Klima. Gewitter, Hagel und Stürme

Gewitter, Hagel, Stürme – viele Menschen meinen, es habe noch nie eine derartige Anhäufung von Extremereignissen gegeben wie in den vergangenen Monaten. Stimmt das?

Rosa Mandl aus Jeging bei Munderfing im oberösterreichischen Bezirk Braunau ist immer noch geschockt. „Es war der reinste Weltuntergang“, sagt sie. Beim Unwetter am vorvergangenen Samstag habe es „taubeneiergroße Hagelkörner gegeben und dann erst der Wind. Von unserem Nussbaum fehlen jetzt zwei riesige Äste, und in Munderfing hat es mehrere Dachstühle abgedeckt.“ Bürgermeister Martin Voggenberger bestätigt: „Die Stimmung hier war wirklich welt­untergangsmäßig.“

In vielen Teilen Österreichs sind derzeit ähnliche Statements über die Unwetter der vergangenen Wochen zu hören. Tenor: „So was haben wir noch nie erlebt.“ Selbst viele alte Leute können sich nicht erinnern, Gewitter, Hagel, Regengüsse, Überschwemmungen, Muren und Stürme von derartigem Ausmaß erlebt zu haben. Auch die Aussagen von Feuerwehrleuten klingen nicht viel anders: Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse hätten insbesondere in den vergangen zwei, drei Jahren erkennbar zugenommen.
Lässt sich dieser Befund wissenschaftlich objektivieren?

Tatsächlich deutet einiges auf eine Häufung von Extremereignissen hin: Vor allem die orkanartigen Stürme „Kyrill“ (18. Jänner 2007), „Paula“ (27. und 28. Jänner 2008) und „Emma“ (1. und 2. März 2008) und ihr Auftreten innerhalb von 14 Monaten mussten diesen Eindruck vermitteln. Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Wiener Universität für Bodenkultur hat wiederholt darauf hingewiesen, dass der mit dem Klimawandel einhergehende Erwärmungstrend nahezu zwangsläufig zu extremeren Wettersituationen führen müsse.

Da sich aber der Erwärmungstrend erst in den vergangenen 20 Jahren deutlicher bemerkbar macht, sind die Messreihen noch zu kurz, um schon verlässliche Aussagen treffen zu können. Ein sicherer Indikator für das Auftreten und die Intensität von Gewittern ist die Blitzhäufigkeit. Das Blitzortungssystem Aldis registriert in Österreich alle Blitze in einem Raster von zehn mal zehn Kilometern. Mithilfe der aktuellen Statistik lässt sich die Blitzhäufigkeit nach Jahren und Bundesländern vergleichen.

Ein Blick auf die unter www.aldis.at („Blitzstatistik“) präsentierten Daten zeigt, dass das Jahr 2008 bisher zwar zu den stärkeren Gewitterjahren zählt, aber bei weitem nicht so stark ausfällt, wie es der subjektive Eindruck von Betroffenen oder unmittelbar Beteiligten erwarten ­lässt. Von 1. Jänner bis 17. Juli 2008, null Uhr, zählte das System österreichweit 126.573 Blitze. Damit belegt das heurige Jahr bisher den fünften Platz nach den Jahren 2006 (201.051 Blitze), 2007 (157.323), 1993 (132.579) und 2003 (131.039). Aber dass sich drei der stärksten Gewitterjahre auf die vergangenen Jahre konzentrieren, mag den subjektiven Eindruck, dass sich Extremgewitter in letzter Zeit häufen, untermauern. Für den Klimaforscher Otto Svabik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik auf der Wiener Hohen Warte sind das allerdings keineswegs sichere Belege dafür, dass Häufigkeit und Intensität von extremen Wetterereignissen zunehmen. Im Gegenteil: „Was es heute an Extremereignissen gibt, ist harmlos gegen das, was es in den fünfziger und sechziger Jahren gegeben hat“ (siehe Interview auf Seite 92). Svabik sammelt alte Wetterchroniken und arbeitet derzeit an einer Aufstellung der seit 1951 aufgetretenen Katas­trophenwetterlagen.

Viele Tote. Wer beispielsweise die Chronik der Jahre 1965 und 1966 liest, muss tatsächlich zu dem Schluss kommen, dass es in früheren Zeiten auch schon einmal ärger war als heute. Tagelange Regenfälle hatten Anfang September 1965 in Osttirol und Kärnten zu einer Hochwasserkatas­trophe geführt, „die in ähnlicher Größenordnung seit 1882 nicht mehr vorgekommen war“, heißt es dort. Allein in Osttirol starben durch Wasser und Muren zehn Menschen. Eine Kirche, eine Kapelle und 30 Häuser sowie Straßen, Brücken und Bahnanlagen wurden zerstört, 1200 Hektar Wiesen und Ackerboden vermurt. Große Teile Osttirols und Oberkärntens glichen einem einzigen See, westlich von Villach gab es kaum noch eine passierbare Straße oder Bahnverbindung. Tausende Bewohner und Urlauber warteten darauf, mit Hubschraubern aus dem Katastrophengebiet ausgeflogen zu werden. Die Schäden wurden auf eine Milliarde Schilling geschätzt, etwa so viel wie heute eine Milliarde Euro.

