Kunst: Das große Hasenstück

Das Image der Albertina ist nach der Dürer-Affäre international angeschlagen. Seinen Rücktritt bietet Direktor Klaus Albrecht Schröder dennoch nicht an. Stattdessen gerät das Bundesdenkmalamt unter Beschuss.

Teilnahmslos blickt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder in den großen, kühlen Raum. 70 mehrheitlich angriffslustige Journalisten warten auf eine polemische Bemerkung, einen Patzer, ein Schuldeingeständnis. Der monumentale Goya-Saal im Madrider Prado muss Schröder wie ein Gerichtssaal vorkommen. Mit grimmiger Miene starrt er an die hohe Decke, als gelte der Dank von Prado-Direktor Miguel Zugaza für die gute Zusammenarbeit gar nicht ihm. Ab und zu betrachtet er die „Mayas“ von Goya und das Selbstporträt des großen Spaniers, die direkt neben der Pressebühne die meterhohe Wand schmücken.

Er sei sich sicher, betont Zugaza, dass er die österreichischen Behörden, welche fünf der sensibelsten Dürer-Bilder bereits nach vier Wochen zurück nach Wien holen wollen, durch die hohen Konservationsmaßnahmen im Prado umstimmen könne. Schröder blickt ins Nichts, wirkt verloren.

Wenige Minuten später beginnen die Fragen der Journalisten auf den Albertina-Direktor einzuprasseln. Man erkundigt sich nach Ausfuhrgenehmigungen, Kompetenzüberschreitungen und Leihzeiten. Schröder erklärt, dass nun alle Genehmigungen vorlägen und er aus dem Fall gelernt habe. „Ich trage als Museumsdirektor die Verantwortung, und zukünftig wird die Albertina die organisatorischen Angelegenheiten bei Leihgaben selber in die Hand nehmen.“ Aber die Journalisten sind längst bei der Frage, ob die für kommenden Herbst vereinbarte Dürer-Schau in Washington stattfinden werde. Darüber allerdings möchte er nun wirklich nicht reden: kein Kommentar.

Der Auftritt von Klaus Albrecht Schröder im Madrider Prado am Freitag vergangener Woche ist symptomatisch für den Museumsmann: Er will die ganze Aufregung nicht verstehen. „Bei mancher Berichterstattung gewinnt man den Eindruck, als hätte der Direktor der Albertina eine Zeichnung in ein Kuvert gesteckt und sie als Postwurfsendung nach Madrid geschickt, um sie dort am Schwarzmarkt anzubieten“, schüttelt er im profil-Interview irritiert den Kopf.

Die Realität, wie Schröder sie sieht, mutet auch in Krisenfällen freundlich an: Mit den österreichischen Behörden bestehe weiter nichts als „eine geringfügige Meinungsverschiedenheit rein technischer Natur“, ließ er am Donnerstag vergangener Woche in einer gemeinsamen Presseaussendung mit dem Prado wissen.

Dass Schröder darum bemüht ist, seinen Fehler herunterzuspielen, überrascht kaum: Schließlich geht es um seinen Job. „Es handelt sich hier um Kunstgüter, die an Rang nicht mehr zu überbieten sind“, urteilte Generalkonservatorin Eva-Maria Höhle vor einer Woche. Als die Causa am 28. Februar via „Zeit im Bild“ publik wurde, schlugen im Bildungsministerium die Wellen hoch. Ministerin Elisabeth Gehrer, so eine Mitarbeiterin ihres Hauses, schloss Schröders Kündigung nicht länger aus – und verpasste dem Medienvirtuosen flugs einen Maulkorb: Die Albertina durfte tagelang keine Stellungnahme abgeben. 57 wichtige Dürer-Arbeiten ohne Ausfuhrgenehmigung am 16. Februar nach Spanien entsandt zu haben schien in der öffentlichen Wahrnehmung alles andere als ein „geringfügiger“ Fauxpas zu sein. Was sonst sollte einen Rücktritt motivieren?

