Knut und der Minister

Die gemeinsame Ausbildung der Lehrer – ein Beitrag zum wichtigsten Projekt dieser Regierung und eine Maßnahme gegen das größte Verbrechen an Österreichs Jugend.

Während Staatssekretär Reinhard Lopatka und Klub­obmann Josef Cap ihre Zeit mit der Kommentierung einer profil-Titelgeschichte über die Gefahren des Marathonlaufens verbrachten, waren in der vergangenen Woche immerhin zwei Regierungsmitglieder bereit, sich politischen Aufgaben zu widmen. Und wie sie das waren. Als Claudia Schmied und Johannes Hahn am Mittwoch vor die Presse traten, überraschten sie die Journalisten und mehr noch ihre eigenen Parteifunktionäre, im Besonderen jene der Volkspartei. Unterrichtsministerin und Wissenschaftsminister erklärten da, sie wollten die Ausbildung aller Lehrer vereinheitlichen, zusammenlegen also, der pädagogische Teil gehöre gemeinsam in die Pädagogischen Hochschulen und der inhaltliche, nach Fächern geordnet, an die Universitäten. Warum Überraschung? Darum: Einerseits gilt ein politischer Eingriff in das Ordnungssystem der österreichischen Lehrer als so gefährlich wie der Versuch, Eisbär Knut in Gegenwart seiner Mutter zu begrapschen. Das System ist weitgehend autonom, und es wird von Gewerkschaftern bewirtschaftet, die selbst Produkte ebendieses Systems sind.

Eines der hohen Hindernisse bei der Zusammenlegung von Hauptschule und Gymnasium-Unterstufe sind aber die Lehrer. So sehr Hauptschullehrer ein Upgrading als charmante Option empfänden, so wenig wünschen AHS-Lehrer, mit genau diesen in einen Topf geworfen zu werden. Der kleine Unterschied in großen Worten: die „Lehrer“ hier, die „Professoren“ da. Andererseits riecht es hier stark nach Ideologie. Denn von einer gemeinsamen Ausbildung des Personals zu einer gemeinsamen Mittelschule ist der Weg nicht weit. Bis vor Kurzem lief die gemeinsame Mittelschule noch unter dem Titel „Gesamtschule“, und sie verliert für die ÖVP auch unter der aktuellen Bezeichnung „neue Mittelschule“ wenig von dem Schrecken, den sie über Jahrzehnte ausgestrahlt hat. Die Gesamtschule, das ist die nivellierende Idee linker Fantasten und marxistischer Strategen, die das Individuum zugunsten des Kollektivs erdrücken wollen. Moskau mitten in der Mittelschule.

Ich schrieb hier vor einigen Monaten, dass ich die Bemühungen der Sozialdemokraten, eine Zusammenlegung von Hauptschule und AHS zu erreichen, für das wichtigste Vorhaben dieser Bundesregierung halte. Umgekehrt – und das hatte ich vor rund fünf Jahren geschrieben – empfinde ich die Aufteilung von Zehnjährigen in Hauptschüler und Gymnasiasten als das größte Verbrechen, das an der Jugend des Landes verübt wird. Diese Trennung erfolgt nämlich so gut wie nie nach Begabung oder Neigung, sondern fast immer nach der sozialen Herkunft der Schüler. Die Kinder von Akademikern und zu Wohlstand gekommenen Eltern dürfen sich im Gymnasium versuchen, die anderen landen in der Hauptschule. Die Trennung hat daher nichts mit der Förderung von Begabten zu tun, sie ist menschenverachtend und, in der Diktion der Volkspartei, unchristlich. Hinzu kommt: Selbst eine Aufteilung nach Begabung, die kaum umkehrbare Folgen für das gesamte Berufsleben und den sozialen Status eines Menschen hat, wäre bei Zehnjährigen maximaler Unsinn. Hinzu kommt: Ausnahmslos alle mir bekannten Experten finden die Aufteilung falsch und fordern eine Zusammenlegung – und zu ihnen gehören nicht wenige Wissenschafter, die klar dem konservativen Lager zuzurechnen sind.

Folgerichtig empfinde ich die Entwicklung der vergangenen Woche als einen Teil des „wichtigsten Vorhabens dieser Bundesregierung“, als eine Vorbedingung für die flächendeckende Einführung der gemeinsamen Mittelschule. Claudia Schmied ist dafür zu danken, dass sie ihr Projekt gegen den hinhaltenden Widerstand des Koalitionspartners konsequent verfolgt. Johannes Hahn aber ist ein Held, weil er sich klar gegen beharrende wie mächtige Kräfte seiner Partei positioniert hat, egal, ob er dabei mehr die Arrondierung seines Aufgabenbereichs durch die Pädagogischen Hochschulen im Auge hat, mehr die Effizienz des Ausbildungssystems oder mehr den Sinn für gesellschaftliche Gerechtigkeit. Wenn es der Regierung gelingt, diese schwere Verwerfung der österreichischen Gesellschaft zu glätten, dann hat sie ihren Sinn bereits erfüllt, dann werden viele andere Unzulänglichkeiten dieser Koalition eines Tages als nebensächlich erscheinen.