<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Braunschlag revisited

Waldviertel (I): Nördliche Küche auf den Spuren von Gerry Tschach.

Kommt einer in die Gaststube, breitet die Arme aus und sagt, in gespielt keuchendem Ton: „I hob grod a Erscheinung g’hobt!“ Zwar bezieht sich die Verkündung auf eine eben gesichtete blonde Dame draußen auf dem Dorfplatz von Reingers, aber die Angelfreunde im Gasthaus von Wolfgang Uitz wissen gleich, worauf da angespielt wird. Wir befinden uns ein paar Kilometer entfernt von Eisgarn im nördlichsten Waldviertel. Eisgarn, das niemand kennen würde, hätte es nicht als Drehort einen regionaltypischen Filmnamen erhalten: „Braunschlag“. Willkommen also in Braunschlag, einem Braunschlag diesmal jedoch, in dem nicht Suff und Streit, Bigotterie und Intrigantentum die Hauptrolle spielen.

Das nördliche Waldviertel, das in anderen Ressorts nicht grundlos als strukturschwach und abwanderungsgefährdet beschrieben werden mag, war für mich lange vor dem TV-Roman „Braunschlag“ eine ganz besondere Tankstelle; dass ich dort neuerdings auch auf die Spuren von Bürgermeister Gerry Tschach (Robert Palfrader) und Disco-Besitzer Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek) stoße, verleiht den Stadtfluchten noch einen Kick ­Ironie. Was ich dort tanke? Neben frischer Luft an den Teichufern und in diesen abenteuerlich schönen Märchenwäldern – drüben bei den nahen Nachbarn heißt die Gegend „Tschechisch Kanada“ –, wo jetzt die Pilze zu wachsen beginnen, auch Erholung von Haubenküche, Teller-Chichi und urbanen Gastronomiekalkulationen. Dabei, denke ich mir in den Mooren und Wäldern der Gegend, hätten sie hier perfekt einen auf Nordisk Mad (nordische Küche) mit frittierten Flechten und pochierten Moosen machen können. Wollen sie aber nicht, solchen Firlefanz.

Bei Wolfgang Uitz und seiner Frau Renate, der Köchin, manifestiert sich die solide Küchenehrlichkeit etwa in frischen Karpfen und Zandern aus dem nahen Stadlteich – eh auch radikal regional, wahlweise in Hanfpanier. Reingers nennt sich das Hanfdorf, nicht ohne allerdings darauf hinzuweisen, dass die hier angebauten Stauden die guten, „schadstofffreien“ sind und nicht die pösen pösen pösen, die wo man immer so viel lachen muss davon.
Ein paar Kilometer weiter gruppieren sich die paar Häuser von Leopoldsdorf um den Dorfteich. Das Zentrum bildet – analog zum Uitz in Reingers – das Gasthaus Böhm. „Braunschlag-Seher“ kennen es. Hier fand der Leichenschmaus nach der Beerdigung des leeren Sarges von Elfi Pfeisingers (Nina Proll) Vater statt. Würstel mit Saft gab’s in der Serie, aber das wird dem Böhm nicht gerecht, weil nämlich die Rindsrouladen, dazu statt Reis die etwas klebrigen, aber köstlichen Waldviertler Gummi-Erdäpfelknödeln (sagenhafte Safterlsauger sind das), locker mit den Hervorbringungen der ehrgeizigeren Wiener Beislküche mitkönnen.

Nähert man sich Litschau, der Schrammelstadt, kann man die Route durch das kleine Dorf Schandachen wählen. Nicht durchfahren: ins Gasthaus Oppolzer ­gehen.

Aus drei Gründen:
a) Die alte Jukebox mit Trouvaillen von den Les Humphries Singers, Daliah Lavi oder Connie Francis, die hier keineswegs als Retro-Bobo-Belustigung fungiert.
b) Die alte Kegelbahn in der Gaststube, die auch von Kindern benutzt werden darf, was extrem selten vorkommt; mein Sohn hat dort vor vielen Jahren eine Kugel durch den Saal pumpern lassen, die gleich zwei zersplitterte Sesselbeine hinter sich ließ. Maria Oppolzer quittierte es mit großzügigem Lächeln. Womit wir beim dritten Grund sind.
c) Maria Oppolzers Küche.

Ich vergewissere mich stets vorab telefonisch, ob die lokale Jägerschaft erfolgreich war, denn Frau Oppolzers Zubereitungen von Wildschwein, Hirsch und Maibock – durchwegs als klassische Braten oder Ragouts – sind auch überregional betrachtet eine Klasse für sich. Und im Gegensatz zu vielen anderen Häusern hier, in denen Schremser und Zwettler Bier state of the art sind, steht beim Oppolzer auch der eine oder andere gute Blaufränkisch parat.

Nächste Woche: Litschauer Leberkäse und ­Österreichs nördlichstes Gasthaus

Gasthaus Böhm
Leopoldsorf 35, 3863 Reingers

Gasthaus Uitz
Reingers 13, 3863 Reingers, Tel: 02863/82070
www.uitz.co.ac.at

Gasthaus Oppolzer
Schandachen 4, 3874 Litschau, Tel.: 02865/252
www.gasthaus-oppolzer.at

klaus.kamolz@profil.at