<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Die zehn Kellergebote

Eine der besten Weinkarten Österreichs liegt in der Wiener Vorstadt auf.

Da draußen im dritten Hieb, wo einst spätere Bundespräsidenten und Jazzmusiker in ihrer halbstarken Lebensphase die Landstraße unsicher machten, ist es an Sommerabenden ziemlich ruhig. Hier beginnt die Wiener Vorstadt, hier herrscht kulinarisch tote Hose. Aber so was von. Okay, ein paar Pizzerien gibt es, die nachts auch ausliefern. Reinhard Zarbach wohnt gegenüber einer solchen, blickt mitunter zum Fenster hinaus, denkt sich, um das Lokal wäre es doch eigentlich schade. Und übernimmt es. Seit ein paar Monaten gibt es dort etwas, was man an der Grenze zur Peripherie nie vermutet hätte: ein leidlich satisfaktionsfähiges Restaurant mit einer der besten Weinkarten des Landes. Zarbach ist eigentlich Weinhändler und verfügt in Seiterndorf im Waldviertel über ein Gasthaus und einen gigantischen Keller. An die vier Millionen Euro, sagt der Gastronom, sind dort gebunkert, und einen nicht unerheblichen Teil davon transferiert er neuerdings regelmäßig nach Wien in sein Restaurant „Landstein filet & wine“.

Ich würde gerne mal die komplette Karte durchblättern, sage ich im Gastgarten, rechne mit einem durchaus respektablen Wälzer und bekomme ein paar Minuten später einen Stoß lederner Mappen auf den Tisch gewuchtet, der mich – hätte ich die zehn Folianten genau studiert – auch nach Redaktionsschluss noch überfordern würde. Das liegt daran, dass die Hunderten Positionen nach Winzern geordnet sind, weshalb sich die Suche nach den derzeit in bester Verfassung befindlichen Veltlinern, Rieslingen, Blau­fränkischen und Cuvées ziemlich herausfordernd gestaltet. Dennoch wähne ich mich dem Himmel nahe. Bin ich Moses, der gerade die zehn Kellergebote geschickt bekommen hat? Es geht los mit eineinhalb Seiten Paul Achs bis zurück ins Jahr 1999, Gernot Heinrich füllt zwei Seiten, eine halbe davon nimmt die Vertikale des legendären Blaufränkisch Salzberg aus den Jahren 1999 bis 2009 ein. F. X. Pichlers M und sein Unendlich? Josef Umathums Hallebühl? Ernst Triebaumers Mariental? Der Goldberg der Prielers? Herrn Knolls Schütt-Kollektion? Die großen Steirer von Sabathi, Tement, Polz oder Neumeister? Die Aufsteiger der Blaufränkisch-filigran-Fraktion? Uff, alles da, manches bis zum Jahrgang 1997. Und wenn es aus Platzgründen nicht da ist, sagt der Chef, man möge doch die PDF-Karte auf der Website studieren, dann kann er es in ein, zwei Tagen aus dem Waldviertel besorgen. (Im Übrigen ist die internationale Auswahl ebenfalls beeindruckend.) Nun gut, der Abend wird lang: Sauvignon blanc Hochgrassnitzberg 2007 von Polz, Goldberg 2005 von Prieler und Triebaumers Mariental 1999. Ich hätte in einer Vinothek mehr dafür bezahlt.

Dann aber holt mich das Essen wieder auf die Erde zurück. Es ist nicht aufregend: das Carpaccio mit grünem Spargel und Grana Padano sowie die Pasta mit Steinpilzen passable Begleiter zum Weißen; die Lammracks und das Filetsteak ordentlich gemacht, aber mit den Speckfisolen schultern sie die alten tanninreichen Herren aus dem Burgenland ohne Mühe.

Drinnen im Restaurant ist es leer, der DJ lässt es trotzdem krachen. Mit stringenten Konzepten hat Reinhard Zarbach nicht viel am Hut. Die Musik ist hier deshalb so laut, weil der Wirt früher auch den Klub im Palais Kinsky bespielt hat: „Und da hab ich mir gedacht: Warum soll ich die Anlage jetzt verstauben lassen?“ Nein, eh nicht. Aber ich bin wegen dieser alten Flaschen hier.
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Landstein
filet & wine
Landstraßer Hauptstraße 132, 1030 Wien

Tel.: 01/713 01 08
www.landstein.at
So. geschlossen
Hauptgerichte: 10 bis 19 Euro

klaus.kamolz@profil.at