profil vor 25 Jahren: SPÖ im Herbst

Der Altkanzler hatte Ende 1988 nicht viel zu lachen, im Gegenteil: "Es presst mir die Tränen in die Augen“, gestand Bruno Kreisky im großen profil-Gespräch zur Covergeschichte vom 19. September 1988. Deren Titel: "SPÖ im Herbst“, subtil illustriert mit geknickter Nelke. Anlass für Kreiskys Lamento: Sein geschätzter Nachfolger Fred Sinowatz kämpfte gerade eher erfolglos gegen den Verdacht der falschen Zeugenaussage, war inzwischen bereits zum dritten Mal zurückgetreten (zunächst als Kanzler, dann als Parteivorsitzender, nun auch noch als Nationalratsabgeordneter) und regte den großen Alten zu einer nüchternen Analyse an: "Formal Begabtere als den Fred Sinowatz hat es sicherlich gegeben.“ Mit dessen Nachfolger wollte Kreisky freilich so gar nicht warm werden: "Mit Vranitzky will ich mich ausdrücklich nicht beschäftigen. Ich will nur sagen: Die Auswahl der Führungspersönlichkeiten der Partei war früher ihre große Tugend. Sie hat sich das immer lange überlegt.“

Nicht besonders lange hatte profil offenbar vor seiner aktuellen Burgtheater-Premierenvorschau überlegt: "Aus dem von Claus Peymann so liebevoll geplanten Skandal wird wohl nichts werden. Erstens wg. erwiesener Harmlosigkeit von Bernhards Theater-Suada; und dann, weil Peymann den Skandal-Termin 14. Oktober - naturgemäß - nicht einhält.“ Der besagte Skandal-Termin wäre der 100. Geburtstag des Burgtheaters gewesen, die Premiere erfolgte schließlich drei Wochen danach, aber skandaltechnisch spielte das Datum offenbar keine allzu große Rolle. Das Stück, das profil für "erwiesen harmlos“ hielt, hieß "Heldenplatz“. Aus heutiger Sicht presst einem das natürlich die Tränen in die Augen.

Sebastian Hofer