Schon im Jahr darauf, im August 1966 , sollte eine neuerliche Hochwasserkatastrophe die Ereignisse des vorangegangenen Jahres noch weit übertreffen. Aber diesmal betraf das Extremszenario nicht nur Osttirol und Oberkärnten, sondern auch Salzburg, Steiermark, Niederösterreich und das Burgenland. Insgesamt starben durch das Hochwasser 23 Menschen. Osttirol war von der Außenwelt völlig abgeschnitten. In Oberkärnten waren alle Straßen mit Ausnahme der Verbindung Villach–Spittal überflutet. Die Schäden waren noch weit größer als im Jahr davor. „Die Menschen sind sehr vergesslich“, urteilt Ernest Rudel, Chef der Klimaabteilung der Zentralanstalt auf der Hohen Warte. Unmittelbar Betroffene oder Menschen, welche die Naturgewalten aus nächs­ter Nähe miterleben, nähmen die Dinge naturgemäß anders wahr als Unbeteiligte, die eine Wetterkatastrophe nur im Fernsehen miterlebten. Häufig verblasse ein und dasselbe Ereignis in seiner wahrgenommenen Intensität schon im weniger betroffenen Nachbarort. So kann sich an den wahrscheinlich extremsten Niederschlag, den es je in Österreich gab, heute niemand mehr erinnern. Erstens ereignete er sich schon vor 50 Jahren, nämlich am 12. August 1958; zweitens im entlegenen steirischen Bergland; drittens wurde er durch keine Messstation registriert, sondern aus den verursachten Schäden rekonstruiert: Damals fielen laut Chronik pro Quadratmeter 500 Liter Regen. Heute gelten schon 70 Liter pro Tag als Extremniederschlag.

Aber diese 70 Liter haben in einer vielfach durch Straßen, Kanäle, Wohnbauten und Betriebe zugepflasterten Landschaft eine andere Wirkung als im freien Gelände: Das Wasser rinnt viel rascher ab. Und an den ungleich größeren Werten, die der Wohlstand angesammelt hat, zeigen sich gravierendere wetterbedingte Schäden als in einer unberührten Landschaft. Thomas Neuhauser, Pressesprecher des Landesfeuerwehrkommandos Niederösterreich, zitiert alte Feuerwehrleute mit dem Satz: „Früher gab es auch Starkregen – aber es war nicht so viel verbaut.“ Jüngere Wetterereignisse bleiben klarerweise ungleich tiefer im Gedächtnis haften als lange zurückliegende. Und tatsächlich häuften sich ja in den vergangenen Jahren die Wetterextreme: Auf das Jahrhunderthochwasser des Jahres 2002 folgte ein extrem heißer Sommer 2003 mit für jeden sichtbaren Dürreschäden und Ernteausfällen. Und zuletzt waren es die drei extremen Winterstürme, welche den Eindruck verstärken mussten, dass das Wetter immer ärger wird.

„Einzelne solche Ereignisse hat es immer gegeben , aber – und da sind sich alle Kollegen einig – nicht in dieser Häufung“, sagt Bernhard Schragl, Sprecher der Österreichischen Bundesforste. Durch den Orkan „Kyrill“ gingen im Jänner 2007 in Österreich sechs Millionen Festmeter Holz zu Bruch, in ganz Mitteleuropa waren es sogar 55 Millionen Festmeter. Der Orkansturm „Paula“ Ende Jänner dieses Jahres verursachte mit 6,3 Millionen Festmeter gefällter Bäume sogar noch größere Schäden. Die durch den Sturm „Emma“ Anfang März verursachten Windbrüche nahmen sich mit 1,9 Millionen Festmetern dagegen vergleichsweise harmlos aus. Allerdings weist Andreas Januskovecz, Forstchef der Stadt Wien, darauf hin, dass es in der Vergangenheit schon erheblich größere Schäden gab. Die Wiener Forstwirte betreuen nur ein Fünftel ihrer Waldfläche innerhalb der Wiener Stadtgrenzen, der Großteil liegt in den Quellschutzgebieten des Hochschwabs in der Steiermark, beziehungsweise im Bereich Rax und Schneeberg im südlichen Niederösterreich. „Wir waren in den letzten Jahren markant häufiger von Stürmen betroffen, aber die weitaus größten Schäden gab es in den siebziger Jahren“, sagt Januskovecz.

Den bisher größten Schaden verzeichneten die Wiener Forstwirte 1976 auf Rax und Schneeberg mit 220.000 Festmeter Holz, gefolgt von 110.000 Festmetern im Jahr 1977. Dagegen nehmen sich die durch „Kyrill“ im Bereich der außerstädtischen Forstgebiete der Stadt Wien verursachten 35.000 Festmeter Waldschäden („Paula“ und „Emma“: 15.000 Festmeter) vergleichsweise bescheiden aus. Friedrich Perner, Chef der Wiener Feuerwehr, wiederum meint, einige Ereignisse der letzten Jahre habe es früher in dieser Intensität nicht gegeben – zumindest nicht in seiner 30-jährigen Laufbahn. So etwa Sturmböen mit einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern. Eine solche warf im Juli des Vorjahres einen Baukran in der Wiener Innenstadt um, wobei der Kranführer getötet wurde. In der Shuttleworthstraße in Wien-Floridsdorf wurden, ebenfalls im Vorjahr, durch eine Windhose 30 Bäume gefällt. Und während des Europameisterschaftsspiels Deutschland – Türkei sprangen in der Hütteldorfer Straße durch den Starkregen plötzlich die Kanaldeckel auf, und zwei bis drei Meter hohe Fontänen schossen aus den Kanälen. „So etwas hat es nie zuvor gegeben“, sagt Perner.

Von Robert Buchacher; Mitarbeit: Laura Bronner, Irene Öhman