Doch die Ministerin, die schon Wilfried Seipel, dem Direktor des Kunsthistorischen Museums, nach dem Raub der „Saliera“ den Rücken deckte, ließ es bei öffentlicher Schelte bewenden. „Schröder hat offensichtlich einen Fehler gemacht“, kommentierte Gehrers Pressesprecher und stellte gleichzeitig unmissverständlich klar: „Für den voreiligen Transport der Kunstwerke trägt die Albertina die alleinige Verantwortung.“ An personelle Konsequenzen sei jedoch nicht gedacht: Die Angelegenheit sei „nicht strafrechtlich relevant“, sondern bloß die „einfache Übertretung einer Verwaltungserfordernis“.

Tatsächlich wurde Schröder vom negativen Ausfuhrbescheid des Bundesdenkmalamtes (BDA) überrascht: Es sei, sagt Schröder, bei den Bundesmuseen seit 16 Jahren „schlechter Usus“, dass sich die Speditionen um die nötigen Ausfuhrgenehmigungen bemühten. In dem Augenblick, in dem er erfahren habe, dass der erste Transport mit 57 Dürer-Werken ohne Genehmigung losgefahren sei, „ließ ich den zweiten Transport nach Madrid sofort stoppen. Ich glaube nicht, dass mich eine Schuld trifft, aber ich bin zweifelsohne als Direktor derjenige, der verantwortlich ist.“

Anders als der Albertina-Boss betonen Direktoren anderer Museen, dass es keinesfalls „Usus“ sei, so locker mit Ausfuhrgenehmigungen umzugehen. „Die Verwaltungsangelegenheiten erledigen wir mit dem Denkmalamt selbst“, so Johann Kräftner, der Direktor des Liechtenstein-Museums. „Schließlich kann ich diesem gegenüber besser argumentieren als eine Transportfirma.“ Erst vor Kurzem habe er beim BDA um die Ausfuhr zweier Objekte nach Vaduz nachgesucht. „Da die Genehmigung nicht rechtzeitig kam, habe ich die Objekte aus den Transportlisten gestrichen.“

Auch die Österreichische Galerie im Belvedere nimmt es mit Formalitäten laut eigenem Bekunden überaus genau: „Die Spedition stellt drei bis vier Wochen im Vorhinein eine Anfrage ans Denkmalamt. Wir warten, bis die Genehmigung da ist – ohne Genehmigung gibt es keinen Transport.“ Auch im Wiener Museum Moderner Kunst betont man: „Ohne Ausfuhrgenehmigung gibt unser Depotleiter die Werke nicht frei.“

Der Transport der Dürer-Grafiken freilich war so aufwändig und teuer wie kaum ein anderer internationaler Kunsttransport: Die fragilen Blätter wurden von dem Transportunternehmen Kunsttrans in voll integrierte Klimaboxen verpackt, die 26.000 Euro pro Stück kosten und selbst bei 700 Grad Außentemperatur, also etwa im Falle eines Brandes, die Innentemperatur eine Stunde lang stabil halten. Die Lastwagen waren stoßsicher, über Barcelona wurde der Transport von einem Helikopter begleitet. Eine Verzögerung des Transports wäre die Spedition teuer zu stehen gekommen.

Routine? Hätte Schröder damit rechnen müssen, dass die Ausfuhr fast des gesamten Dürer-Bestandes der Republik kein Routinefall ist? Als das Grazer Joanneum zu Beginn der neunziger Jahre die Ausstellung „Imperial Austria“ ins Ausland verschickte, wurden die Verhandlungen darüber bereits Jahre zuvor aufgenommen: So heikel waren die Exponate. „Um eine Freigabe der St. Lambrechter Votivtafel zu erhalten, wurde das Außenministerium eingeschaltet“, erzählt Direktor Wolfgang Muchitsch.

