Anhaltendes Chaos um Kunsthallendirektor Gerald Matt

Frisierte Besucherzahlen, unsaubere Interventionen, fristlose Entlassungen: Das Chaos in der Kunsthalle Wien ist, auch wenn ein neues Gutachten anderes vermitteln will, unübersehbar geworden. Nur die Kulturpolitik schweigt dazu weiter.

Die Wiener Kunsthalle ist eine seltsame Institution. In ihr herrscht weithin sichtbares Chaos: Gegen Direktor Gerald Matt werden Vorwürfe in Stellung gebracht, die von der systematischen Selbstbereicherung über dreist nach oben korrigierte Besucherzahlen bis zu unstatthaften politischen Interventionen (Stichwort: Einbürgerung für Kunsthallensponsoren) reichen, und vergangene Woche wurde auch noch Thomas Mießgang, der langjährige Chefkurator des Hauses, wegen angeblicher Datenweitergabe an Dritte fristlos entlassen. Drei Tage später erschien ein Prüfbericht der Steuerberatungskanzlei IB Interbilanz Hübner, der zu einem sehr pauschalen Ergebnis kam: „Sämtliche Vorwürfe gegen den Direktor der Kunsthalle Wien entbehren jeder Grundlage.“

Das klang nun derart vorbehaltlos, dass man geneigt war, darin weniger das Resultat einer kritischen Prüfung als eine Art Mantra zu erblicken, auf das die Welt gefälligst einzuschwören sei. Aber eine gewisse Nähe zur Realitätsverweigerung gehört eben seit Langem zu den Eigenarten dieses Ausstellungshauses: Der Vorstand des Kunsthallenvereins, der den zitierten Bericht in Auftrag gegeben hat, agiert zwar nominell als Kontrollinstanz, aber de facto seit Beginn der Direktion Matts 1996 eher als dessen Solidaritätskomitee. So liest sich nun auch der aktuelle Prüfbericht der Kunsthallenfinanzen: Matt habe sich „im Rahmen seines Dienstvertrags und seiner Aufgaben und Verpflichtungen als Direktor der Kunsthalle Wien korrekt und im Sinne der Zielsetzungen und Aufgaben des international agierenden Ausstellungshauses verhalten“, alle Nebentätigkeiten seien „vertraglich genehmigt“ gewesen, „alle Projekte detailliert und korrekt abgerechnet“ worden, alle angefallenen Dienstreise-Spesen „im üblichen Ausmaß und sachlich gerechtfertigt“ gewesen. Alles falsch also, was Zeitungen so schreiben, Politiker monieren und Mitarbeiter berichten: alles nur Propaganda. Die Presseaussendung zur offiziellen Reinwaschung Matts wurde im Namen des Vorstands der Kunsthalle Wien von dessen Präsidenten, dem Vorarlberger Unternehmer Thomas Häusle, gezeichnet.

Kunsthallenchef Gerald Matt ist für profil derzeit kategorisch nicht zu sprechen, er schickt Häusle vor, der den Eindruck, dass seit Wochen nichts als Jubelmeldungen und Kalmierungsversuche aus dem Vorstand an die Öffentlichkeit gedrungen seien, profil gegenüber partout nicht teilen kann: Der Vorstand habe „lediglich von unabhängigen Wirtschaftsprüfern und Rechtsexperten überprüfte und festgestellte Tatsachen bekannt gegeben“, sagt Häusle knapp. Die Frage, welche Art von Vergehen er dem gekündigten Ex-Chefkurator vorwerfe, beantwortet Häusle vage: „Es handelt sich um gravierende Verstöße gegen dienstliche Verpflichtungen. Ein Teil der Gründe wurde in das Entlassungsschreiben aufgenommen.“

