Lange Schatten

Mirko Kovats holt die eigene Vergangenheit ein: Ein Vorfall aus den neunziger Jahren bringt den Chef der börsenotierten A-Tec-Gruppe im Herbst vor Gericht – und seinen Konzern in eine höchst prekäre Lage.

Um 13.30 Uhr sitzt Freimut Dobretsberger in einem Restaurant in der Wiener Innenstadt. Es ist Donnerstag, der 19. Juli 2007. Der Aufsichtsratsvorsitzende der börsenotierten A-Tec Industries AG hat eine Frittatensuppe bestellt. „Das Beste bei so einer Hitze, weil man damit dem Körper Flüssigkeit und Salz zuführt“, wie er sagt. 30 Minuten später nimmt er im Büro von Mirko Kovats in der Wächtergasse Nummer 1 Platz. Auch wenn die Klimaanlage dort die Temperatur auf Werte unter 20 Grad kühlt, wird Dobretsbergers Blut in der folgenden Stunde dennoch ein wenig in Wallung geraten. Das liegt aber vermutlich ebenso wenig an der konsumierten Suppe wie am Umstand, dass er tags darauf seinen 70. Geburtstag feiern wird.

Der Aufsichtsratspräsident der börsenotierten A-Tec-Industries-Gruppe bespricht mit deren Gründer, Mehrheitsaktionär und Vorstandschef, wie man mit der aktuellen Situation verfahren soll. Einer höchst unangenehmen Situation. Kurz zuvor war publik geworden, dass das Wiener Landesgericht Mirko Kovats im September wegen Verdachts der betrügerischen Krida anklagen wird. „Eine alte Geschichte“, wie Kovats selbst gebetsmühlenartig betont. Eine, die mit A-Tec überhaupt nichts zu tun habe. Nach der Unterredung sieht sich auch Dobretsberger veranlasst, seinem Vorstandschef den Rücken zu stärken: „Es gibt für uns keinen Anlass, an seiner Führungsqualität zu zweifeln.“
In zwei Dingen mögen die beiden Herren ja Recht haben: Die Causa datiert aus der Zeit 1996 bis 1998 und betrifft ein damaliges Immobilien- und Gastronomieengagement von Kovats (siehe Kasten). Sie hat also mit A-Tec nicht das Geringste zu tun. Der heute 57-Jährige hat über die letzten Jahre solide Arbeit geleistet und aus A-Tec Industries einen der größten und auch an der Börse sehr erfolgreichen Konzerne des Landes geschmiedet.

Nun steht aber diese höchst unerfreuliche Begebenheit aus der Vergangenheit kurz vor ihrer juristischen Aufarbeitung. Und allein der Umstand, dass sich Mirko Kovats deshalb ab 17. September vor Gericht verantworten muss, ist unerfreulich genug. Auch wenn dieser unermüdlich betont, viele Unterlagen und ein umfangreiches Gutachten würden seine Unschuld belegen, so muss er doch bekennen: „Entscheiden wird das Gericht.“
Wie sensibel der Markt auf solche Botschaften reagieren kann, mussten Kovats und die A-Tec-Aktionäre Mitte vergangener Woche erfahren. Am 18. Juli, dem Tag nach Bekanntwerden der bevorstehenden Anklageerhebung, krachte die Aktie zwischenzeitlich nahezu 14 Prozent in den Keller. Auch wenn das Papier in den folgenden Tagen wieder ein wenig Terrain gutgemacht hat, so ist davon auszugehen, dass spätestens zum Prozessbeginn ein neuer Kursrutsch ansteht. Nicht auszudenken, was passiert, sollte Kovats verurteilt werden und schlimmstenfalls sogar eine Haftstrafe antreten müssen.
Bis zum Prozess schwebt nun über einem der größten, zumal börsenotierten Industriekonzerne des Landes eine Art Damoklesschwert. Kaum ein Unternehmen ist hierzulande derart stark mit seinem Gründer und Chef verknüpft wie A-Tec. Keines würde wohl derart in Mitleidenschaft gezogen, wenn ebendieser zu einer Haftstrafe verknackt würde.

