Willkommen Wahnsinn

Gute Vorsätze, böse Prognosen und Last-Minute-Geschenk-Optionen für die Weihnachts feiertage und das Jahr mit der Kennzahl 2012. Letzte Anregungen, Wünsche und Geständnisse des profil-Kulturteams.

Ein Gegenmittel im Kampf gegen die
Feiertagsdepression

Alexander Bartl
Gegen Seelenschatten hilft ein Spaziergang durch „Neu Marx“ im dritten Bezirk. Denn mit Ausnahme von Günther Domenigs T-Center ist hier neue Architektur versammelt, so trostlos, dass einem der eigene Durchhänger nicht mehr so schlimm erscheint.

Karin Cerny
Morbider Spaß: Die britische TV-Serie „Downton Abbey“ fängt mit dem Untergang der „Titanic“ an – und endet beim Zweiten Weltkrieg. Exzellente Schauspieler und zynische Dialoge sorgten im Königreich bereits für phänomenale Einschaltquoten.

Philip Dulle
Feiertägliche Depressionen können im Österreichischen Filmmuseum mit dem meisterhaften Slapstick der Marx Brothers bekämpft werden. Als antithetisches Zusatzprogramm werden dieses Jahr zudem Arbeiten von Luis Buñuel präsentiert.

Stefan Grissemann
Das neue Album der britischen Postpunk-Visionäre Magazine, nach Jahrzehnten der Abwesenheit veröffentlicht, ist ein Meisterstück avancierter Popmusik und angewandter Ironie: „No Thyself“ wird mit jedem Hördurchgang noch besser.

Sebastian Hofer
Geordneter (und bunt gestreifter) Rückzug ins Boudoir: Missoni-Frottee-Bademantel „Jazz“ (199 Euro). Merke: Farben bringen Glück.

Wolfgang Paterno
Schau nach bei Arte: Der deutsch-französische Kultursender zeigt ab Montag dieser Woche Höhepunkte aus dem Wahnwitz-Kosmos von „Laurel and Hardy“. Umsichtige schaffen schleunigst Platz auf der Festplatte des DVD-Rekorders.

Nina Schedlmayer
Schlichte Vergnügungen sind zuweilen die besten: Eine 360-Grad-Runde am Praterturm, dem 117 Meter hohen Karussell in Wiens Donaupark, lässt profane Probleme in weiter Entfernung erscheinen – und bringt wieder Schwung ins Serotonin-Depot.

Ein erstklassiger Grund, sich auf 2012 zu freuen

Alexander Bartl
Im ersten Jahresdrittel soll in Dornbirn der Prototyp des Life­Cycle Tower fertig sein, ein Holzhochhaus, das dank seiner Bauweise bis zu 100 Meter hoch in den Himmel wachsen soll – und richtig gut aussehen kann.

Karin Cerny
Die Wiener Festwochen widmen Ungarn einen Schwerpunkt. Regisseure wie Árpád Schilling und Kornél Mundruczó erforschen theatralisch, was in ihrer Heimat, die seit geraumer Zeit radikal nach rechts abdriftet, falsch läuft.

Philip Dulle
Ein Wiedersehen mit Goblinkönig und Waldelbin: Der erste Teil von Peter Jacksons Tolkien-Adaption „Der Hobbit“ kommt im Dezember 2012 in die Kinos. Blockbuster-Alarm!

Stefan Grissemann
Vier neue Arbeiten des österreichischen Radikal-Erzählers Ulrich Seidl: Neben seiner rund sechsstündigen „Paradies“-Trilogie bereitet der Regisseur gerade auch seine zweite Theaterarbeit für die Wiener Festwochen 2012 vor.

Sebastian Hofer
2000. Geburtstag des römischen Tyrannen Caligula am 31. August. Gute Chancen auf eine TV-Ausstrahlung des gleichnamigen Schundfilmklassikers (Tinto Brass, 1979). Alternative: Toga-Party im Bademantel (siehe oben).

Wolfgang Paterno
Runde Geburtstage feiern: Gene Kelly (100), Muhammad Ali (70), Arthur Schnitzler (125), Bastian Pastewka (40), Aretha Franklin (70), Johnny Cash (80), Liz Taylor (80).

Nina Schedlmayer
Das Wiener Leopold Museum und das Linzer Lentos widmen sich im Herbst dem männlichen Akt. Der künstlerische Gender-Diskurs sezierte über Jahrzehnte weibliche Rollenbilder en détail: Nun kommt endlich der Mann an die Reihe.

