Lasst uns roh und munter sein!

Narzissmus ist zur allein selig machenden Überlebenstechnik geworden. Rüpel geben den Ton an, das gesellschaftliche Klima wird täglich rauer. Wie die grassierende Ich-Sucht uns krank macht, und wer dabei unter die Räder kommt.

Von Michaela Ernst

Die Kreuzung Nußdorferstraße-Währingerstraße in Wien inmitten der morgendlichen Rush-Hour: Während die Straßenbahn rechtmäßig in die Kurve bog, kam wie aus dem Nichts ein Radfahrer auf sie zugeschossen. Nur durch die geistesgegenwärtig eingelegte Notbremsung des Straßenbahners konnte ein Unfall verhindert werden. Nicht dass sich der Radfahrer, der trotz roter Ampel in die Kreuzung eingefahren war, etwa entschuldigte, nein, er drohte dem Straßenbahnfahrer mit geballter Faust Gewalt an. Ein Fahrradbote erklärte sich sofort mit dem Wutbürger solidarisch: „Natürlich hat der Radfahrer Recht, wir sind schließlich die Guten. Da nehmen wir es uns eben auch heraus, Regeln zu brechen.“

Fast jeder kann mittlerweile aus einem Fundus grenzwertiger Begebenheiten berichten: von dem Callcenter-Mitarbeiter, der uns erklärt, dass nicht der Lift, in dem wir gerade stecken, kaputt sein kann, sondern dass wir es sind, die nicht richtig ticken. Von der Schuhverkäuferin, die ihre Kundin anschnauzt, wie viel sie denn jetzt eigentlich noch zu probieren gedenkt. Oder vom Kellner, der den Gast rüde aus dem Weg drängt mit der Bemerkung, dass er schließlich arbeiten müsse, während andere bloß zum Vergnügen hier seien.

Das gesellschaftliche Klima wird täglich rauer. In der neuen Ellbogen-Gesellschaft gelten Begriffe wie Respekt, Solidarität, Fairness, Empathie und Solidarität als durchaus vernachlässigbare und dem eigenen Fortkommen hinderliche Größen. Die Ursachenforschung für die grassierende Ich-Sucht gestaltet sich relativ einfach: Ein verschärftes Wirtschaftsklima und der Zwang, ständig erreichbar zu sein, setzen die Menschen unter Dauerstress.

Lesen Sie die Titelgeschichte von Michaela Ernst in der aktuellen Printausgabe oder in der profil-iPad-App.