<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Geschichten aus dem Wienerwald

Die Gasthäuser „Pöschl" und „Immervoll" - ein Treatment für die liebe Familie

Es kursieren ja Meinungen in der beislaffinen Gemeinde Wiens, die den Schluss zulassen, dass niemand Geringerer als Anna Netrebko schuld an dieser Kolumne ist. Die zu beschreibende Gemengelage, in der drei Gasthäuser eine tragende – obwohl der Ausdruck nicht gerade treffend ist – Rolle spielen, nahm ihren Ausgang Anfang 2010.

1. Szene. Wien, Weihburggasse. In einem altehrwürdigen und denkmalgeschützten Innenstadthaus spielen plötzlich ein paar tragende Säulen und Mauern nicht mehr mit. Zu ebener Erde ebenda befindet sich das „Gasthaus Immervoll“, hoch oben im letzten Stock eine Wohnung, die die Diva erworben und zum Umbau freigegeben hatte. Ob tatsächlich diese Bauarbeiten das Haus in Schieflage brachten, ist jedoch nicht erwiesen. Eines Tages jedenfalls muss Küchenchef Siegfried Immervoll, Geschäftspartner des Schauspielers Hanno Pöschl, umgehend seine Küche räumen, das Haus wird evakuiert. Immervoll verlässt Pöschl und zieht in den Wiener Wald. Pöschl tauft, nachdem er das Gemäuer wieder betreten darf, das „Gasthaus Immervoll“ in „Gasthaus Pöschl“ um, lässt aber kulinarisch alles beim Alten.

2. Szene. Inzwischen in Wien-Währing. Der Wirt Günther Szigeti, Betreiber der „Schwarzen Katze“, lässt sich auf eine Rabatt-Aktion mit DailyDeal ein, wird von Schnäppchenjägern überrannt und muss, während er billiges Essen unter den Kosten für den Wareneinsatz verkauft, zusehen, wie draußen im Saal die alten Stammgäste gegen die Coupon-Einschneider in einen kalten Krieg ziehen. Kurz vor der Pleite zieht er die Reißleine und sperrt zu.

3. Szene. Wiener Wald. Siegfried Immervoll mag schon nach kurzer Zeit nicht mehr auf dem Land kochen, sperrt das „Immervoll“ Nr. 2 zu und eröffnet in der ehemaligen „Schwarzen Katze“ „Immervoll“ Nr. 3.

4. Szene. Essen im „Gasthaus Pöschl“, November 2012. Smartes Servicepersonal, quirlige Stimmung. Das Gasthaus ist atmosphärisch immer noch ein Juwel, das Essen, nun ja, durchwachsen. Eine ziemlich runde Sache ist das gebackene Kürbiskernei mit Gemüsemayonnaise. Damit, das Ei orthodox, also noch halbwegs weich, an den Tisch zu bringen, was präzises Vorgehen voraussetzte, hält sich hier im Küchenstress niemand auf. Beim Wiener Schnitzel drängt sich die Panier ein wenig in den Vordergrund, das Reisfleisch ist eh ein Klassiker und passt. Und das geschmorte Kalbsschulterscherzel ist ein ziemlicher Patzer. Wenn man einen anämischen Schmorfond noch mit Mehl oder Pfeilwurz oder was weiß ich retten will, sieht das aus wie Kantinenessen in einer Bundesheerkaserne und schmeckt auch so.

5. Szene. Kleines Abendessen im „Gasthaus Immervoll“, Währing. Es fängt gut an – mit einem guten gebackenen Kalbskopf und einem der besten Erdäpfel-Mayonnaise-Salate der Stadt; perfekt zwischen süß-sauer ausbalanciert, dazu noch geeignete Erdäpfel. Damit hätte man es belassen können. Denn die gebratene Gänsekeule mit Knödeln und Rotkraut ist das Pendant zum Pöschl’schen Schulterscherzel – eine totale Niederlage, nahezu verkohlt und zäh wie Leder. Die Weinkarte ist ziemlich dürftig, und der vernünftige Posten, der mir gefallen hätte, leider aus.
Die Döblinger Regimenter aber, hier in einer selten gesehenen Dichte vorhanden, stören sich daran nicht unbedingt; die schwärmen auch vom Kalterersee als bestem Wein, den sie je getrunken haben. Wenn der ORF je daran denken sollte, „Die liebe Familie“ zu reanimieren – hier sitzt das komplette Ensemble und motzt nasal bei Ledergans über die Währinger Parkpickerlmisere.

Sie sollten lieber das Stück aufführen, das mit der berühmten Opernsängerin beginnt, die in der Stadt beinahe ein Haus zum Einsturz brachte. Franzl, hast scho g’hört … Und zum Schluss treffen sich alle wieder bei der Netrebko.

Gasthaus Pöschl
Weihburggasse 17, 1010 Wien
Tel.: 01/513 52 88
Hauptgerichte: 8,80 bis 18,90 Euro

Gasthaus Immervoll
Bischof-Faber-Platz 8, 1180 Wien
Tel.: 01/804 07 31
www.gasthaus-immervoll.at

klaus.kamolz@profil.at