Mießgang selbst, profil-Lesern auch als Musikkritiker bekannt, steht jedoch vor einem Rätsel: Es gehe offenbar um die Weitergabe von Daten, allerdings sei bislang nicht einmal spezifiziert worden, „ob oder was eigentlich gefunden wurde“. Mießgang erklärt, er sei bei Matt offenbar „in Ungnade gefallen“, nachdem er dem Vorstand von manifesten Arbeitsschwierigkeiten im Haus berichtet habe, die sich durch den unberechenbaren, meist abwesenden Direktor ergeben hätten. Danach sei Mießgang als Kurator kaltgestellt und schließlich entlassen worden.
Die Diskussion über die Zustände in der Wiener Kunsthalle treibt dieser Tage aber weitere bizarre Blüten: Die freiheitliche Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner hielt vergangene Woche etwa per Aussendung in streng menschenfeindlicher Diktion fest, dass mit der Entlassung Thomas Mießgangs „der nächste Kunst-Strizzi der linken Kultur-Abzocker-Szene entsorgt worden“ sei. Und Unterreiner demonstrierte ihre Lust an der Vorverurteilung, beklagte „das fehlende Unrechtsbewusstsein“ Mießgangs „beim Download von pornografischem Filmmaterial und Urheberrechtsverletzungen“ in Form illegal heruntergeladener Musik.
Tatsächlich war sich Matt, der 2009 in seinem Haus die Schau „The Porn Identity“ lancierte, nicht zu schade, Mießgang auch jene pornografischen Bilder vorzuwerfen, die sich angeblich in dessen Computer fanden. Einer der Kuratoren der damaligen Ausstellung, Thomas Edlinger, bestätigt auf profil-Anfrage, dass er sich an Planungssitzungen zu „The Porn Identity” im Büro der Kunsthalle erinnern könne, in denen Matt mit Mießgang diverse Porno-Streams hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit in der Ausstellung diskutierte. Matt wusste also nicht nur selbstverständlich davon, dass sich solche Bilder auf Mießgangs Festplatte finden würden, er hat deren Existenz dort als Direktor de facto zu verantworten – und sich nun nicht doppelmoralisch darüber zu ereifern.

Die Frage nach der kulturpolitischen Verantwortung im Umgang mit der Kunsthalle stellt sich angesichts solcher Zustände dringlicher denn je. Denn die Kunsthalle ist zwar ein Verein und dem Zugriff der Politik daher scheinbar entzogen. Aber sie operiert mit Steuergeldern, mit immerhin vier Millionen Euro im Jahr, die von der Stadt Wien getragen werden. Man könnte meinen, dass der zuständige Kulturpolitiker, Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny, sich nicht nur als Zahlmeister der Kunsthalle versteht, sondern als Subventionsgeber Transparenz fordern würde. Aber das vernehmliche Schweigen Mailaths, der seit Wochen nichts Substanzielles zur Causa verlauten ließ, ist kaum zu brechen. profil teilte er nun lediglich mit, dass die Kunsthalle „ein unabhängiger Verein“ sei, was „nicht zuletzt das Ergebnis einer Politik, die sich seinerzeit aus der Kultur zurückziehen wollte, aber auch von Forderungen des Rechnungshofs“ sei.

Weder Matts langjährige Vermischung von Privatleben und Steuergelderverwendung noch die stillschweigenden Amtsverlängerungen Matts durch seinen Vorstand hält Mailath für problematisch genug, um als Kulturstadtrat zu der Erkenntnis zu kommen, einschreiten zu müssen – und wenigstens mit Konsequenzen in Sachen Geldfluss zu drohen: „Aus den bislang vorliegenden Prüf­ergebnissen ergeben sich keine Anhaltspunkte, die eine missbräuchliche Verwendung von Subventionen nahelegen.“ Es werde allerdings „generell zu einer strengeren Limitierung der Vertragslaufzeiten bei Kultureinrichtungen kommen, wie ich das ja auch bei der neuen Führung der Wiener Festwochen vorgesehen habe“.

Während also Mailaths Zweifel an der Amtsführung Matts weitgehend ausgeräumt sind, liegen profil Dokumente vor, die belegen, dass Matts Selbstgerechtigkeit als Direktor der Kunsthalle keine Erscheinung der vergangenen Monate ist. In einem Aktenvermerk, den Matt per E-Mail im Mai 2003 an seine Geschäftsführung übersandte, hielt er bezüglich der Besucherzahlen, die der Kunsthallenausstellung der Arbeiten Walter Niedermayrs buchhalterisch zuzuordnen seien, fest, dass er, Matt, „bei Eröffnungen (so wie früher auch) von zwischen 1300 und 1500 Personen ausgehen“ würde. „In diesem Fall 1327 Personen.“ Und: „Nichtsdestotrotz sollten für den internen Gebrauch die mittels Klicker festgestellten Besucherzahlen weiterhin erhoben werden.” Die realen Zahlen sind bei Matt, wie das Beispiel zeigt, allenfalls für die hausinterne Nutzung gut, die explizite Aufforderung zum Frisieren der Publikumszahlen hat offenbar System.

Noch weiter zurück reicht ein Briefwechsel mit dem einstigen VP-Kulturstadtrat Peter Marboe, der sich Anfang 2002 bei Häusle bitter beschwerte, dass man ihm als zuständigem Politiker die klammheimliche Amtsverlängerung Matts einfach verschwiegen habe – und zwar fast anderthalb Jahre lang. Denn Matt ließ sich bereits anno 2000 von seinem Vorstand, Jahre vor Ablauf seines damaligen Vertrags, für ein Jahrzehnt als Direktor bestätigen. Marboe schrieb, er könne die Vorgehensweise des Vorstands „nur als unangebrachten Hohn empfinden“ – und ordnete eine interne Untersuchung des Falls an. Marboes Nachfolger Mailath ließ die Vorwürfe gegen Matt erwartungsgemäß fallen.

