Kulturpolitik: Die Verwandlung

Elfriede Jelinek ist die zentrale Symbolfigur des Widerstands gegen Schwarz-Blau. Nun erhielt die „Nestbeschmutzerin“ den Nobelpreis – und steht plötzlich als Nationalheldin da.

Der große Preis gehört uns allen! Er geht an „das Kulturland Steiermark“, freut sich die ÖVP, er geht an die „österreichische Literatur insgesamt“, sagt SPÖ-Bundespräsident Heinz Fischer. Doch er „nützt sicher auch dem regierungskritischen Lager“, wie Schriftsteller Robert Schindel erleichtert konstatiert.

Elfriede Jelinek hat sich in ersten, kurzen Interviews bereits höflich dagegen verwehrt, eine „Blume im Knopfloch Österreichs“ (Michael Häupl) zu sein. „Eine Vereinnahmung werde ich auf keinen Fall dulden“, sagt sie gegenüber profil, „weil ich eine entschiedene Gegnerin dieser Regierung bin, die ja die erste in Europa ist, die die extreme Rechte wieder zugelassen und salonfähig gemacht hat.“

Doch der Nobelpreis ist größer als Elfriede Jelinek. Er gehöre den „Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern“, befindet Kunststaatssekretär Franz Morak unter Hinweis auf die Kultursubvention. Er beschere „den österreichischen Frauen“ „einen freudenvollen Tag“, urteilen die Grünen. Kurz: Der Literaturnobelpreis geht zum ersten Mal in seiner über hundertjährigen Geschichte – „an Österreich“.

Dies ist, zumindest im konkreten Fall, so seltsam wie bemerkenswert. Seit die gebürtige Steirerin Ende der sechziger Jahre das literarische Parkett betrat, lief sie gegen das offizielle Österreich und seinen Hurra-Patriotismus Sturm. Schon ihr erster öffentlicher Auftritt 1969 führte zum Eklat. Nachdem Jelinek den Lyrikpreis der Österreichischen Hochschüler erhalten hatte, äußerte die FPÖ in einer parlamentarischen Anfrage ihr Unverständnis darüber, dass nun schon „pornografische Texte“ prämiert würden.

Jelinek brach aus dem Sperrbezirk der schöngeistigen Literatur aus und wurde zur öffentlichen Figur, was ihr die Politik in den folgenden dreißig Jahren nie verziehen hat. Sie mischte mit Flugblättern und Pamphleten in der 68er-Bewegung mit und trat 1974 der Kommunistischen Partei Österreichs bei (Austritt 1991). „Literatur als Kunst sollte sich raushalten“, sagte sie einmal. „Der Literat dagegen sollte sich absolut engagieren.“

Immer wenn etwas in dem Land passierte, passierte auch etwas mit Elfriede Jelinek: Sie wurde wütend. Und sie mischte sich ein. „Es wäre ein Zeichen von Größe, Heide Schmidt eine Ministerpension anzubieten“, sagte sie etwa 1999 nach der Wahlniederlage des Liberalen Forums. 1993 ätzte sie: „Ich verabscheue Thomas Klestils Vorgangsweise, spätestens seit er in seiner Wahlkampfrede gesagt hat, dass er sich die Kriegsgeneration nicht schlecht machen lässt.“

Verweigererin. Die FPÖ hat Jelinek dafür gehasst, wofür sie nun vom königlichen Nobelpreiskomitee ausgezeichnet wird: dass sie sich nicht als staatstragende Literatin vereinnahmen lassen will. Sie polemisierte gegen die Verhaftung der VolxTheaterKarawane in Genua (2001), attackierte die österreichische Polizei nach den Bombenattentaten von Oberwart (1995) und wetterte am Lichtermeer gegen das Ausländervolksbegehren der FPÖ (1992). Die Biografie Elfriede Jelineks ist auch die Nachkriegsbiografie Österreichs.

Und so war es unvermeidlich, dass Jörg Haider und Jelinek in den neunziger Jahren im Kollisionskurs frontal aufeinander zutrieben. Schon 1982 war die Dichterin von der FPÖ auf jene Rolle festgelegt worden, die sie bis heute zu spielen hat. Denn mit ihrem Stück „Burgtheater“, uraufgeführt in Bonn, war sie weit in die düstere Tabuzone der Zweiten Republik vorgestoßen: Sie hatte die nationalen Theaterlieblinge Attila Hörbiger und Paula Wessely als Mitläufer des Nationalsozialismus porträtiert. Flankiert von Kampagnen der „Kronen Zeitung“, stigmatisierte Haiders FPÖ die Autorin forthin konsequent zur „Nestbeschmutzerin“ Österreichs.