„Es ist zwar üblich, dass die fraglichen Anträge sehr kurz vor der Ausfuhr ans BDA gestellt werden, weil das ein Formalakt ist“, kommentiert Direktor Wilfried Seipel, „dennoch hat sich Schröder in diesem Fall sicherlich ungeschickt verhalten. Aufgrund der hohen Zahl der verliehenen Werke und ihres Ikonen-Status in der Öffentlichkeit hätte er vielleicht mit dieser Reaktion des BDA rechnen müssen.“

Damit sei gerade nicht zu rechnen gewesen, kontert Schröder. Innerhalb der letzten Monate seien Hauptwerke der Albertina gleich im Dutzend ins Ausland gegangen – ganz ohne Beeinspruchung des BDA. „Da hat das Standardverfahren ja auch gereicht“, so der Albertina-Chef. Die Ausstellung „Michelangelo und seine Zeit“ etwa war in Venedig und Bilbao zu sehen: Über hundert Blätter von Raffael, Leonardo und Michelangelo wurden anstandslos und kurzfristig freigegeben. Dabei sind Werke Michelangelos aufgrund einer speziellen Tinte, die der Italiener verwendete, wesentlich fragiler als Dürer-Grafiken. Auch die Frage, warum die Rubens-Arbeiten der Albertina ohne konservatorische Prüfung seitens des BDA nach New York verliehen werden durften, will die Behörde nicht beantworten: Kuratorin Eva-Maria Höhle war dazu für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Dass ihm jemand aus dem BDA persönlich schaden wolle, glaubt Schröder nicht (siehe Interview). Freilich waren die Kontrahenten schon einmal hart aneinander geraten: Im Zuge des Albertina-Umbaus hatte ein Gutachten Höhles festgehalten, dass ein Bibliotheksgang aus dem Biedermeier „absolut schutzwürdig sei“. Schröder legte Berufung ein. Das Ministerium gab ihm Recht. Der Gang wurde eingerissen.

Der Vorwurf, sich über Vorschriften im Umgang mit teurer Kunst leichtfertig hinwegzusetzen, trifft Schröder indes nicht zum ersten Mal: Als Geschäftsführer des Leopold Museums verlieh er 1998 Hauptwerke der Sammlung Leopold nach New York. Als zwei Gemälde Egon Schieles, „Tote Stadt III“ und „Wally“, von den US-Behörden beschlagnahmt wurden, staunte die Kunstwelt. Bis heute ist gerichtlich nicht geklärt, ob „Wally“ an die amerikanisch-österreichische Jüdin Maria Altmann restituiert werden muss.

Den Schiele-Vorfall und die Causa Dürer könne man, betont Schröder, „nicht miteinander vergleichen“. Ihm wurde damals vorgeworfen, sich nicht um die nötige Immunität der Bilder gekümmert zu haben: Die Verantwortung, so Schröder, sei jedoch nicht bei ihm, sondern beim Leihnehmer, dem New Yorker Museum of Modern Art, gelegen.

Kunstverleih gehört im Museumsbetrieb zur täglichen Routine: Großausstellungen wie etwa die Munch-Schau der Albertina sind nur mit Leihgaben möglich, die meist nicht ohne Gegenleistungen erhältlich sind. Und Klaus Albrecht Schröder wurde zum Albertina-Direktor bestellt, weil er als Macher gilt. Er sollte die Besucherzahl in seinem Haus hochschrauben. Dass dies gelungen ist, steht außer Frage: 2004 zählte die Albertina über 800.000 Besucher.

