<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Gemütliche Ecken

Wild und Wein zwischen den Brücken.

Draußen pfeift jetzt der Herbstwind, und der Altwarentandler lässt rumpelnd die Rollläden herunter, als wollte er die schnelle, ums Eck brausende Luft übertönen. Ein junger Herr steht schwankend vor der Gehsteigkante und überlegt, gut abgefüllt vom Branntweiner ums Eck, wie er diese Eiger-Nordwand bezwingen könnte. Irgendwie schafft er es doch zum Wirten am Eck, verschwindet durch die Tür und wird eine Minute später vom Kellner wieder hinauskomplimentiert. Ja, die Ecken der Vorstadt, die sind bisweilen doch kantig. Wer sie ein wenig abschleifen möchte, nennt sein Beisl in solchen Peripherien gerne „Zum g’miatlichn Eck“.

Ein solches gab es bis vor einiger Zeit auch in der Wiener Brigittenau. Jetzt ist dort, wo gerade eben der junge Schwankende ein- und rasch wieder ausgetreten war, der „Zwischenbrückenwirt“ eingezogen. Der Zwischenbrückenwirt heißt Günther Szigeti und ist unter Beisl-Afficionados längst kein Unbekannter mehr. Er betrieb zwei „Schwarze Katzen“ am anderen Ende der Stadt, dann mag er das Vertrauen in den namensgebenden, nicht gerade als Glücksbringer verschrienen Stubentiger verloren haben und nannte sein drittes Wirtshaus „Feles“. Szigeti ließ sich dort auf einen Rabatt-Deal mit Gutscheinen ein und wurde von Häppchenjägern geradezu legal geplündert.

Er hat deshalb nicht aufgegeben. Und kocht jetzt in einem schwer auffrischungsbedürftigen Eckbeisl teilweise wirklich wunderbare Gerichte. Jedenfalls so gute, dass man das Interieur in Kauf nimmt: den rosagrauen Fliesenboden, die schrecklich bunten Bankbezüge, die Weinhaus-Wagenräderlampen. Oh mein Gott! Aber wer bei den Preisen überhaupt noch an Rabatte denkt, der nimmt sowieso jedes Mandat an.
Ich bevorzuge das letzte Zimmer hinten; das ist okay, das ist dunkel holzgetäfelt, eher schlicht gehalten, jedenfalls satisfaktionsfähig. Ein fein abgeschmecktes Beef Tatar kommt, dann eine kräftige, in weißen Speck gewickelte Entenleberpastete mit fruchtigen, genau richtig safranisierten Apfelstücken. Und weil gerade Wildwochen sind, wird auch Wild gegessen. Wo kriegt man schon so etwas wie eine geröstete Hirschleber, dieses selten in die speisende Öffentlichkeit geratende Gustostück, das sich die Jägerschaft gerne selbst unter den Nagel reißt? Hier, und zwar bissfest (vielleicht einen Hauch zu durch) gegart und mit Mut würzig abgeschmeckt. Und dann noch das Reh als sogenanntes Zweierlei mit einer auf den Punkt rosa gegarten Keule und einem leider zu lange schon auf seinen Einsatz gewartet habenden, deshalb etwas trocken geratenen Ragout. Der wilde Pfeffer jedenfalls passt gut dazu.

Beeindruckend und die Anreise ins Land der kantigen Ecken zehnmal wert: die Weinkarte. Ich weiß nicht, ob ich die Vielfalt der heimischen Spitzenweine, von denen es längst nicht nur die aktuellen Jahrgänge gibt, anderswo schon zu solchen Preisen gesehen habe. Das muss man ausnützen. Und deshalb stehe ich jetzt auch im Eck an der Gehsteigkante und blicke hinab in den Canyon der Vorstadt. Junge, man kann auch wissen, wo man hingehört, wenn man zwischen zwei Brücken landet.

Zwischenbrückenwirt
Treustraße 27, 1200 Wien
Tel.: 01/333 10 62
Sa, So geschlossen
Hauptgerichte: 6,90 bis 19,50 Euro

klaus.kamolz@profil.at