<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Lou Reed bei Tisch: Looking for soulfood …

… and a place to eat.* Lou Reed (1942-2013) bei Tisch.

Zugegeben, ein Godfather of Punk mit einem Gesicht, in dem sich die Geschichte des Rock ’n’ Roll in all ihren Höhen und Tiefen abzeichnet, ist eigentlich kein Fall für diese Seite. Aber wir haben hier auch schon Bob Dylans Ernährungsgewohnheiten durchgekaut, und Lou Reed ist jedenfalls einen kulinarischen Nachruf wert (nicht zuletzt, um in New York auf seinen Spuren wandeln zu können). Junk und Fusel waren seine Sache zumindest in späteren Jahren nicht; das lag auch daran, dass er - wohl seinem früheren Leben gezollt - ziemlich genau auf seine Ernährung achten musste. Und freudlos sollte das ja auch nicht abgehen. Also waren auch seine Ernährungsberater New Yorks prominenteste Chefs.

Ananas Wunderdroge für den an Diabetes leidenden Lou Reed. Der New Yorker Starkoch -> David Bouley servierte dem Rockstar einmal ein ungezuckertes Soufflé aus Ananas und Pistazien mit der Zusicherung, dies würde einem Diabetiker keineswegs schaden. Reed aß es, kontrollierte danach aber sofort seine Blutzuckerwerte. Das Resultat: Sie hatten sich sogar deutlich verbessert. Und Reed bestellte ein zweites Soufflé.

Banane Tropische Frucht und Cover des ersten Albums von Lou Reeds Band "The Velvet Underground“. Die gelbe Pop-Art-Banane schuf Andy Warhol, der sie seinen Schützlingen auch auf die Schutzhülle drückte. In der Originalausgabe war die gelbe Schale abziehbar, darunter erschien ein rosa-oranges Gebilde, das durchaus als das gesehen werden darf, was Warhol im Sinn hatte.

Bouley, David Nicht nur ein berühmter Chef, sondern seit den 1980er-Jahren auch ein guter Bekannter von Lou Reed - und sein Ernährungsberater. In seinem japanischen Restaurant "Ichimura at Brushstroke“ ( www.davidbouley.com) ließ er für Reed eigene Menüs entwickeln.

Bourdain, Anthony New Yorker Koch, Enfant terrible der kulinarischen Szene, Weltreisender in Sachen kulinarische TV-Reportagen, Buchautor mit gnadenlos brillantem Stil. Kurzum, der Nickname passt: "Lou Reed of food“.

EN Japanese Brasserie Stamm-Japaner des Rockstars im New Yorker West Village und Caterer für Reeds Privatwohnung. Für Entdeckungsreisende in Lou Reeds New York: www.enjb.com.

Kuzu Diabetikerverträgliches Bindemittel und Gelatineersatz aus der japanischen Kudzupflanze. Reed versicherte sich bei Parfaits und anderen Desserts stets, ob sie auch damit - und mit nichts sonst - gebunden seien. Sein Lieblingsparfait war übrigens eines von -> Bouley: Es bestand nur aus Zitrussäften, Lychee und Kuzu. "You’re crossing over to the wild side“, sagte der Chef einmal zu Reed, als der nicht nur eines, sondern zwei bestellte.

Pizza Lou Reeds große kulinarische Schwäche. Seine Lieblingspizzerie: die Kantine des Experience Music Project in Seattle und das holzofenbefeuerte "Totonno’s“ in Coney Island, dessen Baseballkappe Reed öfter auch in der Öffentlichkeit trug. "Totonno’s“ wird auch im Song "Egg Cream“ auf dem Album "Set The Twilight Reeling“ erwähnt.

Tischmanieren Trotz seines Rufes als ziemlich Schwieriger ist nur ein Auszucker bei Tisch überliefert, aber der hatte es in sich. Es war ein Abendessen 1979 in Knightsbridge, London. Reed saß tief mit David Bowie ins Gespräch vertieft, als er plötzlich aufsprang, den Thin White Duke am Hemd fasste, ihm mit der anderen Hand ein paar Ohrfeigen versetzte und ihn über den Tisch schleuderte. Bowie lag in zerbrochenen Tellern und verstreuten Speisen, Reed schrie: "Sag das ja nicht nochmal!“ Aber was? Augenzeuge Allan Jones, Chefredakteur des Musikmagazins "Uncut“, fragte Bowie, erhielt aber keine Antwort. Vermutet wird seither, dass Bowie leise Kritik an der Setlist von Reeds Konzert vor dem Dinner geübt hatte.

Tour-Rider Rider sind Künstlerlisten, in denen Anforderungen für Technik, Backstage-Beschäftigungen oder auch Speisen angeführt werden. Lou Reeds Catering-Rider für Tourneen war so akribisch wie kaum ein anderer - nicht aus Exzentrik, sondern wegen seiner Gesundheitsprobleme. Hier das Faksimile für eine gemeinsame Tournee mit seiner Frau Laurie Anderson:

Veltliner, Grüner "I love your Grooners.“ Österreichs Weinmarketing-Chef Willi Klinger ist stolz auf diesen Satz, vor allem aber darauf, dass er aus berühmtem Munde kam. Lou Reed sagte ihn, als die beiden einander im New Yorker Restaurant -> Wallsé trafen. Etwas verstörend wirkt allerdings, was der deutsche Sommelier Sebastian Bordthäuser zu berichten hat: Reed war einmal später Gast in seinem Restaurant "Zur Alten Post“ in Bad Neuenahr und wollte Weißweinschorle mit Veltliner trinken. Zum Aufspritzen bestellte er Fred Loimers Langenloiser Spiegel Kamptal Reserve 2008. Natürlich brachte Bordthäuser den eleganten Tropfen. Leise geweint hat er dabei aber vermutlich schon.

Wallsé Renommiertes New Yorker Restaurant des Österreichers Kurt Gutenbrunner und Veltliner-Hangout von Lou Reed, der in der Nähe wohnte. Gutenbrunner definiert seine der Urbanität Manhattans angepasste Wiener Küche übrigens so: "Halb Mozart, halb Lou Reed“.

* Lou Reed: Walk On The Wild Side (Album: Transformer, 1972)

klaus.kamolz@profil.at