmerkung noch zur Weinkarte. Die ist durchaus mit Bedacht komponiert, und immerhin gibt es ein paar interessante leistbare Flaschen. Aber ein kleiner Vergleich muss schon sein: Uwe Schiefers Reihburg zu 125 Euro, nur als Beispiel, war – Kursstand vergangene Woche – im New Yorker Top-Restaurant „Wallsé“ um 1,27 Euro günstiger als im „Dstrikt“, das genau 147 Kilometer vom Weingut entfernt ist. Da muss wohl mehr als bloß Philosophie in der Flasche sein. Oder doch ein Stapel Sachbücher?

Dstrikt

Schubertring 5–7, 1010 Wien
Tel.: 01/311 88
www.ritz-carlton.com
Hauptgerichte: 15 bis 35 Euro

klaus.kamolz@profil.at