<i><small>eatdrink von Klaus Kamolz</small></i>
Ran ans Gemüse

Über ein bemerkenswertes Dessert-­Kochbuch aus Frankreich.

An was erinnert mich die junge Dame bloß? Ach ja, an Kevin Spaceys laszive, ins blutrote Blütenblätterbad drapierte Versuchung aus dem Film „American Beauty“. Oder an die gothic-romantische Leiche aus dem Musikvideo „Where the Wild Roses Grow“ von Nick Cave und Kylie Minogue, die zwischen Blumen und Seerosenblättern im Biotop aufgebahrt ist. Julie Andrieu geht die Sache bloß ein wenig kulinarischer an. Wie Gott sie
in Frankreich schuf, liegt sie neckisch, bedeckt nur von herabfallenden Kohlblättern, da. Auf anderen Bildern lässt sie sich von hauchdünnen Karottenscheiben beregnen oder beißt herzhaft in eine Stange Sellerie, ihre mit Staubzucker gepuderte Gesichtshälfte der Kamera zugewandt. Die 28-Jährige ist in ihrer Heimat keine Unbekannte, man könnte sagen, sie ist eine Art Nigella Lawson oder, von mir aus, Sarah Wiener für Franzosen (und das habe ich jetzt absichtlich nicht gegendert). Seit 1999 schreibt Andrieu Kochbücher, tritt regelmäßig im Fernsehen auf und macht sich für gutes Essen und qualitätvolle Lebensmittel stark.

Soeben hat sie ein bemerkenswertes kleines Kochbuch mit bloß 30 Rezepten geschrieben, das ich mir sofort im Internet bestellt habe. „Les insolites de Julie“ erfindet das Küchengenre, in dem das Buch antritt, nicht neu. Es geht um Desserts mit Gemüse, davon gibt es mittlerweile genug, man denke an die unzähligen Kuchen mit Karotten oder Kürbis, an Eis aus Spargel, an süß confierte Paradeiser und vieles mehr. Andrieu aber spielt auf ebenso kreative wie anmutige Art mit all den Zutaten.

Herausgekommen sind dabei zeitgemäße und erfrischend originelle Abwandlungen französischer Küchenklassiker. Die Kohlblätter, mit denen sie sich auf den Bildern bedecken lässt, dienen zum Beispiel als Backformen für ein mit Äpfeln gespicktes Clafoutis; Beignets zum Ausbacken versetzt sie mit Erdäpfeln und kandierten Früchten oder mit jungem Blattspinat; und ihre Tarte Tatin, die berühmte verkehrt zu backende Torte der Schwestern Tatin, enthält statt Äpfeln mit Vanille aromatisierte Auberginen.
Da muss man natürlich die Probe aufs Exempel machen. Geht sich das alles, obwohl extrem verführerisch fotografiert, küchentechnisch und geschmacklich auch aus? Meine Wahl fällt, auch weil jetzt Sommer ist und mir die Sache besonders erfrischend erscheint, auf die französische Rezeptikone Ratatouille. Und jetzt stehe ich in der Küche und würfle akribisch (ein Zentimeter Kantenlänge ist vorgegeben) neun verschiedene Früchte und Gemüse. Nach gut einer Stunde ist das Ratatouille de fruits et légumes à la vanille fertig. Dann trage ich das Dessert zu Tisch, wo schon der unerbittliche Anton Ego wartet, um die Nachspeise durch Sonne und Mond zu schießen. Gespannt sehe ich ihm zu und hoffe, er kriegt dieses Flashback in die Tage seiner Jugend, als ihn das Ratatouille von Frau Maman für immer verzauberte. Aber Ego existiert nur in meinem Kopf, und ich bin auch keine Ratte. Trotzdem: Julie Andrieus Kreation hat den Test bestanden. Als Nächstes nehme ich mir das Crumble mit confierten Paradeisern und Himbeeren vor.

klaus.kamolz@profil.at