Düstere Prognosen. Das Macher-Image ist nun freilich angeknackst. Österreichs Ansehen in der Kunstwelt hat durch die „Hasen“-Affäre vermutlich Schaden genommen – und das ist nur eine der düsteren Prognosen der Experten. Die Verleihtätigkeit könnte „sehr viel schwieriger werden“, urteilt Schröder selbst. Auch Johann Kräftner vom Liechtenstein-Museum meint: „Die Museen werden sich in Zukunft viel früher um Leihgaben kümmern müssen.“ Inzwischen erwägt Ministerin Gehrer sogar, Österreichs empfindlichste Kunstwerke auf einen Index zu setzen und für eine Ausfuhr generell zu sperren. Wie unter diesen Umständen Verträge und Gegenleistungszusagen mit internationalen Museen eingehalten werden sollen, ist einstweilen allen Beteiligten unklar.

Auch in Spanien reagiert die Branche konsterniert: „Die Albertina hat den Prado in eine unangenehme Situation gebracht“, urteilt Manuel Lorente, Kunstkritiker der spanischen Tageszeitung „El Mundo“. „Es wurden Verträge unterschrieben, der Prado offerierte dem spanischen Publikum Dürers ‚Feldhasen‘ und das ‚Große Rasenstück‘ – und nun muss sich ein so weltberühmtes Museum teilweise mit Repliken zufrieden geben. Ich hoffe, dass sich die Albertina da keine Türen bei zukünftigen Leihgeschäften verschlossen hat.“

Den größten Schaden dürfte vorerst wohl Klaus Albrecht Schröder selbst davontragen. Die Frage, ob er Partner-Museen garantieren könne, dass seine Verleihzusagen in Hinkunft halten werden, macht ihn ratlos: „Im Augenblick kann ich das nicht.“ An Rücktritt hat der Ober-österreicher dennoch nicht gedacht.

Dabei ist der Entscheid des BDA, das „Große Rasenstück“ in Wien zu behalten und fünf Werke – den „Feldhasen“, „Maria mit den vielen Tieren“, „Die tote Blauracke“, den „Blaurackenflügel“ und die „Kopfstudie nach einem alten Mann“ – nach vier Wochen dem Prado wieder entziehen zu müssen, in der jüngeren Ausstellungsgeschichte einzigartig. Konservatorische Begründungen für den spektakulären Entscheid fehlen in dem Papier.

Kein Wunder: Die Überprüfung durch das BDA erfolgte unter inadäquaten Bedingungen, denn die Dienststelle verfügt weder über die personellen und technischen Ressourcen noch über das nötige Know-how, um fundierte konservatorische Tests durchzuführen. Die Dürer-Werke lagen hinter dickem UV-Glas und wurden mit freiem Auge untersucht. Das Spezialgebiet der zuständigen Konservatorin Höhle: Baukunstwerke.

Die Ausfuhr solcher Grafiken ist freilich generell problematisch. Schröder selbst hatte 2003 anlässlich der Dürer-Ausstellung in der Albertina via Fernsehen letzte Besucherreserven zu mobilisieren versucht: Nach Ende der Schau müsse der „Feldhase“ aus konservatorischen Gründen für Jahre ins licht- und klimageschützte Depot. Dabei hatte der PR-Profi bereits zu jenem Zeitpunkt sowohl dem Prado als auch der National Gallery in Wa-shington zugesichert, die heiklen Dürer-Werke zu leihen.

Ob Schröder nun frech, blauäugig oder fahrlässig gehandelt hat: Der Schaden ist keineswegs gering, nicht für Österreich, nicht für die Albertina und nicht für den Madrider Prado. „Der Streit zwischen der Albertina und den österreichischen Behörden hat das Interesse der Spanier an der Ausstellung zwar enorm gesteigert“, urteilt Manuel Calderón, Kulturjournalist der Tageszeitung „La Razón“. „Es hat mich aber schockiert, dass ein so renommiertes Museum wie die Albertina ohne Ausfuhrgenehmigung solch sensible Bilder ins Ausland schickt. Auch wenn es sich vielleicht um einen bürokratischen Fehler handelt: Hätte Schröder das als Prado-Direktor getan, sein Kopf wäre längst gerollt.“