Die Demarkationslinie war scharf gezogen: Jelinek wurde als „hochsubventionierte Staatskünstlerin“ zu den „Braven und Fleißigen“ in oppositionelle Stellung gebracht. Dass sich die FPÖ dabei absurderweise ausgerechnet einer Künstlerin bediente, die in Österreich jahrelang links liegen gelassen worden war, minderte nicht die Schlagkraft der freiheitlichen Kampagnen. Es war Haider nicht um Jelinek zu tun. Es ging der FPÖ um die „Skandalisierung von Kunst und Künstlern als Selbstzweck“, „die Aktivierung aller kunstfeindlichen Ressentiments“ und das „Mobilisieren von Neid-Instinkten“, wie die Publizistin Sigrid Löffler 1995 urteilte.

Plötzlich taugte die Kultur im Allgemeinen und die „Sexorzistin“ (profil 1994) im Besonderen als manipulierbare Skandalmasse im tagespolitischen Infight der Parteien. Jelinek lieferte die schärfste Munition, weil sie ihre Österreich-Kritik auch im Ausland vortrug und damit gegen den freiheitlichen Patriotismusgrundsatz verstieß. In der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ etwa analysierte Jelinek die FPÖ 1991 als „dumpf homoerotischen Verein von gesunden Jungmännern“ und Jörg Haider als „grinsendes Bürschchen“.

Ihren dramatischen Höhepunkt erlebte die Auseinandersetzung 1995, als die FPÖ auf großflächigen Plakaten süffisant fragte: „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk … oder Kunst und Kultur?“ Tagelang blieben öffentliche Reaktionen zur Verteidigung der Autorin aus. „Jelinek wurde von der FPÖ etwas angetan, das nach der Nazizeit keiner Künstlerin, keinem Künstler in diesem Land widerfuhr, sie wurde öffentlich an den Pranger gestellt“, urteilt Schriftstellerkollege Michael Scharang. Jelinek selbst war geschockt: „Das Gefühl war ein absolutes Erschrecken.“

Resignation. Die Kämpfe begannen, Jelinek zu zermürben. Im April 1996 spricht sie erstmals ein landesweites Aufführungsverbot ihrer Stücke aus (das sie nicht einhalten wird). „Ich gehe in die innere Emigration“, sagt sie damals. „Der Hass, der mir hier entgegenschlägt, ist nicht ertragbar. (…) Als öffentliche Person ist das Leben in Österreich nicht auszuhalten.“

Zu Jelinek, ihrer Person wie ihrem Werk, konnte dreißig Jahre lang niemand, kein heimischer Politiker, kein Kritiker und kein Theaterdirektor eine neutrale Position einnehmen. Man musste ihr gegenüber Position beziehen, weil sie Position bezog. Sie würde die SPÖ sogar dann wählen, wenn deren Vorsitzender ein „Pavian im Ballettröckchen“ wäre, hat sie einmal gesagt. Mit ihrer klaren Haltung machte sie sich Feinde. Aber auch Freunde. Wolfgang Zinggl, der Kultursprecher der Grünen, lobte die Wahl des Nobelpreiskomitees, weil Jelinek immer aufgestanden sei gegen „rechtskonservative, neoliberale oder ausländerfeindliche Politik“.

Nach den Nationalratswahlen 1999, die zur schwarz-blauen Koalition führten, meldete sich Jelinek zwar aus der inneren Emigration zurück. „Ich bin leider dazu gezwungen, mich zu äußern“, sagte sie. Sie unterschrieb offene Briefe („Keine Allianz mit der Niedertracht“), hielt scharfe Reden, marschierte bei den Donnerstag-Demos gegen die Regierung. Doch klingen ihre Pamphlete seither erschöpfter, fast resigniert. „Es ist sinnlos geworden, dieses Anrennen“, sagte sie 2000. „Es hat nichts genützt.“ Und: „Die Wähler wollen den Wandel nach rechts.“

Als Elfriede Jelinek Donnerstag vergangener Woche den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam, reagierte sie erschrocken: „Ich habe gebetet, dass ich ihn nicht bekomme, weil ich furchtbare Angst habe, mein zurückgezogenes Leben nicht weiterführen zu können.“ Denn trotz aller Vereinnahmungsverbote erklärte ÖVP-Kultursprecherin Andrea Wolfmayr die ehemalige „Nestbeschmutzerin“ umgehend zur neuen Nationalheldin: „Österreich kann stolz sein“, hielt sie fest.

Während Jörg Haider zetert („Eine kommunistische Schriftstellerin bekommt von mir keine Blumen“) und die freiheitliche Kultursprecherin Helene Partik-Pablé fürchtet, dass Jelineks „bizarres Österreichbild“ jetzt wohl noch mehr verbreitet werde, scheint zumindest Alexander Van der Bellen das Wesen von Jelineks Kunst verstanden zu haben. „Der Nobelpreis“, so der Grünen-Chef, „geht ganz gewiss nicht an ein Land, sondern an eine im besten Sinne unabhängige Schriftstellerin.“