<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Le Bistro n’existe pas

Das Wiener "Beaulieu“ - ein eher zweifelhafter Franko-Klon.

Wer bin ich, den Kollegen aus der Vorhut zu widersprechen? Denen zum Beispiel, die angesichts eines weiteren Versuchs, französische Bistroküche in Wien zu etablieren, dezent zu speicheln beginnen und sich dann irgendwo wiederfinden, wo es in der Tat aussieht wie in einer Allerwelstnobeleinkaufspassage mit den Allerweltsgourmandisen und dem Allerweltsbegriff von Frankophilie auf der Speisekarte. Gut, das Bistro "Beaulieu“ mit Feinkostladen befindet sich in der Passage des Palais Ferstel in unmittelbarer Nachbarschaft einer exaltiert freakigen Schokoladenboutique und eines hingebungsvollen französischen Olivenölauskenners - weit und breit keine Billigparfümerie, aus der es riecht, dass einem Speis und Trank ohnehin vergeht. Dennoch, ein authentisches Bistro passt hier so gut her wie Hallstatt in die Provinz Guangdong, wo es die Chinesen gerade nachbauen.

Das sagt natürlich noch nichts über die Küche aus; so etwas könnte für die Freunde der französischen Küche zum Geheimtipp werden. Kachelboden, Bistrotische, schwarz-weiße Stills aus dem französischen Kinoschaffen - und oben eine Galerie, die eine recht kurzweilige Aussicht auf den Trubel im unteren Bistro- und Ladenbereich liefert. Gefährlich ist bloß der Abstand zwischen den Geländerstäben, da passen nämlich die Wasserkaraffen und die Weißweingläser durch, was angesichts der Grundfläche eines Pariser Beisltisches die akribische Verwaltung all dessen voraussetzt, was da so herangetragen wird.

Lassen wir also herantragen: drei Gillardeau-Austern, bei denen man annimmt, dass nichts falsch gemacht werden kann. Doch, es geht. In diesem Ambiente, in dem noch dazu die warme Luft in die Galerie hochsteigt, grenzt es an Unverantwortlichkeit, diese ohne Eisbett zu servieren; sie kommen nahezu schon bei Zimmertemperatur. Die Quiche des Tages ist gerade bärlauchdominiert, geschmacklich einigermaßen rund, aber in der Konsistenz seltsam breiig, der Loup de mer ein auf die heiße Platte geworfener Fisch mit einem lieblos auf den Teller geklatschten Haufen Fenchel-Paradeiser-Gemüse, das vermutlich den lieben langen Tag in einem warmen Topf in der Küche auf seinen Einsatz wartet. In diesem kulinarischen Fegefeuer musste wohl auch die Bouillabaisse mit viel zu weichem Fisch und Gemüse ausharren. Und dann sind da noch die Kaisergranate mit Dijonsenfmayonnaise - eine Kostbarkeit, die mir eigentlich freudige Tränen der Erwartung in die Augen treibt, wenn Pathos kurz einmal gestattet ist. Aber die Krustentiere sind heillos zerkocht; aus den aufgebrochenen Schwänzen lässt sich nur noch Mus extrahieren; und es ist, aufgrund der olfaktorischen Begleitung, nicht auszuschließen, dass da jemand in der Küche auf Nummer sicher gehen und die Dinger wirklich kompromisslos durchgaren wollte. Schade auch um die Auswahl an Tartes; deren Beläge (au citron, aux pommes, aux poires) sind durchaus satisfaktionsfähig, aber nachdem sie als kleine runde Portionstörtchen gebacken wurden, bleibt nur der Geschmack einer Überdosis Mürbteig in Erinnerung.

Was bleibt sonst? Dass ich mir vielleicht einmal ein Stück Beurre d’Isigny vom Fass holen werde. Sonst leider nicht viel.

Beaulieu
Herrengasse 14/Ferstelpassage, 1010 Wien
Tel.: 01/532 11 03
So. geschlossen
Hauptgerichte: 11,60 bis 24 Euro

klaus.kamolz@profil.at