Grund zur Panik:
Warum man vor 2012 Angst haben sollte

Alexander Bartl
Die von Otto Wagner gestaltete Spitalsanlage in Steinhof gehört zwar zu den größten Jugendstil­ensembles der Welt. Trotzdem wird es die Stadt Wien vermutlich auch 2012 nicht lassen können, das Gelände partout neu bebauen zu wollen.

Karin Cerny
Weltuntergangslaune: Laut Maya-­Kalender spielt die „dunkle Spalte der Milchstraße“ 2012 eine zentrale Rolle. Tatsächlich Angst muss man aber nur vor jenen Hipstern haben, die in Überlebenscamps noch egoistischer werden, als sie ohnehin schon sind.

Philip Dulle
Österreichs Popfestivals setzen nach eigenem Bekunden auch 2012 auf Altbewährtes: Chaos, Gatsch und Metallica müssen reichen, um Massen zu mobilisieren. Innovatives lässt sich bei Groß­festivals von Großbritannien bis Spanien finden.

Stefan Grissemann
Weltklima im Eimer, Erste Welt bankrott, und die Idiokratie herrscht unumschränkt, so weit das Auge reicht. Aber glücklicherweise gilt Angst allen psychologischen Gutachten zufolge ja als Motor. Es geht also, trotz allem, voran.

Sebastian Hofer
Das Ende der EURO. Am 1. Juli, um elf Uhr abends. In Kiew. Hoffentlich ohne griechische Beteiligung.

Wolfgang Paterno
Runde Geburtstage feiern: Tom Cruise (50), Harrison Ford (70), Ben Affleck (40), David Hasselhoff (60), Christina Stürmer (30), Cameron Diaz (40), Leni Riefenstahl (110), Jon Bon Jovi (50).

Nina Schedlmayer
Der republikanische Präsidentschaftskandidat Rick Perry präsentierte bereits einen Vorgeschmack auf die US-Wahl 2012, als ihm bei einer TV-Debatte entfallen war, welches Ministerium er streichen wolle. Das Ergebnis des Urnengangs lässt fürchten.

Ein schuldiges Vergnügen: Peinlicher Lustgewinn

Alexander Bartl
Der frauenverachtende Fußballer Kev King aus C. M. Taylors „Premiership Psycho“ (Heyne Verlag, 13,40 Euro) ist die Peinlichkeit in Person. Dennoch lässt man sich von ihm gern die Welt erklären, weil hier Fußballklischees pointiert bestätigt werden.

Karin Cerny
Die Lebensweisheiten von TV-­Superblondine Daniela Katzenberger: „Ich bin absolut künstlich, unnatürlich, aber dafür verstelle ich mich nicht.“ Da könnte selbst das Kulturfernsehen davon lernen, das authentisch sein will und dabei oft nur betulich wirkt.

Philip Dulle
Die virtuos überzeichnete HBO-Serie „True Blood“ thematisiert nicht nur den Rassenkonflikt in den Südstaaten der USA in adaptierter Form (Mensch vs. Vampir), sondern auch die Welt der Teenies: Liebe, Sex und Partydrogen. Suchtgefahr!

Stefan Grissemann
Musste das sein? James Camerons leider wie auf Knopfdruck mitreißende Milliarden-Schmonzette „Titanic“ läuft ab 5. April auch in 3-D-Version – damit noch ein bisschen was reinkommt. Hollywood kann’s brauchen.

Sebastian Hofer
Modernes Drama: Zwei Berliner Grafikstudenten haben das jüngste Staffelfinale von „Germany’s Next Topmodel“ transkribiert und im Reclam-Look als Trauerspiel formatiert. Und was sagt Heidi? „Hallo! Wahnsinn!“ (issuu.com/grischka).

Wolfgang Paterno
Shoppen seh’n: Auf TV-Verkaufssendern wie HSE 24 und QVC ist die quietschbunte Warenwelt noch in Ordnung. Highlight: die halbstündigen, mit Emphase und Schmelz präsentierten Monologe zu den Vorzügen des Bordüren­sticker-Sets aus Schmucksteinen.

Nina Schedlmayer
Kitschalarm: Mit seinen „Sissi“-Filmen der 1950er-Jahre prägte Regisseur Ernst Marischka das Bild einer eskapistischen Monarchie-Idylle. Verregnet-verkaterte Sonntagnachmittage lassen sich dennoch bestens mit Romy Schneider zubringen.

