<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Blunzn & ­Grubenkraut

„Spätrot“: ein ziemlich ­erfreuliches Heurigen-Erlebnis in Gumpoldskirchen.

Es reicht. Der Kolumnist heizt schon wieder, nachdem vergangene Woche seine innere Jahresuhr durch vorübergehenden Temperaturanstieg den einschlägigen Countdown aktiviert hatte: noch zehn Tage bis zur Wiedereröffnung des leider nicht mit dem Wohnsitz verbundenen Gartens; ja, wir reden vom „Schweizerhaus“, das diesen Freitag, immerhin mit oder ohne Schnee, eröffnen wird. Und die Zeit, lohnenswerte Heurigen zu erkunden, ist auch angebrochen.

Was für ein Glück, ich kann eine uneingeschränkte Empfehlung abgeben, obwohl: Uneingeschränkt ist jetzt nicht ganz richtig, denn das Lokal befindet sich in Gumpoldskirchen in der von Weingütern und Buschenschanken gesäumten Wiener Straße, in der ein Parkplatz noch ungefähr zehnmal so viel wert ist wie einer knapp außerhalb einer Wiener Pickerlzone.

„Spätrot“ heißt der Heurige und wird von Familie Gebeshuber betrieben. Ich betrete einen lang gezogenen Hof, naturgemäß noch nicht wach geküsst, in dessen hinterem Teil sich ein langes Gewölbe erstreckt, das gut als schnörkelloses Refektorium durchginge. Angenehm kitschfrei ist es hier: Warmes Holz auf dem Boden, die Wände dürfen weiß bleiben. Und weil dieses Ambiente offenbar sehr vielen Menschen gefällt, wird auch die einzige kleine Schwäche der Räumlichkeiten gleich hörbar: Die gewölbten Decken retournieren jeden Lacher, jeden Trinkspruch, jede hitzige Diskussion in der brummenden Bude mit ungnädiger Schärfe, was zwangsläufig dazu führt, dass alle nur noch lauter reden. Egal.

Jedenfalls befinde ich mich an der Wirkungsstätte eines – das kann man schon so sagen – alten Haudegens der Wiener Gas­tronomie: Harald Brunner. Ziemlich früh in seiner Laufbahn machte er als Fusion-Freak in einem Etablissement im achten Bezirk auf sich aufmerksam (das „Dennstedt“, wer sich erinnern kann), dann betete er jahrelang in einer Privatküche mit Koch-Workshops einen prachtvollen Molteni-Herd an. Sein danach geplantes Rotisserie-Projekt im „Schwarzen Adler“ scheiterte, und ich verlor Brunner aus den Augen, bis ich ihn an der Seite von Josef Hohensinn in dessen „Hohensinn“ wiederentdeckte; schließlich kommen beide aus dem Stall Reinhard Gerers. Das qualifiziert Brunner, dem die Fusion-Sache rufmäßig noch lange nachhing, zweifelsfrei auch für eine Heurigenküche.

Deshalb kommt da ein Kalbsbeuschel in bester Gerer-Tradition, mild säuerlich mit ganz feinen Texturkontrasten zwischen dem zart gedünsteten Tierischen und noch knackigem Gemüse. Und ein Spanferkelkarree mit einem naturbelassenen dunklen und intensiven Saft; dazu gibt es das erst vor einiger Zeit wieder aus der Versenkung geholte Grubenkraut, das in tiefen, holzverkleideten Erdlöchern reift und all den Zusatzschrott industriellen Sauerkrauts überhaupt nicht braucht. Es ist suppennudelfein geschnitten und mit Grammeln durchsetzt, recht mutig gesäuert, sodass es einem bei der Duftprobe durch den in der Wärme verdunstenden Essig für einen kurzen Moment den Atem raubt. Ja, und die Blutwurst in zwei Variationen (im Bild), in frischem Gemüsejus mariniert und kross gebacken, die ist halt auch sehr gut. Natürlich liegt das auch an den mittlerweile prominenten Lebensmittelproduzenten, bei denen der Küchenchef einkaufen darf, aber ich habe auch schon öfter erleben müssen, wie man ein Labonca-Schwein oder einen Brauchl-Fisch in der Küche zurichten kann.

Ach, weil wir beim Heurigen sind: Das Viertel ist im „Spätrot“ nicht das Maß aller Dinge, denn die Gebeshubers machen ganz feine, glasklare Weine vom Gemischten Satz bis zur Großen Reserve aus Sankt Laurent und Pinot noir – und verkaufen die letztlich dann doch wieder zum üblichen Viertelpreis. Und jetzt ist bitte Schluss mit Winter. Spätrot soll dort von nun an die Sonne hinter dem Garten versinken, wenn ich wieder da bin.

Heuriger Spätrot
Wiener Straße 1,
2352 Gumpoldskirchen
Tel.: 0664/88 43 90 10
Dienstag geschlossen
Hauptgerichte: 7,90 bis 14,50 Euro

www.heuriger-spaetrot.com

klaus.kamolz@profil.at