<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Liebes Burgenland!

Ein Brief zum 90. Geburtstag.

Als ich dich Anfang der siebziger Jahre zum ersten Mal sah, saß ich auf dem Erlebnisspielplatz beim Steinbruch St. Margarethen auf einem Esel, der arm und dumm um einen Ziehbrunnen (vermutlich aus Plastik) trottete, und hörte von dem jungen Mann, der das Tier führte, das sei so ziemlich das Aufregendste, was man im Burgenland erleben könne; er wollte mich wohl beeindrucken, und ich wusste damals noch nicht, dass er eigentlich Recht hatte. Danach schleppten mich meine Eltern zum Essen, und zwar in eine Csárdás-Stube in der Nähe von Mörbisch, wo ein Primas das Requiem für einen unter Letscho begrabenen Karpfen geigte. In meiner Erinnerung hätte der Kellner, der den muffigen Fisch auftrug, lieber in einem ungarischen Gulag geschmort, als uns zu bedienen. Was den Wein betraf, den ich damals natürlich noch nicht trank, klärte mich erst dieser Tage ein altgedienter pannonischer Winzer auf: "Den hamma g’macht, damit die Getreideerntehelfer in der Pause was zum Saufen haben.“

Nun ja, später habt ihr den Wein auch "gemacht“, damit die touristischen Pelzzungen nicht auf die Süße am Gaumen verzichten müssen - nicht alle Winzer waren so, ein paar, und aus heutiger Sicht müsste man sie mit Orden behängen, weil sie im Grunde nichts anderes getan haben, als in Bauernmanier die Wiesen anzuzünden, damit auf ihnen Besseres nachwächst.

Liebes Burgenland, was ist aus dir seither geworden? Hast du dich eigentlich ausreichend bedankt bei all denen, die mich meine ersten Kindheitserinnerungen an den pannonischen Kitsch beinahe vergessen haben lassen? Deretwegen ich heute Wochenende um Wochenende fast schon magisch von dir angezogen werde? Bei Ernst Triebaumer, der in der Stunde null des burgenländischen Weinbaus mit seinem Blaufränkisch Mariental 1986 daherkam, von dem heute noch geschwärmt wird? Bei den Eselböcks, deren "Taubenkobel“ mit großer Küche und weltläufigem Ambiente tiefe Spurrinnen in der Straße nach Schützen zu verantworten hat? Bei Josef Lentsch vom "Gasthaus zur Dankbarkeit“, der wie ein Blöder durchs Land zog, um andere Gastronomen und Produzenten davon zu überzeugen, dass hier auf eigenständige Art Großes möglich ist - wie in der Toskana oder im Burgund? Bei Erich Stekovics und seinen 1001 Paradeisern? Oh ja, und bei Alois Kracher natürlich, der viel zu früh gegangen ist, der mit seinen international ausgezeichneten Süßweinen oft sogar Château d’Yquem die Rücklichter gezeigt und das schwedische Königspaar zu einem unprotokollarischen Abstecher in sein Illmitzer Weingut bewogen hat?

Vielleicht habe ich eine selektive Wahrnehmung und berücksichtige die nicht kulinarische Wirtschaft zu wenig. Aber es sind Menschen wie diese - und die Liste ließe sich seitenweise fortsetzen -, die den Grundstein dafür legten, dass der Herr Krassnitzer den "Winzerkönig“ bei dir gab und nicht anderswo, worüber du dich ja auch nicht gerade beklagen wirst. Erst vor Kurzem saß ich im Weingut Prieler, wollte Wein kosten und kaufen, und dann ging Tochter Sylvia Prieler in den Keller und kam mit ein paar Flaschen "Goldberg“ zurück, damit ich die Unterschiede zwischen den kälteren und wärmeren Jahrgängen dieses Ausnahme-Blaufränkisch erschmecken möge. Mir fiel dabei ein, dass ein Wachauer Starwinzer in dieser Situation vielleicht längst mit den Fingern auf den Tisch getrommelt hätte, um diskret zu signalisieren, dass jetzt genug verkostet sei und ich endlich zahlen und gehen möge.

Ja, deine Bewohner sind mir ans Herz gewachsen; längst auch die nächste Generation: die jungen Winzer und Winzerinnen und Köchinnen und Köche bis in die entlegensten deiner Winkel: Max Stiegl vom Gut Purbach zum Beispiel oder Uwe Schiefer, Winzer aus Welgersdorf. Von einem dieser jungen vielen bekommst du nächste Woche das diesjährige Weihnachtsmenü serviert. Er heißt Jürgen Csencsits, hat vor Jahren mal die Küche im "Taubenkobel“ geschupft und sich jetzt in Harmisch ganz unten im Süden selbstständig gemacht. Schön für dich, dass er bei dir geblieben ist. Alles Gute, Burgenland. Mach weiter so.

klaus.kamolz@profil.at