Ein Geschenk
für gute Freunde

Alexander Bartl
Das Fallingwater-Haus von Frank Lloyd Wright in Pennsylvania zählt zu den Klassikern der Moderne. Klötzchenkonzern Lego hat ein Minimodell des Gebäudes aufgelegt – für Zeitgenossen, die sich beim Nachbauen wie der Meister höchstselbst fühlen wollen.

Karin Cerny
Silvana Rowes Kochbuch „Kulinarisches Osteuropa“ beweist, dass russische Rezepte nicht nur für Neureich da sind. Leicht nachzukochen sind auch die Menüvorschläge aus „Granatapfel, Sumach & Zitrusfrucht“ (AT Verlag), das sich dem Orient widmet.

Philip Dulle
Ein schönes Geschenk ist seit je das mit viel Seele zusammengestellte Mixtape. Funktioniert auch in Zeiten von USB-Stick, iPod und Smartphone. Empfehlung zur perfekten Visualisierung der Weihnachtsgabe: die App „AirCassette“ um preisgünstige 1,50 Euro.

Stefan Grissemann
Ein Paket zur wegweisenden Arbeit des Filmemachers James Benning: Die DVD „American Dreams / Landscape Suicide“ (Edition Filmmuseum) bietet zwei Benning-Werke – US-Geschichte an der Schnittstelle von Dokumentarismus und Strukturalismus.

Sebastian Hofer
Willkommen Wahnsinn: Colson Whitehead, der lebendigste unter den zeitgenössischen US-Jung­literaten, fährt in „Zone One“ (Doubleday, 25,95 Dollar) mit dem Zombie-Genre Schlitten. ­Jingle Bells!

Wolfgang Paterno
Die verdienstvolle Ausgabe der „Gesammelten Gedichte“ (Klever Verlag) des 2001 verstorbenen Wiener Poeten und Performers Christian Loidl, der einst bemerkte: „Als Kind wollte ich, dass die Welt so ist, wie ich sie heute sehe: nicht ohne Zauber.“

Nina Schedlmayer
Der Wiener Zeichner Nicolas Mahler unterwandert in seiner Graphic Novel „Alte Meister“ den bisweilen larmoyanten Unterton von Thomas Bernhards Literaturklassikern mit lapidarem Witz. Kunstbetrachtungen auf hohem Niveau, zum Schreien komisch.

Geschenk für
Lieblingsfeinde

Alexander Bartl
Dubais Burj Khalifa ist mit 828 Metern das höchste Gebäude der Welt. Grund genug für Lego, seine ambitionierte Architekturserie um ein Modell dieser Potenzprothese zu ergänzen: ein steiler Staubfänger für alle, die sich wahre Größe nicht leisten können.

Karin Cerny
Er sieht zwar aus wie Otto Waalkes, ist aber einer der derzeit gefragtesten DJs. Konzertkarten bedeuten aber Strafe, weil David Guetta nicht nur mit Vocoder-Einheitssound nervt, sondern auch, weil er sich in ähnlich peinliche Posen wie Dieter Bohlen wirft.

Philip Dulle
Neben allzeit beliebten Klassikern (Palmers-Münzen, Ikea-Duftkerzen) gehört das Anfang Jänner erscheinende neue Opus von Esoterikguru Paulo Coelho unter den Baum, das Versprechen des Verlags inklusive: „Mit ‚Aleph’ be­ginnt Ihr Leben neu!“

Stefan Grissemann
Wenn Österreichs Wirtschaftselite zweimal klingelt, freut sich der Manieren-Traditionalist. Willkommen im Land der Schärpen, der Stilverirrungen und der Spießer-Quadrille: Karten für den WU-Ball am 14. Jänner sind sicher auch kurzfristig noch zu haben.

Sebastian Hofer
Liveticket für „Frisch gekocht“ (19 Euro, inkl. USt.), nebst Drohung: „Neben köstlichen Rezepten, viel Witz und Charme können Sie exklusiv im Anschluss an die Sendung auch ein nach Originalrezept von Andi & Alex zubereitetes Gericht verkosten.“ The horror!

Wolfgang Paterno
Alle Jahre wieder: eine original handsignierte Autogrammkarte von Robert Kratky, nationaler Ö3-Wecker und neuerdings auch TV-Palavermaster, auf eBay (aktuelles Gebot: 1,99 Euro).

Nina Schedlmayer
„Mann und Vater sein“; „Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen müssen“: So lauten die gängigen Titel der aktuellen Ratgeberliteratur. Mit mitleidigem Lächeln als Präsent überreicht, lassen sich perfekt maliziöse Botschaften überbringen.