Man könnte meinen, Gerald Matt sei ein viel beschäftigter Kunsthallenchef.
Ein Blick in den Stapel an Honorarnoten, die er allein in den vergangenen Jahren an hausfremde Geldgeber stellte, lässt andere Schlüsse zu. Bei derzeit kolportierten 12.000 Euro Monatseinkommen in der Kunsthalle leistet sich Matt nämlich jede Menge Nebenjobs: Jeweils um die 3000 Euro Honorar ließ er sich privat für ins Ausland transferierte Kunsthallenausstellungen bezahlen – und allein 9000 Euro für Konsulententätigkeit „im Rahmen der Studie für ein Gletschermuseum” 2005; zudem bezog er ab Mitte 2003 ein ganzes Jahr lang monatlich 3000 Euro für seine (von Thomas Mießgang geschriebenen) Videokolumnen für einen Handy-Betreiber; 3000 Euro nahm Matt 2007 auch für seinen Vortrag im Rahmen einer Bregenzer Textiltagung, immerhin 60.000 Schilling 2001 für seine Teilnahme an Jurysitzungen zum Thema „Dachbodenausbau – Wohnen im Zentrum von Wien”. Zuletzt bezog Matt 2008 stolze 15.000 Euro für „kuratorische Tätigkeit im Rahmen von Kunst im Parlament”, weitere 8000 Euro im selben Jahr für „Jurytätigkeiten für die Invest Kredit Sammlung“ – von einem gewissen Heinz Mathis, der im Unternehmen „KunstKontakt“ kein Geringerer als der Geschäftspartner von Kunsthallenpräsident Thomas Häusle ist. Gerald Matts lukrative Welt ist eine geschlossene Seilschaft, in der man voneinander ungehindert profitiert.
Natürlich: Gier ist kein Verbrechen. Aber sie ist ein Symptom. An diesem laboriert die Institution Kunsthalle seit Jahren. 33 Dienstreisen absolvierte Matt allein im Vorjahr, seit 2002 war der Direktor nie weniger als 101 Tage im Jahr auf Reisen, 2007 waren es sogar 127 Tage. „Man musste den Eindruck gewinnen, die Kunsthalle werde per Diensthandy aus den Fünfsternehotels in aller Welt geleitet“, berichtet Mießgang. Aber der Vorstand mauert weiter, genau wie die sozialdemokratischen Fördergeber, in deren Dunstkreis Matt bekanntlich groß geworden ist. Das Milieu um Matt ist ein eng gewobenes Netzwerk an SP-nahen Personen, von denen viele aus den Ministerbüros kamen und in gut bezahlten Kulturjobs untergebracht wurden. Auch Thomas Mießgang gehörte lange, ehe er nun davongejagt wurde, in ­diese Seilschaft. Die meisten der von ihm gezeichneten Texte ließ Matt von Ghostwritern verfassen, und viele Ausstellungen, die er kuratiert haben soll, auch Privatprojekte, delegierte er an MitarbeiterInnen der Kunsthalle. Häusle bestreitet dies energisch, aber es lässt sich belegen: nicht nur von Mießgang selbst, der stets als Matts Hauptautor fungierte, sondern auch von Künstlern, die zu Protokoll gaben, ihren „Kurator“ Gerald Matt erst bei der Vernissage kennen gelernt zu haben.

Eine Verlängerung Matts, dessen Vertrag bis Ende 2014 läuft, kommt für Thomas Häusle „selbstverständlich“ noch infrage: „Sämtliche Prüfungen ergaben, dass die Kunsthalle Wien und ihr Direktor ausschließlich korrekt und kosteneffizient gearbeitet haben.“ Demnächst schon könnte die Direktion der Kunsthalle bis in die frühen zwanziger Jahre des laufenden Jahrhunderts zementiert werden.

Mit den Worten „Chers amis“ leitete Gerald Matt 2003 und 2004 jedes seiner einminütigen Mobiltelefon-Filmchen ein. Das passt, denn die lieben Freunde sind des Kunsthallendirektors berufliche Lebensversicherung. In einer der Episoden zitierte Selbstdarsteller Matt prophetisch aus Guy Ritchies Gangster-Comedy „Snatch“: „Entweder man löst ein Problem – oder man wird selbst zum Problem.“