Herbe Kritik. In Österreich gibt es, im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder den USA, zwar keine gesetzliche Verpflichtung für einen Vorstandschef eines börsenotierten Unternehmens, sich in so einem Fall zurückzuziehen. Derartige Zwischenfälle werfen aber grundsätzlich ein schiefes Licht auf die Managementqualitäten eines Vorstandsvorsitzenden. Wilhelm Rasinger, als Präsident des Interessenverbandes für Anleger gleichsam von Berufs wegen kritisch, hält dessen „Karenzierung“ für geboten. „Das wäre sowohl im Interesse von A-Tec als auch von Kovats selbst, damit er sich unbelastet auf seinen Prozess vorbereiten kann.“ Der sieht allerdings keinen Anlass, sein Vorstandsmandat auch nur vorübergehend ruhend zu stellen: „Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Wenig erfreut reagiert auch Markus Fichtinger vom Aktienforum: „Es wäre allein schon problematisch, wenn der Prozess zu lange dauert.“ Und sollte es zu einer Verurteilung kommen, müsste Kovats wohl sein Amt niederlegen. „Mit einer Krida-Verurteilung kann ein Manager keinen börsenotierten Konzern mehr führen“, sagt Fichtinger. Kovats selbst weicht solchen Fragen aus: „Ich will wirklich keine Was-wäre-wenn-Diskussionen führen“.

Die schlechte Optik könnte vor allem einem der A-Tec-Großaktionäre, der amerikanischen Fondsgesellschaft Capital Research & Management, übel aufstoßen. In den USA gibt es nämlich einen als „Directors Disqualification“ bekannten Passus im Börsegesetz, der verurteilte Manager zum Rücktritt zwingt. Sollte Kovats dieses Schicksal ereilen und er dennoch im Amt bleiben wollen, werden die Amis vermutlich ziemlich ungehalten reagieren.
Folgen hat die bevorstehende Anklage ohnehin bereits gezeitigt. Vergangene Woche endete eine zweieinhalbmonatige Investorentour quer über den halben Globus. Im Rahmen dieser so genannten Road Show versuchte Kovats, Käufer für eine geplante Anleihe zu begeistern. Bis zu 200 Millionen Euro frisches Kaptial sollte A-Tec dadurch zufließen. „Der Konzern wird das Geld auch brauchen, um seine jüngsten Akquisitionen in Deutschland finanzieren zu können“, meint ein Aktienanalyst. „Das haben wir längst erledigt“, erwidert Kovats. Die geplante Anleihe sei bereits für künftige Projekte gedacht gewesen.

Hände gebunden. Jedenfalls dürfte der Handlungsspielraum der A-Tec-Gruppe derzeit doch empfindlich eingeschränkt sein. Zuletzt sorgte der Konzern mit einer heißen Übernahmeschlacht in der Kupferindustrie für Schlagzeilen. Am 17. Juni hatte A-Tec die Übernahme von zehn Prozent am deutschen Kupferkonzern Affinerie bekannt gegeben. Später wurde dieser auf 15 Prozent aufgestockt. Spekulationen, A-Tec könnte eine Komplettübernahme anstreben, nährte Kovats damals mit dem kurzen Kommentar: „Ich bin nicht eingestiegen, um wieder auszusteigen.“ Am 5. Juli folgte mit dem Kauf von 25 Prozent am belgischen Konzern Cumerio der nächste Schritt. Kovats begann, laut über Pläne für ein großes europäisches Kupfer-Konglomerat nachzudenken. Dass für die dazu nötigen weiteren Investments Geld nötig wäre, versteht sich. Dass die verschobene Anleihe da gerade recht gekommen wäre, ebenso.
Heute will Kovats aber keinen Handlungsbedarf sehen. A-Tec sei „mit den derzeitigen Beteiligungen in einer sehr komfortablen Rolle“. Nun setzt Affinerie jedoch alles daran, Cumerio zu schlucken, und A-Tec wird dem vermutlich wenig entgegenhalten können.
Während Mirko Kovats also erklärt, alles sei zum Besten, der Konzern in guter Position, er selbst zuversichtlich, was das Verfahren angehe, und auch die Informationspolitik ohne Tadel, übt Aufsichtsratspräsident Dobretsberger zumindest im letzten Punkt Selbstkritik: „Unser Krisenmanagement in dieser Krida-Sache war schlecht. Wir haben ja gewusst, was da kommt, und hätten vorher aktiv informieren sollen.“
Über seinen Vorstandschef lässt er dennoch nichts kommen. Auf die Frage, ob er denn keinen Handlungsbedarf sehe, stimmt er zunächst eine 15-minütige Lobeshymne auf den A-Tec-Gründer an, rühmt dessen „strategischen Weitblick“ und seine „tragende Rolle“. Erst auf Nachfrage bekennt er: „Wir diskutieren natürlich auch verschiedene Szenarien. Für den schlimmsten Fall haben wir aber mit Christian Schmidt einen sehr kompetenten zweiten Konzernvorstand mit Industrieerfahrung und ein ausgezeichnetes Managementteam in den Teilgesellschaften.“

Von Martin Himmelbauer